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Pirna

Wenn die Landfee Mundschutz zaubert

Eine Gesichtsmaske muss nicht dröge sein. Mithilfe der Fachfrau wird der Seuchenschutz des Reporters zum Blickfang.

Keine Chance für Viren: Anja Zimmer-Schröder, Chefin des Nähladens "Landfee" in Pirna, und Reporter Jörg Stock mit ihren selbst gefertigten Gesichtsmasken.
Keine Chance für Viren: Anja Zimmer-Schröder, Chefin des Nähladens "Landfee" in Pirna, und Reporter Jörg Stock mit ihren selbst gefertigten Gesichtsmasken. © Daniel Schäfer

Zwischen Stoffballen, Kordeln, Bändern und Schnallen steht ein altrosa eingebundenes Buch: "Nähen ist wie zaubern können". Laut Untertitel geht es um das schönste Hobby der Welt. Anja Zimmer-Schröder hat dieses Hobby zum Beruf gemacht. Ihre Stoffsucht, sagt sie, gipfelte in diesem Laden, den sie "Landfee" nennt. Zaubern kann Frau Zimmer-Schröder nicht. Sonst hätte sie die fünftausend Gesichtsmasken schon fertig, die das Landratsamt gerade bestellt hat. Und jetzt komm' ich und möchte auch noch eine Extrawurst haben. Natürlich selbst genäht.

Die Furcht vor Corona hat den Mund-Nasen-Schutz, den die meisten nur vom Bergdoktor oder aus der Schwarzwaldklinik kannten, zum Accessoire des Alltags gemacht. Auch in Anja Schröder-Zimmers Pirnaer Stoff- und Kreativladen, wo einmal Blusen, Kleider, Röcke, Strampler und Kissen genäht wurden, wird jetzt Mundschutz produziert. Zwar ist das Geschäft für die Öffentlichkeit geschlossen. Doch hinter der verwaisten Ladentafel rattert ohne Pause die Nähmaschine.

Stoff aussuchen: Kochfeste Baumwolle muss es sein. Die Wahl fällt auf Marineblau mit Ankern. Nicht vergessen, die Luftdurchlässigkeit bei doppelter Lage zu testen.
Stoff aussuchen: Kochfeste Baumwolle muss es sein. Die Wahl fällt auf Marineblau mit Ankern. Nicht vergessen, die Luftdurchlässigkeit bei doppelter Lage zu testen. © Daniel Schäfer

Es ist erst wenige Tage her, da sah Anja Zimmer-Schröder schwarz für die Zukunft. Wie viele andere Ladenbesitzer musste sie auf Anordnung der Behörden schließen. Die ausgebuchten Nähkurse fielen ins Wasser. Kurzarbeit drohte, und Langeweile. Doch Corona brachte neue Kundschaft: Ärzte, Pflegedienste, Drogeriemärkte, Physiotherapeuten, und nun die Landkreisverwaltung - alle wollen Mundschutz. Und weil es industriell gefertigten kaum noch gibt, rufen die Leute bei der Landfee an und lassen nähen. Die Ladenchefin sieht Licht im Dunkel, ein "Teelicht der Hoffnung" nennt sie es. "Vielleicht geht es doch irgendwie weiter."

Nähanleitungen für Gesichtsmasken kursieren im Internet haufenweise. Aber ich habe weder eine Nähmaschine noch Ahnung, eine zu bedienen. Deshalb bin ich zur Landfee gekommen. Anja Zimmer-Schröder wirkt trotz der angespannten Lage gelöst. Das Schnurren der Maschinen beruhigt sie. Was das Schöne ist am Nähen? "Man hat relativ schnell etwas Fertiges in der Hand", sagt sie, "und es ist immer ein Unikat." Geübte brauchen für eine Maske zehn, mit Zuschnitt und Bügeln vielleicht fünfzehn Minuten.

Falten bügeln: Den Stoff für die Maske, 17 mal 34 Zentimeter groß, nimmt man doppelt, legt drei s-förmige Falten hinein und plättet sie ordentlich fest.
Falten bügeln: Den Stoff für die Maske, 17 mal 34 Zentimeter groß, nimmt man doppelt, legt drei s-förmige Falten hinein und plättet sie ordentlich fest. © Daniel Schäfer

Stoffsuche in der Restebox: Hundert Prozent Baumwolle muss es sein, kochfest. Ich wähle Marineblau, mit kleinen Ankern drauf. "Schön für den Sommer", lacht die Landfee. Hoffentlich brauchen wir am Strand keine Gesichtsmasken mehr. Aber Anker ist immer gut. Steht für Halt, für Festigkeit, auch in den Stürmen des Lebens, wie Corona. 

