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Mühe geben für das Gedenken

Eva Nees bereitet mit anderen die jährliche Veranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus vor. Die will mehr als erinnern.

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Von Heike Sabel

Eva Nees lebte zwei Jahrzehnte im Kreis Dachau. Dort gab es eines der schlimmsten Konzentrationslager. Auf dessen Gelände existiert heute ein Kloster. Zu dem hat Eva Nees engen Kontakt. Diese Beziehung, die Woche der Brüderlichkeit, die sie als Schülerin erlebte, und zwei Fotos in ihrem Elternhaus prägten sie. Eines der Fotos zeigte die von den Nazis ermordeten Geschwister Sophie und Hans Scholl. Dass Eva Nees’ Eltern die gleichen Vornamen trugen, war Zufall. Die Erziehung ihrer Tochter nicht. Und die wirkt bis heute, da sie 68 ist.

Als vor etwa 15 Jahren der damalige Heidenauer Bürgermeister Michael Jacobs und die Pfarrer Kleiner und Noth eine ökumenisch-politische Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus initiierten und Mitstreiter suchten, war Eva Nees dabei. Jedes Jahr wird seither einer Persönlichkeit gedacht. Abwechselnd einer regionalen und einer überregionalen. Eva Nees übernimmt die christlichen und überregionalen, Regina Michael die aus der Umgebung. Die Namen werden in der Gruppe besprochen. Diesmal wird Martin Kretschmer vorgestellt und seiner gedacht.

Zwei Überzeugungen, ein Anliegen

Kretschmer hat die anthroposophische Erziehung entwickelt und die Bonnewitzer Heilstätte gegründet. 1941 verhafteten ihn die Nazis und schickten ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er am 19. Februar 1942 starb. Steffen Richter, Mitarbeiter der Bonnewitzer Einrichtung, hat ein Buch über Martin Kretschmer geschrieben und nimmt an der Veranstaltung am Montag teil.

Der Ablauf ist im Prinzip immer gleich, sagt Eva Nees. Es gibt die Aufleuchtung benannte Vorstellung der Persönlichkeit. Dazu wechseln sich die Akteure der Gruppe beim Lesen ab. Gedichte und Musik sorgen für eine besondere Ruhe, sagt Eva Nees. Den Abschluss bilden das schweigende Gedenken und das Niederlegen von Blumengebinden auf dem Nord-Friedhof.

Eva Nees bedeutet die jährliche Veranstaltung sehr viel. „Gedenken macht etwas Mühe und ist mehr als erinnern“, sagt sie. Für sie ist es, Gewesenes aktuell zu machen, betroffen zu sein. Immer wieder spürt sie bei den ums Leben gekommenen Personen die Kraft der Werte für Menschen. Deshalb wünschen sie und die anderen sich auch, dass mehr Schüler und Jugendliche an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Dafür wirbt auch immer wieder Regina Michael. Eva Nees und Regina Michael – zwei Frauen, zwei Überzeugungen, ein Anliegen. Die Christin und die Linke sind mit den anderen Heidenauern ein Team. „Es ist erstaunlich und schön, wie aufmerksam wir miteinander sind“, sagt Eva Nees. Sie ist nächstes Jahr wieder mit einer Persönlichkeit an der Reihe. Schon hat sie begonnen, Material über die Jüdin, Christin und Philosophin Edith Stein zu sammeln. Finden Regina Michael und Eva Nees Material, das der anderen helfen könnte, geben sie es weiter.

Seit 20 Jahren ist die aus Bayern stammende Eva Nees Heidenauerin. Sie folgte damals ihrem Mann Alwin, der drei Jahre zuvor ins sächsische Sozialministerium gewechselt war. Die jährliche Gedenkveranstaltung, die Morgenandacht zweimal wöchentlich im Johanniter-Pflegeheim und viele andere Kontakte halfen der einstigen Religionslehrerin Eva Nees, hier anzukommen. Jetzt ist sie eine Heidenauerin mit bayrischen Wurzeln – und Lodenmantel im Schrank.

Gedenkfeier, 27. Januar, 18 Uhr, Kapelle Friedhof Nord