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Moos für bessere Luft in den Städten

2016 zog Green City Solutions nach Berlin um. Jetzt geht das in Dresden gegründete Startup mit den weltweit ersten Biotech-Luftfiltern auf den Markt.

Die Grüner von Green City Solutions Liang Wu (l.) und der Vogtländer Peter Sänger.
Die Grüner von Green City Solutions Liang Wu (l.) und der Vogtländer Peter Sänger. ©  PR

Dresden. Green City Solutions war ein bekanntes Startup in Dresden. 2016 zog es nach Berlin um – weil die Gründer Peter Sänger und Liang Wu dort neben einer größeren Community von Gleichgesinnten auch auf einen besseren Zugang zu Investoren und Kunden hofften. Die Rechnung scheint aufgegangen zu sein. Mit der dritten Generation ihrer City Trees wagt das 2014 gegründete Unternehmen nun die Markteinführung. Mitte März feierte der erste serienreife Biotech-Luftfilter seine Weltpremiere in Berlin.

Der City Tree vereint die natürliche Fähigkeit von Moosen, Feinstaub zu binden, mit der Internet-of-Things-Technologie. Er sammelt die schädlichen Partikel aus der Luft ein und sorgt bis auf fünf Meter Entfernung nebenbei für etwas Temperaturkühlung. Drei dieser kantigen Higtechbäume, vollgestopft mit Mess- und Netzwerktechnik und Sensoren, stehen jetzt vor dem Einkaufszentrum Bikini Berlin in der Nähe des Kurfürstendamm. 

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25 Angestellte hat das Startuo mittlerweile. Hier stehen die Mitarbeiter vor einem City Tree vor dem Einkaufszentrum Bikini Berlin in der Nähe des Kurfürstendamms.
25 Angestellte hat das Startuo mittlerweile. Hier stehen die Mitarbeiter vor einem City Tree vor dem Einkaufszentrum Bikini Berlin in der Nähe des Kurfürstendamms. © PR

Im Unterschied zur ersten Generation, von denen zwei auch in Dresden stehen, sind die verschiedenen Moosarten anders angeordnet und inzwischen hinter eleganten Holzpanelen geschützt. Auch die Energieeffizienz wurde erheblich verbessert. Auf eingebauten Outdoor-Bildschirmen kann die Filterleistung online in Echtzeit abgelesen werden. Nach eigenen Angaben kann ein City Tree die Luft von bis zu 80 Prozent  Feinstaub befreien.

Im Laufe des Jahres sollen insgesamt sechs City Trees an hochfrequentierten Straßen und Plätzen in Berlin aufgestellt werden, kofinanziert von Horizon 2020, dem EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation. Die Umweltsensoren werden gesponsert von Bettair Cities, einem Anbieter von Luftqualitätsensoren. 

Alle Standorte sind mit Bedacht gewählt, um die Unterschiede bei der Wirkung der Luftreinhaltung zu messen und die verschiedenen technischen Facetten etwa bei der Informationsübermittlung testen zu können. „Es ist ein Zwischenschritt auf dem weiten Weg zu unserer Vision. Wir wollen die Technologie zum Standard für die Stadt der Zukunft machen“, sagt Sänger. Mit seinem Abschluss in Produktmanagement in Agrarwirtschaft und Gartenbau ist der gebürtige Vogtländer der Moosexperte in der Firma. 

Die Moose in den City Trees reduzieren die schädlichen Partikel in der Luft deutlich, haben Wissenschaftler nachgewiesen.
Die Moose in den City Trees reduzieren die schädlichen Partikel in der Luft deutlich, haben Wissenschaftler nachgewiesen. © PR

Green City Solutions will das Bedürfnis der Menschen in Städten nach frischer und sauberer Luft erfüllen und zugleich Natur zurück in urbane Lebensräume bringen. „Dabei suchen wir nach Möglichkeiten, wie man frische Luft, die sich nicht monetarisieren lässt, mit neuen Technologien verknüpfen kann“, erklärt Sänger die Herangehensweise. Eine Möglichkeit ist die Verknüpfung mit Ladeinfrastrukturen für Elektroautos und mobile Geräte, die sich der Greentech-Pionier perspektivisch vorstellen kann.

