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Dippoldiswalde

Möbelfabrik wird zwangsversteigert

Die Industriebrache in Colmnitz verfällt zusehends, was den Besitzer nicht stört. Nun schaltet sich die Gemeinde Klingenberg ein.

Die ehemalige Stuhl- und Möbelfabrik Hoffmann & Kittel in Colmnitz. Zuletzt betrug der Kaufpreis 3 600 Euro.
Die ehemalige Stuhl- und Möbelfabrik Hoffmann & Kittel in Colmnitz. Zuletzt betrug der Kaufpreis 3 600 Euro. © Egbert Kamprath

Einst florierendes Unternehmen und größter Arbeitgeber im Ort, heute für viele Colmnitzer ein Schandfleck – die ehemalige Stuhl- und Möbelfabrik Hoffmann & Kittel in der Ortsmitte ist in keinem guten Zustand.

 Der Besitzer kümmert sich nicht um das Haus. Deshalb hat die Gemeinde Klingenberg nun eine Zwangsversteigerung für das Gebäude in der Unteren Hauptstraße 23 erwirkt. Das gab Bürgermeister Torsten Schreckenbach (BfK) jüngst im Gemeinderat bekannt.

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Beides – Grundstück und Haus – haben einen privaten Besitzer, der die Industriebrache 2009 bei der Internetversteigerung der Deutschen Grundstücksauktionen AG erworben hat. Damals bekam „Germany 100“ – so der online Nutzer-Name des Käufers – für 3 600 Euro den Zuschlag. Die Immobilie umfasst rund 310 Quadratmeter Wohn- und 3 520 Quadratmeter Gewerbefläche. Das dazugehörige Grundstück ist 8 000 Quadratmeter groß. Der Eigentümer, über den nichts Näheres bekannt ist, wohnt im Ausland und zeigt kein Interesse an der ehemaligen Colmnitzer Fabrik. Das Haus verfällt, das Grundstück verwildert.

Siegfried Fleischer stammt aus Colmnitz, Heimatgeschichte ist sein Hobby. 
Siegfried Fleischer stammt aus Colmnitz, Heimatgeschichte ist sein Hobby.  © Anja Ehrhardtsmann

Um Vorbeigehende vor herabfallenden Dachziegeln oder Ähnlichem zu schützen, ist die Gemeinde nun eingeschritten. Der Bauhof musste für die notwendige Verkehrssicherung sorgen, erklärte der Bürgermeister. „Wir haben notdürftig einen Bauzaun zur Sicherung des Grundstückes an die Grundstücksgrenze gestellt.“ Eigentlich wäre das Pflicht des Grundstücksbesitzers, der aber auf keines der Schreiben aus Klingenberg reagiert hatte.

Die Gemeinde erwirkte daraufhin beim Amtsgericht die Zwangsversteigerung, zuständig ist das Gericht in Dresden. „Wenn die Gemeinde Forderungen gegenüber dem Grundstückseigentümer hat und diese nicht gezahlt werden, kann man diese einfordern. Als letztes Mittel steht die Zwangsversteigerung“, so der Bürgermeister. Einen Termin dafür gibt es noch nicht, so Schreckenbach, wahrscheinlich wird es aber noch dieses Jahr soweit sein. Die Gemeinde selbst hat kein Interesse an dem Objekt. „Gut wäre, wenn es jemand kauft.“ Denn sonst gibt es einen Fall mehr, von dem Gefahr für den Verkehrsraum ausgeht, sagt Bürgermeister Schreckenbach.

Blüte und Niedergang des Betriebs

Viel ist heute nicht mehr über die einstige Stuhl- und Möbelfabrik in der Unteren Hauptstraße 23 bekannt. Ein paar Eckdaten findet Siegfried Fleischer vom Colmnitzer Heimatverein dann doch noch in seinen Unterlagen. Bevor die Fabrik gebaut wurde, stand dort früher eine Mühle, die erstmals 1754 erwähnt wurde. Da heute nichts mehr davon zu sehen ist, musste diese vermutlich dem Fabrik-Neubau weichen. Karl Friedrich Hoffmann, Firmengründer der Stuhl- und Möbelfabrik, hatte das Grundstück im Jahr 1885 von der Vorschussbank Freiberg gekauft.

Acht Jahre später stieg besagter Kittel mit ins Unternehmen ein, der Firmensitz wurde neu gebaut. Laut Landesamt für Denkmalpflege Sachsen entstand das Kontorhaus wohl um 1913, das mehr als 100 Meter lange Produktionsgebäude etwa 1905. Siegfried Fleischer vermutet vielmehr, dass das Kontorhaus schon etwas eher fertig war. Eine seiner historischen Postkarten zeigt das Produktionsgebäude mit Kontorhaus. Gestempelt wurde die Karte bereits 1912.

Glanz früherer Tage: Diese historische Postkarte, gestempelt 1912, zeigt die ehemalige Stuhl- und Möbelfabrik.
Glanz früherer Tage: Diese historische Postkarte, gestempelt 1912, zeigt die ehemalige Stuhl- und Möbelfabrik. © Repro: SZ

Die Stuhl- und Möbelfabrik Hoffmann & Kittel nahm jedenfalls 1913 ihren Betrieb auf. „Die Fabrik war größter Arbeitgeber im Ort und in der direkten Umgebung“, sagt Siegfried Fleischer. Viele Colmnitzer, Klingenberger, Ober- und Niederbobritzscher standen dort in Lohn und Brot. Die Geschäfte liefen gut, ab 1939 lenkte Kurt Helmut Richter die Geschicke der Fabrik – bis der Betrieb 1948 schließlich enteignet wurde. Angeblich waren dort im Zweiten Weltkrieg Munitionskisten gebaut worden. Etwa bis 1963 wurden in der Firma dann ausschließlich Möbel hergestellt. „Wann die Stuhlproduktion eingestellt wurde, kann heute keiner mehr sagen“, sagt Siegfried Fleischer. Fest steht, ab 1964 war der Volkseigene Betrieb (VEB) Möbelfabrik Colmnitz dann Betriebsteil der VEB Bodenbearbeitungsgeräte Leipzig. Die Colmnitzer waren Zulieferer von Teilen für die Produktion von Bodenbearbeitungsgeräten. „Hartmut Kaden war bis 1969 Chef der Gütekontrolle und dann Betriebsbereichsleiter bis Juni 1992“, erklärt der gebürtige Colmnitzer. Nach den Wende-Jahren wurde es dann ruhig um die Fabrik am Colmnitzbach. Irgendwann hatte eine Firma Marek wohl noch einige Räume gepachtet, vor der Versteigerung 2009 stand das Gebäude allerdings schon jahrelang leer.

Auch mit dem neuen Besitzer hat sich für das Gebäude, das auf der Liste der Kulturdenkmale in Sachsen steht, nichts zum Besseren gewendet. Seit „Germany 100“ die Industriebrache gekauft hat, ist wenig passiert. In den Erhalt des Hauses wurde jedenfalls nichts investiert. Bleibt abzuwarten, ob sich daran etwas ändert, falls die alte Fabrik nach der Zwangsversteigerung erneut den Besitzer wechselt.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/ort/freital und www.sächsische.de/ort/dippoldiswalde vorbei.

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