Bevor die Arbeit losgeht der Test: Kriegt man durch den Stoff überhaupt Luft? Doppelt gelegt darf er das Atmen nicht wesentlich behindern. Das klappt. Das Stoffstück wird mit dem Spezialmesser, das einem Pizzaroller ähnelt, auf 17 mal 34 Zentimeter zurechtgestutzt und zusammengefaltet, dann geplättet. Damit sich die Maske später um Nase und Kinn schmiegt, braucht sie Längsfalten. Drei Stück. Den Stoff greifen, ein kleines S formen, glatt ziehen, und schnell mit dem Eisen hinterherbügeln, "ohne dass die Finger drunter sind", sagt die Chefin. Für Grobmotoriker eine Herausforderung. Aber die Falte sitzt. Zur Sicherheit lasse ich ein paar Dampfstöße los. 

Die Ränder sichern: Mit sogenanntem Schrägband werden die Kanten oben und unten umsäumt. Statt Stecknadeln halten hier kleine Klammern den Stoff in Position.
Die Ränder sichern: Mit sogenanntem Schrägband werden die Kanten oben und unten umsäumt. Statt Stecknadeln halten hier kleine Klammern den Stoff in Position. © Daniel Schäfer

Jetzt geht es an die Nähmaschine, Marke Gloria. Es ist die einzige, die noch hier ist. Das Gros haben die Helferinnen der Landfee mit nach Hause genommen, um fürs Amt zu nähen. Die Ladenchefin hat bislang um die dreißig Näherinnen aus ihrem Umfeld für den Großauftrag engagiert. Im Laden selbst wird das laufende Geschäft erledigt. Wie aufs Stichwort dudelt das Telefon. Ein Pirnaer Optikstudio ist dran, bestellt achtmal Mundschutz, mit Pünktchen. Der Bedarf ist nur zu verständlich. Aus zwei Metern Distanz kann man nun mal keinem eine Brille anmessen. 

Um die Ober- und Unterkante des gefalteten Stoffrechtecks wird ein steifes, dunkelblaues Baumwollband gelegt, das Schrägband. Ein gängiger Schneiderartikel zum Umsäumen, den zu ergattern wegen der hohen Nachfrage momentan fast unmöglich ist. Früher verbrauchte die Landfee zehn Meter Schrägband pro Woche. Heute könnte sie dreitausend Meter gebrauchen, sagt sie, "besser noch fünftausend".

Mein erstes Mal an der elektrischen Nähmaschine: Jetzt wird das gefaltete Werkstück umsäumt und mit Bändern zum Befestigen am Kopf versehen.
Mein erstes Mal an der elektrischen Nähmaschine: Jetzt wird das gefaltete Werkstück umsäumt und mit Bändern zum Befestigen am Kopf versehen. © Daniel Schäfer

Schrägband falten, den Stoffrand reinlegen, feststecken... Hä? Mit kleinen Wäscheklammern? Wo sind denn die guten alten Stecknadeln von Oma? Die Fachfrau lacht. "Die tun doch immer so weh!" Sie fädelt schon den Faden in die Maschine ein und gibt Instruktionen, wie ich mit dem "Gaspedal" unter der Arbeitsplatte umzugehen habe, das die Nähnadel und den Vorschub steuert: "Am Anfang schön sachte, nicht gleich Vollgas."

Ein Krawallfahrer war ich nie. So geht es gemächlich los, im Geradstich, die Kante entlang. Dann stoppen, Klammer entfernen, wieder Gas geben, stoppen, Gas geben, am Ende den Rückwärtsgang einlegen, und wieder vorwärts, die Naht verstehen, damit sie auch wirklich hält. Den Nähfuß lüften, Stoff herausziehen, Faden trennen - fertig. Die Landfee ist zufrieden mit mir. "Fürs erste Mal super!" 

Die fertige Maske: Die Bänder zum Befestigen am Kopf sind neunzig Zentimeter lang. Fürs schnelle Anlegen hinter den Ohren kann man auch Gummischlaufen verwenden.
Die fertige Maske: Die Bänder zum Befestigen am Kopf sind neunzig Zentimeter lang. Fürs schnelle Anlegen hinter den Ohren kann man auch Gummischlaufen verwenden. © Daniel Schäfer

Bevor an den kurzen Seiten, rechts und links, die Bänder zum Zubinden der Maske angenäht werden, muss ich die eingebügelten Falten mit einer Naht fixieren, damit man sie sicher einsäumen kann. Schell erledigt, denke ich mir, und gebe Stoff. Zu schnell, wie die Chefin kurz darauf feststellt: "Da war jetzt gar kein Faden drin." 

Also nicht übermütig werden und bei der Sache bleiben. So gelingen die letzten Arbeitsgänge ohne Zwischenfall. Noch alle losen Fäden abschnippeln, und die Maske Marke Eigenbau ist einsatzbereit. Etwa zwanzig Minuten hat das Nähen gedauert, mit Quatschen. Ein voller Erfolg, meint die Landfee. "Richtig stylisch, das Produkt." Finde ich auch. Und es passt sogar zum Pulli. Wenn schon Katastrophe, dann wenigstens mit Stil. 

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