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Müllwahnsinn am Straßenrand

Eine Horkaer Familie räumt den Dreck ihrer Mitmenschen weg. Auch der Kreis stellt zunehmend illegale Müllkippen fest.

Phoebe und ihre Mutter Dana Preuß-Hoffmann sind regelmäßig in der Natur unterwegs, um den Müll anderer Leute einzusammeln.
Phoebe und ihre Mutter Dana Preuß-Hoffmann sind regelmäßig in der Natur unterwegs, um den Müll anderer Leute einzusammeln. © André Schulze

Dana Preuß-Hoffmann stinkt es. Und ihrer Tochter Phoebe erst recht. Immer wenn die 13-Jährige zu ihrem Freund nach Rothenburg radelt, sieht sie rechts und links der Straße die Hinterlassenschaften, die Autofahrer achtlos aus den Fenstern ihrer Fahrzeuge geworfen haben. Leere Flaschen, Taschentücher, Büchsen – das ganze Repertoir von Dingen, die man nach dem Gebrauch schnell loswerden will. „Anfangs habe ich gedacht, ich könnte mit ein paar Pfandflaschen mein Taschengeld aufbessern. Aber als ich das erste Mal sammeln war, habe ich gemerkt, dass hier wirklich alles kreuz und quer durcheinander liegt.“ 

Dabei war das für die junge Horkaerin keine direkt neue Situation. „Unsere Familie unternimmt viel in der Natur. Ab und zu nehmen wir da schon mal Plastikflaschen, Papier oder Luftpolsterfolien mit, die man beim Spazierengehen im Wald eben so findet“, erzählt Dana Preuß-Hoffmann. Auch in Horka hätten sie sich bereits auf den Weg gemacht, um aus den Straßengräben Müll zu entfernen. Dabei beobachtet würden sie von den Kraftfahrern in ihren Edelkarrossen schon. „Angehalten, geschweige denn uns unterstützt, hat aber noch niemand.“ Ihre Tochter wird da noch drastischer: „Keiner kriegt den Hintern hoch. Das ärgert mich. Ordnung und Naturschutz sollten doch alle angehen.“

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500 Meter Straße für vollen Sack

Erst kürzlich waren die beiden Horkaerinnen wieder zwischen Geheege und ihrer Heimatgemeinde unterwegs. Etwa 500 Meter brauchten sie, um einen blauen Abfallsack randvoll mit unterschiedlichstem Müll zu füllen. Dabei fiel auf, dass viele Plasteflaschen aus polnischer Produktion unter den Bäumen liegen. „Das muss aber nichts bedeuten“, meint Phoebe. „Wir haben ja grenzüberschreitenden Konsum. Das können durchaus auch Deutsche gewesen sein.“ Immer wieder wundert sie sich über die Unvernunft der Leute. „Was kapieren diese Menschen nicht? Ist es tatsächlich so schwer, den selbst verursachten Müll auch selbst zu entsorgen? Ich kann das nicht verstehen.“ 

An der freien Schule in Rietschen, wo sie den Unterricht besucht, gebe es verschiedene Meinungen zu dem Problem. „Manchen geht das am A... vorbei, weil sie wissen, dass es nach einiger Zeit wieder so aussieht.“ Phoebe und ihre Mutter sehen in dem weggeworfenen Müll auch aus anderer Warte noch ein Problem. „Wenn überall Glasscherben herumliegen, braucht man sich doch nicht zu wundern, wenn der Wald irgendwann mal brennt.“

Entsorgt wird alles, was weg muss

Müllvermeidung hat für Phoebe nicht nur etwas mit dem Schutz der Umwelt, sondern auch des Klimas zu tun. Zwar setzt sich die Schülerin dafür ein – wie andere ihrer Altersgenossinnen freitags demonstrieren geht sie aber nicht. „Ich bin dafür, dass man sich praktisch engagiert.“ In der Schule werde das Bewusstsein dafür entwickelt. So wurde in Ethik die Mülltrennung behandelt und immer in der letzten Schulwoche gibt es dazu Projekte. Gespannt schaut die Horkaerin nach vorn. Denn in der 7. Klasse absolviert sie in einer Kita ein Praktikum. „Vielleicht kann ich dazu beitragen, dass die Kleinen beginnen, über eine saubere Umwelt nachzudenken.“

Wie wichtig es ist, auf weggeworfene Abfälle zu achten, macht Franziska Glaubitz vom Landratsamt deutlich. „Die Revierleiter des Kreisforstamtes teilen Müllablagerungen im Wald der Abfallbehörde mit. 2019 gab es schon etwa 20 Fälle.“ Manche gedanken- oder verantwortungslose Menschen würden erstaunlich weite Strecken in Kauf nehmen, um ihren Müll im Wald abzuladen, obwohl die Entsorgung in Deutschland vorbildlich funktioniere und Sperrmüll sogar kostenfrei abgeholt werde.

