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Moderner Dienstleister bewahrt alten Charme

DMI-Chef Bengt Dölitzscher zeigt einigen Heimatfreunden das Werk an der Muldenwiese. Für Heinz Rennert war das ein Fest.

© Dietmar Thomas

Von Heike Heisig

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Leisnig. Heinz Rennert, Baujahr 1929, ist nicht mehr gut zu Fuß. Das Knie bereitet ihm Probleme. Trotzdem nimmt er vorsichtig jede Stufe, die ihn von einer Etage in die andere bringt. Er will nichts verpassen, was Bengt Dölitzscher ihm und rund einem Dutzend Leisniger Heimatfreunden zeigt. Die Gruppe Neugieriger ist auf dem Firmengelände der ehemaligen Textilfabrik auf der Muldenwiese unterwegs. Von der Familie Böttger gegründet, waren über Jahrzehnte meist mehrere Hundert Mitarbeiter in der späteren „Saxonia“ tätig. Heinz Rennert aus Wiesenthal hat in dem Betrieb Weber gelernt und bis auf kurze Zeit sein gesamtes Arbeitsleben dort verbracht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das hier noch einmal sehen darf“, gesteht er mit feuchten Augen. Da ist die Gruppe schon am Ende des Rundganges angekommen – in der Warenannahme, in der eigentlich der Digitalisierungsweg beginnt.

Als 1991 die Demontage der Tuchfabrik startet, geht Heinz Rennert in den Vorruhestand. Seitdem ist er nicht wieder in den einstigen Produktionsräumen gewesen. Trotzdem ruft er im Erdgeschoss plötzlich freudig: „Hier hat meine Werkbank gestanden.“ „Als Reinhold Schmelter die alten Gebäude 1994 kaufte, wuchsen schon Birken aus dem löchrigen Dach“, erzählt Bengt Dölitzscher. Er gehört zu den ersten Mitarbeitern, die der Unternehmer aus dem westfälischen Münster an seinem neuen Firmenstandort in Leisnig einstellte. Inzwischen ist der Archivdienstleister mit 540  Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in der Region. 1,5 Millionen Belege gehen jeden Tag durch die Hände der Produktionsmitarbeiter. Das heißt, sie sichten, ordnen und digitalisieren täglich rund 30 000 Patientenakten. „Damit sind wir der größte Archivdienstleiter für Patientenakten in Europa“, so der Betriebsleiter.

Die Heimatfreunde staunen über das, was jetzt in den Hüllen der früheren Textilfabrik passiert. Heinz Rennert kann es gar nicht glauben, dass er im Festsaal stehen darf. Dort hatten die Mitarbeiter früher nur zu besonderen Anlässen Zutritt. Im Gegensatz zu jetzt. DMI hat den Saal renoviert, die Holztäfelung und die Nischenfenster mit Bemalung restauriert und mit technischen Raffinessen (Beschallung) kombiniert. Genutzt wird der Saal heute von den Mitarbeitern als Speisesaal – beinahe rund um die Uhr. Denn seit inzwischen 13 Jahren werden die Akten im Drei-Schicht-Betrieb verarbeitet.

In den Räumen des Betriebes hat Heinz Rennert auch bange Stunden des Krieges miterlebt, sah Bomber direkt auf sich zufliegen. „Im letzten Moment haben sie aber abgedreht“, antwortet er auf Fragen aus der Runde. Weil im Krieg keine Männer für den Feuerwehrdienst zur Verfügung standen, ist der Senior fast noch als Kind in die Reihen der Feuerwehr eingetreten, damals noch in Zschockau. In der Saxonia gehörte er zur Betriebsfeuerwehr. Mit der musste er allerdings nur einmal zum Einsatz kommen. „Da waren Schuhoberstoffe im Trockner in Brand geraten“, erinnert sich Rennert noch genau. Als Ausrüstung stand der Betriebswehr ein Tragkraftspritzenanhänger, kurz TSA genannt, zur Verfügung. Als Alterskamerad ist Rennert noch heute Mitglied der Feuerwehr Leisnig.

Außer dem Festsaal und dem Großteil der Gebäude ist bei dem Dienstleister nichts mehr historisch. In den zurückliegenden Monaten hat die Firma das Haus C (ehemalige Färberei) durch einen Neubau ersetzt, der trotz Muldennähe hochwassersicher ist und von der klimatischen Ausstattung her den modernsten Ansprüchen gerecht wird. Nun sollen auch die Mitarbeiter, die im Altbau produzieren, bessere Arbeitsbedingungen bekommen. Damit die Handwerker die Modernisierung bewerkstelligen können, wird übergangsweise in den neuen Räumen produziert. Bis der Altbau fertig ist, geht es noch einmal mächtig eng für alle zu, dann sollte sich die Lage entspannen.