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Zittau

"Müllfahrer ist doch kein schlechter Beruf"

Jörg Neumann war in der DDR Berufssoldat. Ein Überlaufen zum Klassenfeind wäre für den Zittauer nie infrage gekommen.

Jörg Neumann arbeitet bei der Müllabfuhr in Lawalde. Der 52-jährige Zittauer hatte eine ganz andere Karriere geplant.
Jörg Neumann arbeitet bei der Müllabfuhr in Lawalde. Der 52-jährige Zittauer hatte eine ganz andere Karriere geplant. © Matthias Weber

Karriere? Das Wort hat es nicht gegeben für Jörg Neumann. In der DDR hieß das "Laufbahn". Neumanns Bahn sollte so laufen: Berufsunteroffizier bei der Nationalen Volksarmee, verpflichtet für zehn Jahre, Dienstort Strausberg bei Berlin, technisches Personal auf dem Schießplatz. Später Verpflichtung für weitere 25 Jahre, irgendwann Leiter des Schießplatzes. "Das war der Plan", sagt der 52-Jährige.

Jörg Neumann sitzt am Esstisch in der großen Wohnküche seines schmucken Einfamilienhauses, seine Frau ist gerade vom Einkaufen gekommen. Da geht er nur ungerne mit, gibt er zu. "Wenn ich so vor dem Regal stehe mit 30 Joghurt-Sorten, da will ich mich gar nicht entscheiden." Früher war Mangelwirtschaft, heute ist Überfluss, sagt er. "Das ist beides nicht gut."

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Jörg Neumann erlebt ja jeden Tag, was die Leute vom Überfluss alles wegschmeißen. Er arbeitet bei der Müllabfuhr. Die Arbeit, sagt er, die ist wichtig und sinnvoll, und sie macht ihm wirklich Spaß. "Müllfahrer ist doch kein schlechter Beruf", fügt er nach einer kurzen Pause noch an, so als ob er seinen Job verteidigen müsste. Karriere-Knick? Nee, dieser Begriff sei ihm wirklich noch nie in den Sinn gekommen. "Ich bin zufrieden", sagt er.

Auf dem Betriebshof der Entsorgungsgesellschaft in Lawalde ist Jörg Neumann der Mann für alles. Er plant die Touren im Büro, und wenn ein Kollege fehlt, dann springt er auf den Fahrzeugen ein, als Fahrer, als Lader, ganz egal. Heute hat er Blaue Tonnen geleert hinten auf dem Papiermüll-Fahrzeug. Frische Luft und Bewegung. Auf keinen Fall, sagt Neumann, wäre aus ihm ein Bundeswehroffizier geworden. Wer den Schießplatz in Strausberg heute leitet, das interessiert ihn überhaupt nicht.

Er kann die Berufssoldaten nicht verstehen, die nach dem Mauerfall einfach umgeschwenkt sind. In die Bundeswehr zu wechseln, das wäre für ihn nie infrage gekommen. Wie ein Überläufer zum Klassenfeind hätte er sich da gefühlt. "Die Bundeswehr war ganz klar unser Feind", so sagt es Neumann heute ganz nüchtern. "Jede Armee braucht doch einen Feind. Sonst brauchte es ja die Armee nicht."

Schon im Sommer '89 merken sie in der Kaserne, was "draußen" passiert. Sie bekommen mit, wie die Armee sich rüstet für den Kampf gegen das eigene Volk, wie auch in Strausberg eine Alarmkompanie zusammengestellt wird. Als am 9. November die Mauer fällt, wird Jörg Neumann klar, dass es die NVA nicht mehr lange geben wird. Den Dienst zu quittieren, sagt er, das sei für ihn die einzige logische Konsequenz gewesen. Im Weihnachtsurlaub schreibt er sein Entlassungsgesuch. Von der Telefonzelle in der Dienststelle ruft er beim Zittauer Arbeitsamt an. Bei der Stadtwirtschaft, erfährt er, werden gerade Kraftfahrer gesucht.   

Er habe damals mit Mitte 20 wirklich einen "festen Standpunkt" gehabt, gibt er unumwunden zu. Warum sollte er das heute auch verleugnen? "Ich war überzeugt davon, dass es gut und richtig ist, dieses Land zu schützen." Natürlich, sagt er, hätte er seine Ansichten inzwischen in vielerlei Hinsicht revidiert. Er blickt zu seiner Frau hinüber, die den Einkauf im Kühlschrank verstaut hat, und schmunzelt: "Ohne den Mauerfall hätten wir uns nie kennengelernt." Denn er wäre ja wohl aus Strausberg nicht wieder zurück nach Zittau gekommen.

Jörg Neumann stammt aus Eckartsberg, seine Frau ist Zittauerin. Seit 1996 sind sie verheiratet, haben drei Kinder. Auch Neumanns Frau könnte von einer gebrochenen Nachwende-Biografie erzählen. Der Betrieb, der sie gerade zum Fernstudium geschickt hatte, wird über Nacht geschlossen. Von heute auf morgen muss sie das Studium abbrechen, ist ein Dreivierteljahr arbeitslos. Tausenden ist das so gegangen.

Aber die Neumanns blicken nach vorne. "Wir trauern der DDR nicht nach", sagen sie heute. "Und wir wollen sie auch nicht zurück." Sie bauen sich am Stadtrand von Zittau ein Haus, und sie nutzen die neue Reisefreiheit, fahren nach Österreich oder Italien, aber auch ins Riesengebirge. "Das war doch früher eine Weltreise, als es nur den einzigen Grenzübergang in Seifhennersdorf gab", sagt Jörg Neumann. "Und weißt du noch: das erste Mal am Chiemsee?", erinnert sich seine Frau, "da sind uns vor Freude die Tränen gekommen." 

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"Man muss dem Leben einfach offen gegenüberstehen", sagt Jörg Neumann. Genau so will er das auch seinen Kindern vermitteln: die schönen Seiten sehen, nicht immer nur meckern. Als der Feuerwehr in seinem Heimatort Eckartsberg nach dem Mauerfall die Leute ausgehen, weil so viele in den Westen ziehen, stellt er den Aufnahmeantrag. "Ich konnte Lkw fahren und hatte bei der Armee ja auch mit Katastrophenschutz zu tun", erzählt er. Heute ist Neumann Chef der Freiwilligen Feuerwehr in Mittelherwigsdorf. Es ist seine Art, sich einzubringen. 

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