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Moritzburgs Fluch und Segen

Gäste finden im Ort reichlich Kultur und Natur. Was Besucher anlockt, bremst zugleich die touristische Entwicklung. Wie lässt sich das Problem lösen?

© Thomas Kube

Von Sven Görner

Eine Million Touristen besucht jedes Jahr Moritzburg. Schnurgerade führt die Allee von Dresden auf das Schloss zu. Ganze Buskolonnen rollen hier an. Ein Touristensegen, wonach sich andere Gemeinden in Sachsen sehnen. Doch die Moritzburger Tourismusmanager wollen nicht einfach nur Masse. Deshalb hat die gemeindeeigene Kulturlandschaft Moritzburg (KLM) jetzt eine 60-seitige Broschüre verfasst – ein Tourismusleitbild.

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Qualität und Ehrlichkeit zahlen sich aus
Qualität und Ehrlichkeit zahlen sich aus

Der Festschmaus wird wie immer lecker sein, doch die alte Couch läd nicht gerade zum Entspannungsnickerchen ein. Das muss nicht sein. Hier gibt`s die Lösung.

Was Moritzburg in Sachen Tourismus künftig will und was nicht, steht da drin. Gewollt ist, dass die Gäste länger im Ort bleiben. Denn derzeit spielen die Tagesgäste mit rund 80 Prozent die größte Rolle. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Touristen beträgt nur 2,4 Tage. Dafür muss sich die Gemeinde vor allem überregional besser vermarkten. Denn außerhalb Sachsens nimmt man meist nur das Schloss wahr. Bei einer Gästebefragung durch die TU Dresden wurde das Jagdschloss mit Abstand als die Besucherattraktion Nummer eins in der Gemeinde genannt. Was nicht verwundert. Schließlich ist das prächtige Bauwerk nicht nur bei den Besuchern aus nah und fern ein beliebtes Fotomotiv. Zu finden ist das Schloss in unzähligen Varianten auch in Kalendern, Reiseführern und sogar auf Kaffeesahne-Verpackungen.

Dabei hat Moritzburg weit mehr zu bieten. Vor allem eine einmalige Verbindung von Natur und Kultur. Auf die Hauptgründe für den Moritzburg-Besuch angesprochen, nannten die Gäste zwei große Themenkomplexe: Bildung und Kultur (48 Prozent) und Natur und Erholung (46 Prozent). Ein weiterer wichtiger Anlass ist der Besuch von Veranstaltungen. Die Autoren wollen daher keine touristische Entwicklung um jeden Preis. Vielmehr soll diese im Einklang mit der Natur und den Einwohnern sowie unter Bewahrung und Wiederherstellung der historischen Kulturlandschaft erfolgen. Auch wenn dadurch zum Teil sehr enge Grenzen gesetzt sind. Was Moritzburg so besonders macht und Gäste anzieht, ist Fluch und Segen zugleich, sagte KLM-Geschäftsführerin Gundula Bleul bei der Vorstellung des Tourismusleitbildes.

Zu den bereits vorhandenen Pfunden gehört das vielfältige Angebot – vom Schloss über das Wildgehege und die Hochseilgärten bis hin zur Erlebnisplantage und den Lößnitzdackel. Außerdem gibt es etablierte Veranstaltungen, wie die Hengstparaden, das Fisch- und Waldfest, das Moritzburg-Festival. Spezielle touristische Themen wie Pferd (Gestüt, Kutschfahrten, Reiten), Kunst (Brücke, Kollwitz) sowie Jagd und Natur (Schloss, Fasanen- und Fischzucht, Falknerei) haben ein hohes Vermarktungspotenzial.

Als derzeitige Schwächen werden im Leitbild dagegen die ÖPNV-Anbindung, die sehr große saisonale Ausrichtung auf das Frühjahr bis Herbst und die starke Fokussierung auf den Ortsteil Moritzburg genannt. Handlungsbedarf besteht aber auch bei der Infrastruktur: So fehlt ein Parkleitsystem, es gibt zu wenige Einkaufsmöglichkeiten, der Zustand der Wege ist teilweise schlecht. Verbessert werden müsse teilweise auch die Qualität und Vielfalt in der Gastronomie und den Beherbergungsbetrieben.

Der Katalog zur Umsetzung des Leitbildes listet interessante Ideen auf. Einige, die in der Verantwortung der KLM oder der Gemeinde liegen, lassen sich möglicherweise zügig angehen. So ist eine Teillösung für das Pferdeäpfelproblem bereits gefunden. Schwieriger wird es dort, wo Ämter und andere Leistungsträger aktiv werden müssen. Beim Hintereingang für das Wildgehege sind beispielsweise der Forst und die Denkmalpfleger gefordert. Und die Vision eines Vier-Sterne-Wellnesshotels funktioniert nur, wenn es einen Investor gibt.