„,Entsorgt‘ wird so ziemlich alles“, teilt die Sprecherin des Kreises mit. „Bauschutt, Bitumenbruch, Holzreste, pflanzliche und Gartenabfälle, Matratzen, Altreifen, Wasch- und Toilettenbecken sind ebenso dabei wie Elektrogeräte, Möbel und Hausmüll.“ Auch wenn dies mancher Gartenbesitzer unter dem Motto „ ... das ist doch Bio“ denken mag: Rasenschnitt und sonstige Gartenabfälle gehören nicht in den Wald. „Das ist verboten und stellt nach Abfallrecht eine Ordnungswidrigkeit dar.“

Entdecken die Revierleiter im Wald wilde Müllkippen, funktioniert die Beseitigung recht unkompliziert. Laut Franziska Glaubitz werden Ort und Umfang an die Untere Abfall- und Bodenschutzbehörde weitergeleitet. Von den Mitarbeitern dort wird der jeweilige Waldeigentümer in Kenntnis gesetzt und die Entsorgung eingeleitet. „Wer illegal Abfälle entsorgt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen.“

Norden stärker betroffen als Süden

Besonders beliebte illegale Müllabladestellen gibt es aus Sicht des Umweltamtes derzeit nicht. Der Norden des Landkreises sei wegen der Größe der hiesigen Wälder jedoch mehr von wilden Kippen betroffen als der Süden. Auch das Kreisforstamt hat keine Vorzugsplätze festgestellt. Allerdings gebe es oft Kettenreaktionen. „Wenn man erst einmal zulässt, dass sich Müll ansammelt, kommt ganz schnell noch mehr dazu“, erläutert die Kreissprecherin.

Dabei gehen von wilden Ablagerungen teils massive Gefährdungen aus. Vor allem der Boden, aber auch Grundwasser, Luft, Pflanzen und Lebewesen würden in Mitleidenschaft gezogen, beschreiben die Fachleute des Landratsamtes das Gefahrenpotenzial. Neben der Verschandelung des Landschaftsbildes sind vor allem auslaufendende Substanzen wie Farben, Öl und Benzin für die Umwelt tickende Zeitbomben. Auch Wildtiere würden in Mitleidenschaft gezogen. „Sie fressen den Unrat und verletzen sich durch spitze und scharfkantige Gegenstände. Das kann – wenn Strippen oder Kabel abgeladen wurden – bis zum Strangulieren gehen“, stellt Franziska Glaubitz klar. Zudem könnten Glasscherben durch die Brennglaswirkung durchaus auch Waldbrände verursachen. Praktisch sei dem Kreisforstamt jedoch noch kein Beispiel bekannt, bei dem dies als Ursache zweifelsfrei nachgewiesen wurde.

Freiwilligen Müllsammlern wie Dana Preuß-Hoffmann und ihrer Tochter Phoebe machen die Experten aus dem Landratsamt Mut. Dies werde von offizieller Seite als Wertschätzung gegenüber der Natur und damit auch als Beitrag zum Schutz der Umwelt betrachtet. „Beim Einsammeln sollte der Eigenschutz jedoch an erster Stelle stehen“, betont Franziska Glaubitz. Deshalb sei es am sinnvollsten, sich an organisierten Aktionen – zum Beispiel von Vereinen, Landschaftspflegeverbänden oder dem Naturschutzzentrum – zu beteiligen. „Damit sind dann auch Abtransport und Entsorgung der Abfälle sichergestellt.“ Kleinere Müllmengen aus Privataktionen sollten mit nach Hause genommen und dort getrennt über den Hausmüll entsorgt werden.

Generell appelliert das Landratsamt an die Vernunft der Menschen. „Wilde Ablagerungen können vermieden werden, wenn jeder die Gegenstände, von denen er sich trennen will, nach Restabfall, Pappe/Papier, Gelbe Tonne oder Bioabfall in den Hausmüll steckt oder im Bedarfsfall auch den nächsten Wertstoffhof aufsucht bzw. die Sperrmüllkarte nutzt“, erklärt die Kreissprecherin. Am Schadstoffmobil könnten sogar gefährliche Schadstoffe abgegeben werden. „Den Überblick über alle Entsorgungsarten gibt’s im Abfallkalender.“

Nachahmer gesucht

Phoebe ist längst klar, dass sie als freiwillige Müllsammlerin die Welt nicht retten kann. „Wenn aber jeder aktiv würde, sähe die Sache schon ein bisschen besser aus.“ Dana Preuß-Hoffmann ist stolz auf ihre Tochter. „Vielleicht hat unsere Familie ja ein besonderes Auge dafür.“ Das wollen die beiden Frauen auch künftig auf den Müll an Straßenrändern und in Wäldern richten. Und sie hoffen, dass es ja doch irgendwann auch Nachahmer gibt.

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