merken
PLUS Feuilleton

Müll aus der Hosentasche

Das Museum der bildenden Künste Leipzig widmet dem nachhaltigen Leben eine Gruppenausstellung.

Blumen im Beton. Die Leipziger Künstlerin Klara Meinhardt schuf diese „Maschine Typ Maya“ 2019.
Blumen im Beton. Die Leipziger Künstlerin Klara Meinhardt schuf diese „Maschine Typ Maya“ 2019. © Punctum/A. Schmidt

Von Sarah Alberti

Die Ausstellung „Zero Waste“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig könnte aktueller kaum sein: Die in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt realisierte Gruppenschau präsentiert Künstlerinnen und Künstler, deren Werke auf die Dringlichkeit verweisen, Ressourcen zu schonen, weniger zu konsumieren und nachhaltiger zu leben. Installationen, Videos, Skulpturen und Fotografien thematisieren die globalen Konsequenzen von Plastikverpackungen, Reifenabrieb, giftigen Chemikalien und Überproduktion.

Gesundheit
Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Gleich zu Beginn wird deutlich, dass dies keinesfalls ausschließlich Themen von Politik und Industrie sind, sondern jeder Einzelne mit seinem Konsumverhalten am Ende und zugleich am Anfang dieser Kette steht: Eliana Heredia aus São Paulo kombiniert Reinigungsschwämme, Plastikhandschuhe und Mülltüten zu einer grafisch anmutenden Installation. Ihre „Syn(äs)thetik des Scheins“ hinterfragt das Überangebot und die Verwendung chemischer Reinigungsmittel und Einmalartikel, die Glanz und Hygiene versprechen.

Ein überdimensionaler Spielzeugautomat von Swaantje Güntzel steht im Weg. In seiner Plastikkugel sind benutzte Figuren, Bausteine und andere Sinnlos-Teile erkennbar, deren „Haben wollen“-Effekt für Kinder sehr viel größer ist als der langfristige Spaßfaktor. Es handelt sich um Plastikmüll aus dem Mageninhalt von Albatrossen.

Ein riesiges Erinnerungsarchiv

Die Leipzigerin Klara Meinhardt gießt Styroporverpackungen von Haushaltsgeräten in Beton ab. Gegenüber steht eine Mini-Skulptur aus einer Schuhcremedose und Styropor: 1949 benutzte Fritz Stastny eine Schuhcremedose, um mit Polymeren zu experimentieren. Mit einer Lösung gefüllt, vergaß er die Dose übers Wochenende in einem Wärmeschrank. Zurück im Labor, thronte der Deckel auf einer 26 Zentimeter hohen Säule aus dem heute so fragwürdigen Verpackungsmaterial.

Müll, so hat es der russische Künstler Ilya Kabakov einmal gesagt, sei die andere Hälfte der Kultur, ihr Gedächtnis und als Summe des Weggeworfenen, von den Maschinen und Körpern Ausgeschiedenen, ein riesiges Erinnerungsarchiv. Wolf von Kries arbeitet kontinuierlich an einem individuellen Müll-Tagebuch: Täglich leert er seine Taschen und wickelt Bonbonpapiere, Eintrittskarten und U-Bahn-Tickets um Büroklammern. Die fortlaufende Kette ist inzwischen 60 Meter lang. Tue Greenfort hinterfragt die selbstverständliche Müllentsorgung und fotografiert Feuer in einer deutschen Müllverbrennungsanlage – erschreckend aktuell: Ende Juli war in einer Altpapier- und Recyclinganlage in Leipzig ein Feuer ausgebrochen, die dunkle Wolke am Himmel apokalyptisch. Die Löscharbeiten dauerten mehrere Tage.

Die meisten Werke in dieser Ausstellung beschreiben den Jetzt-Zustand, alarmieren, legen den Finger in die Wunde, fragen, ob ein Apfel vom Bauernhof um die Ecke, der ein Jahr in einem sauerstoffarmen Kühlschrank gelagert wurde, nachhaltiger ist, als ein Apfel vom anderen Ende der Welt. Die Antwort bleibt die Ausstellung schuldig. Eine kreative Lösung zur Schadstoffreduktion bietet Michel de Broin: Um das Gewicht eines Autos auf ein Minimum zu reduzieren und gleichzeitig dessen Erscheinungsbild zu erhalten, ließ er Motor, Federung, Getriebe und Elektrik entfernen. Angetrieben wird es von den Insassen mit vier Pedalpaaren, die an sommerliche Tretboote denken lassen.

Ökologischer Fußabdruck als Kunstwerk

Ob das eigene Konsumverhalten, neue Technologien oder Müllvermeidung: Die von Hannah Beck-Mannagetta und Lena Fließbach kuratierte Ausstellung möchte Lösungsansätze diskutieren und Zukunftsvisionen entwerfen – auch in Hinblick auf einen ressourcenschonenden Umgang in der Kunstwelt. Der Künstler Andreas Greiner hat den ökologischen Fußabdruck der Ausstellung berechnet. Der Erlös des Begleitkataloges fließt in seinen Versuch, die Kohlendioxid-Produktion durch das Pflanzen entsprechend vieler Bäume in Leipzig zu kompensieren. Die großen Kartonplatten, auf denen Werktitel und Erklärtexte stehen, werden nach der Ausstellung weiter genutzt, alle anderen Verpackungen wiederverwendet. Neu produziert wurden Werke nur dann, wenn es unbedingt notwendig und umweltschonender als der Transport der existenten Arbeit war.

Bereits im November 2019 hatten Direktorinnen und Direktoren führender deutscher Kunstmuseen in einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters von Deutschland mehr Anstrengung zur Bewältigung klimapolitischer Herausforderungen gefordert. Ob Corona die Kunstwelt und das Verhalten Einzelner nachhaltig verändern wird, bleibt abzuwarten. Internationale Lieferketten wurden während des Lockdowns deutlich wie nie zu vor. Das Bedürfnis, Dinge selbst zu machen, beim Bioladen um die Ecke einzukaufen und im Urlaub statt ins Flugzeug aufs Fahrrad zu steigen – es sind zumindest derzeit die sichtbaren Auswirkungen der Pandemie. Corona bescherte Fahrradläden eine Umsatzexplosion. Das Rahmenprogramm der Leipziger Ausstellung passt in diesen Sommer, bietet Hörspaziergänge und einen Kräuterkosmetik-Workshop für die entschleunigte Zeit zu Hause.

„Zero Waste“ bis 8. November 2020 im Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße geöffnet Di, Do – So, Feiertage 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Mehr zum Thema Feuilleton