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Musik als Lebenselixier

Seit zehn Jahren wohnt Professor Dieter Kober jetzt schon in Radebeul. Bis der Dirigent in der Weinstadt ein wenig zur Ruhe kommen konnte, führte er ein bewegtes Leben – immer im Dienste der Musik.

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Von Julia Eikmann

Sein Alter gibt er nicht gern preis. Wollte man aus seinen Taten und Erlebnissen darauf zurückschließen, wäre dieser Mann weit jenseits der Hundert. Sieht man ihm in die Augen, könnte er genauso gut ein junger Bursche sein. Beides stimmt nicht.

Dieter Kober wurde in Posen (Poznan/Polen) geboren, zog aber bereits als Kleinstkind mit seiner Familie nach Halberstadt, wo er auch seine Ausbildung als Cellist und Pianist begann. „Musik gehört zum Atmen, zum Leben. Ich hatte das große Glück, in einem musikalischen Haushalt aufzuwachsen. Die Ohren sind doch immer aktiv, meine Ohren sind von Kind auf mit Musik gefüllt gewesen“, erinnert sich Dieter Kober heute an seine Kindheit.

Sechzehnjährig emigrierte er zunächst alleine aus dem von Nationalsozialisten besetzten Deutschland in die USA. Seine Eltern und der Bruder folgen ihm zwei Jahre später nach New York. Nach seiner Zeit in der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika, wo er zuletzt im Pentagon in Washington beim Nachrichtendienst eingesetzt wurde, zog er nach Nebraska und begann sein Musikstudium. Ab 1948 setzt der junge Kober seine Instrumentalausbildung am Chicago Musical College fort. Zunächst noch selber als aktiver Musiker im Orchester der Universität von Chicago spielend hat Dieter Kober hier seine erste Begegnung mit dem Taktstock. Das Orchester wurde damals von einem Ersatzdirigenten geleitet. „Irgendwann kamen die Musiker nicht mehr zur Probe, weil der Dirigent nicht wusste, wie man das beste aus ihnen herausholt. Da habe ich sie gefragt „Wollt Ihr es mal mit mir versuchen?“ Bis dahin hatte der spätere Dirigent niemals einen Taktstock in der Hand gehabt. „Es ist ja immer so, dass viele denken, es besser zu können, als der Mann der am Pult steht“, erklärt der Musiker rückblickend. Und er konnte es besser.

1952 gründete Kober das Chicago Chamber Orchestra für das er auch heute noch ehrenamtlich als Organisator tätig ist und zuweilen selbst den Takt angibt. Chicago war stets der Mittelpunkt seines Schaffens, als Dirigent, beim Rundfunk und als Professor konnte er junge und alte Menschen mit seiner Musik inspirieren. „Für einen Lehrer ist es wunderbar, Gefühle in Studenten zu entwickeln, so dass das Hören von Musik zur Notwendigkeit wird. Für mich ist die Musik ein Lebenselixier, ohne das ich nicht leben könnte.“

Seit den fünfziger Jahren besucht Dieter Kober jährlich sein Heimatland. 1989 sogar mit dem ganzen Orchester auf einer DDR-Tournee.

Auch zur Wiedereröffnung der Semperoper 1985 kam er nach Dresden. Es wurde Webers Freischütz gespielt, genau wie bei dem bis dato letzten Konzert in der Oper. Und genau wie damals war auch die Radebeulerin Magdalene Haupt wieder dort, um sich den Freischütz anzuhören. Hier traf sie den Dirigenten Kober, „der von da an nicht mehr von mir lassen konnte“, wie sie sagt. Die beiden heirateten und gingen gemeinsam zurück nach Amerika.

Er wollte immer in die Mitte Europas

Heute hat Dieter Kober in Radebeul nach Halberstadt und Chicago seine dritte Heimatstadt gefunden. Gegen das Leben in den USA ist es hier unerhört still. „In der Millionenstadt Chicago hatte mein Mann nie seine Ruhe, es haben fünf Telefone gleichzeitig geklingelt. Er wollte immer in die Mitte Europas, wo Kultur ist. Er jagd der Kunst hinterher“, begründet Magdalene Kober die Wohnortwahl. Seine Ruhe gönnt sich Dieter Kober aber auch hier nicht. Über Telefon und Computer steht der agile Mann ständig in Kontakt mit Chicago, organisiert Musiker und Sponsoren für die ausschließlich kostenfreien Konzerte des Chicago Chamber Orchestra. Der größte Wunsch des Mozart-Liebhabers ist es, einmal ein großes Trompetenfestival zu organisieren, mit Konzerten in Deutschland und den USA. Für seinen Beitrag zur internationalen Verständigung durch Musik hat der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker Dieter Kober bereits das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen.

Gibt es in einem so erfüllten Leben überhaupt etwas zu bereuen? „Ich wünschte mir, ich hätte Magdalene als meine erste Frau geheiratet“, sagt Dieter Kober ohne lange zu zögern.