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Mörderisches Stärkungsmittel

Eine Görlitzer Kriminalgeschichte von 1498: Arsen sollte den Weg zur Geliebten ebnen und führte zum Henker.

Von Ralph Schermann

Ende des 15. Jahrhunderts bewegte ein Mordfall die Görlitzer: Donat Uttmann vergiftete seine Ehefrau. Die Kriminalakten dazu sind vollständig erhalten, was heute jeden Staatsanwalt verwundern dürfte: Vollständig erhalten hieß damals lediglich ganze vier Blatt Papier.

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Dass der Fall in der Bevölkerung Aufsehen erregte und die Justiz sehr schnell handeln ließ, hat einen einfachen Grund. Die Familie Uttmann war eine der angesehensten und reichsten in der mittelalterlichen Stadt. Christoph Uttmann, Vater des Mörders, stammt aus der Bergbauregion Annaberg und soll dort ein Vermögen erworben haben. Er besaß Girbigsdorf und sechs weitere Orte des Umlandes, ein Haus auf der Peterstraße und einen großen Garten auf der Kahle, der heutigen Johannes-Wüsten-Straße. Der Mann saß von 1455 bis 1464 im Stadtrat und starb 1481. Auch Bruder Lorenz Uttmann wird in den Chroniken als Görlitzer Ratsherr genannt.

Der Stadtrat hatte damals die Obergerichtsbarkeit in seinen Händen. Umso pikanter dürfte es gewesen sein, gegen einen Uttmann zu ermitteln. Und ermittelt werden musste, wenn eine der folgenden Grundlagen erfüllt war: Die öffentliche Meinung musste „schreien“, womit eine massive Anklage gemeint war. Oder der Täter wurde auf frischer Tat ergriffen. Oder direkt Betroffene mussten „ein Zetergeschrei geben“, zu deutsch die Tat anzeigen. Dann folgten die Kriminaluntersuchungen nach Güte und Strenge. Güte würde man heute einfach Vernehmung nennen, Strenge war nichts anderes als Folter. Es gab auch schon Rechtsanwälte, doch deren Beistand für die Beschuldigten erschöpfte sich meist im Aufstellen der Rechnung.

Damals wurde auch noch nicht ausführlich protokolliert, sondern Schreiber notierten mehr Zusammenfassungen in erzählendem Ton. Bei Donat Uttmann konnte sowohl auf längere Prosa als auch auf jegliche Folter verzichtet werden, denn der Mann legte sofort nach seiner Festnahme unter Zeugen ein ausführliches Geständnis ab. Er habe seine Frau Margaretha vergiftet, um seine Geliebte ehelichen zu können. Das war die Tochter eines Herrn von Braunau bei Löwenberg, hielt der Gerichtsschreiber fest. Damit der Mord nicht als kurze Gewalttat auffiel, wählte Uttmann Arsen als langsam wirkendes Mittel. Zeugen beschrieben, wie er seiner daran erkrankten Frau mit angeblichen Stärkungspulvern zur Seite stand, die er den Mahlzeiten beimischte. Der als Gutachter bestellte Apotheker identifizierte zwei bei der Haussuchung sichergestellte Pulver als arsenicum vitreum und arsenicum album. Bezogen hatte Uttmann das Gift aus einem anderen Ort von einem Apotheker namens Simon Tempelhoff. Als Zweck des Kaufs erzählte er, er bräuche das Gift, weil er Fuchskeulchen machen wolle, also Köderbissen zum Töten von Füchsen. Seinem Sohn Franz, der die Lieferung mitbekam, erzählte er, es handele sich um ein Mittel zur Stärkung seiner Pferde.

Die Sache fiel auf, weil die Hausmagd stutzig wurde. Immer, wenn sie das Essen servieren wollte, hielt Donat Uttmann sie zurück, um aus Fläschchen der Portion seiner Frau angebliche Stärkung beizufügen. Die Magd beriet sich mit der Köchin, beide erzählten ihren Verdacht dem Bürgermeister. Der fackelte nicht lange und ließ Donat Uttmann im Gewölbe unter dem Rathaus einsperren. Zu spät – einen Tag zuvor erlag Margaretha Uttmann dem Gift.

Der Sachsenspiegel, damals sozusagen das Strafgesetzbuch, bestimmte in seinen Absätzen II und XII, dass Giftmörder „upper hort bernen“, also auf einem Rost verbrannt werden sollten. Wegen der angesehenen Verwandtschaft und auf Bitten einiger Freunde gewährte der Richter aber eine Gnade: Donat Uttmann starb unter dem Richtschwert, der Henker trennte ihm mit einem Hieb den Kopf vom Leib.

Nach der Enthauptung wurden die Söhne Christoph und Franz geistlich und ließen sich als Mönche im Kloster Oybin aufnehmen. Christoph wurde dort 1544 sogar Prior und war zudem jener, unter dem sich 1545 das Kloster auflöste. Er starb 1555 in Zittau. Sein Neffe wiederum – auch dieser hieß Christoph – steht erneut für Görlitz, wurde 1564 Ratsherr und später Bürgermeister. Den Namen Uttmann schrieb man da mittlerweile als Ottomann. Und die Geschichte vom schwarzen Schaf der Familie erzählte man sich noch lange.

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