Doch die natürlichen Biotech-Filter sind nicht ganz billig. Ein City Tree ist zum Preis ab 39.000 Euro zu bekommen. Viele Kommunen können sich das nicht leisten. Deshalb knüpft Green City Solutions Partnerschaften auf zwischen Städten, Sponsoren aus der Wirtschaft und Fördereinrichtungen wie dem europäischen Smart-City-Programm Horizon 2020. Seit September 2019 sind 1,9 Millionen Euro in das Berliner Pilotprojekt geflossen. Die Deutsche Telekom etwa vermarktet in ihrem Smart City-Portfolio den City Tree gleich mit. Solch logische Partnerschaften will Sänger weiter aufbauen. Zu den namhaften Kunden gehören neben der Deutschen Telekom auch der Energieversorger Mainova, die Deutsche Bahn und die Schweizerischen Bundesbahnen.

Das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig, die TU Dresden und das Institut für Luft-und Kältetechnik Dresden (ILK) unterstützen Green City Solutions dabei, die Wirkung der Filterleistung zu prüfen. Ergebnis: Die Moose reduzieren die schädlichen Partikel in der Luft deutlich. Mit Hochleistungsfiltern könnten sie sich natürlich nicht messen, aber als Vorteile nennt Stephan Hohlfeld vom ILK neben der Feinstaubabscheidung noch Kühl- und Befeuchtungseffekte zur Bekämpfung der Hotspot-Bildung in Städten. 

Auch in nordeuropäischen Städten wird es zunehmend wärmer, sodass man im Sommer mittags nicht mehr vor die Tür geht. „Mit den City Trees kann man im kleinen Raum die Umgebung um zwei bis drei Grad herunterkühlen. Das ist eine gute Lösung“, sagt der Wissenschaftler. Wenn man sie am Straßenrand aufstellt, können sie auch Schall absorbieren. Noch nicht nachgewiesen sei die psychologische Wirkung von grünen Wänden in der Stadt, aber er kann sich durchaus vorstellen, dass sie positiv ist, meint Hohlfeld. Er kenne kein anderes Unternehmen, das mit Moosen so ein technologisches Produkt entwickelt habe, schwärmt der Fraunhofer-Experte.

Könnten die City Trees bald auch vermehrt in Dresden stehen? Gespräche darüber laufen.
Könnten die City Trees bald auch vermehrt in Dresden stehen? Gespräche darüber laufen. © PR

Warum tun sich die Kommunen dann schwer damit, City Trees zur Luftverbesserung auszuprobieren? Neben fehlender Kenntnis hat vermutlich ein Forschungsvorhaben in Stuttgart für negative Wahrnehmung gesorgt. Ein Jahr lang wurde 2017/2018 eine Mooswand am Neckartor auf ihre Tauglichkeit hin geprüft, Feinstaub zu binden. Es wurde kaum ein Filtereffekt gemessen. „Kein Wunder, wenn man Moos einfach nur an Wände klebt und es keine aktive Durchströmung gibt. Dann kommen die Partikel nicht zu den Moosen und können nicht gefiltert werden“, erklärt Hohlfeld. 

Als weiteren Grund nennt er mangelnde Neugierde. Im Ausland, insbesondere in Asien, sei man generell offener gegenüber Innovationen und habe auch keine Angst vor der Zusammenarbeit mit kleinen Firmen. Dabei ist die Angst im Fall von Green City Solutions unbegründet. Das Unternehmen mit inzwischen 25 Vollzeit-Beschäftigten steht finanziell auf stabilen Füßen.

Neben dem strategischen Mehrheitsgesellschafter Thies Network GmbH und weiteren deutschen Investoren, die Risikokapital zur Verfügung stellen, sichern eigene Umsätze aus Produktverkäufen, Fördermittel der EU, Entwicklungsgelder von Partnerdarlehen und Bankkredite die Finanzierung. Bislang floss ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag in den Aufbau des Unternehmens. 

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Sieht nicht aus wie ein Baum, ist aber einer, ein City Tree – übersetzt: Stadtbaum. Acht dieser Exemplare wachsen noch bis 3. Oktober vor der Frauenkirche auf dem Neumarkt.

Außerhalb Deutschlands reinigen laut Sänger schon rund 100 City Trees die Luft. Vor allem in London sind sie präsent. Dort ist das Problem der Luftverschmutzung enorm und die Stadtverwaltung schneller bereit, Geld auszugeben, um dies zu bekämpfen. Auch aus den Benelux-Ländern und Osteuropa, etwas aus Rumänien, kommen viele Anfragen. In Deutschland will Green City Solutions den Durchbruch über die Verbindung zu neuen Technologien schaffen wie der Ladeinfrastruktur. Und vielleicht stoßen auch die Dresdner in absehbarer Zeit auf mehr Hightech-Moosbäume in der Innenstadt. Es laufen Gespräche mit mehreren Interessenten aus der Dresdner Wirtschaft und dem Klinikum Dresden über den Einsatz von City Trees.

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