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Musiker in der Rhabarberernte

Wer gerade nicht in seinem Beruf arbeiten darf oder kann, findet sinnvolle Alternativen. Teil 4 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© dpa/SZ

Gestern erzählte ich an dieser Stelle, dass ich einen Sack Kartoffeln gekauft habe. Mehrere Männer schrieben mir, dass sie dieselbe Idee hatten, aber zu Hause von ihrer Frau richtig Zunder – oder wie der Sachse sagt „Angemeckertes“ – bekamen. Denn noch nie in ihrem Leben wären die Kerle auf die Idee gekommen, Kartoffeln zu kaufen. Die Partnerinnen fragten: Wer soll denn das alles essen? Und dann auch noch die mehligen Dinger, die sie nie nehmen würden.


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Einer meiner besten Freunde ruft mich an, er ist selbstständiger Klimatechniker. Zurzeit arbeite er an einem Auftrag vom Januar. Was komme, wisse er nicht. „Jetzt rächt sich, dass die Politik nie vernünftig in den Mittelstand, der die deutsche Wirtschaft entscheidend trägt, investiert hat“, sagt er. Er sei froh, dass seine Frau eine Festanstellung in einem Insolvenzbüro habe, das würde demnächst Konjunktur feiern. Ich bemühe mich, optimistisch zu sein. Aber ehrlich, sein Anruf deprimiert mich.


Einen meiner Nachbarn treffe ich, als ich mal kurz rausgehe, um Luft zu schnappen. Er sagt, dass er gestern in Thürmsdorf klettern gewesen sei. Aber offensichtlich würden jetzt alle klettern gehen, denn allein am Kleinen Bärenstein wollten 50 andere Sportfreunde ebenfalls auf die Gipfel. Es sei in der Sächsischen Schweiz so viel los gewesen wie im Großen Garten in Dresden, wo gerade alle Wege und Wiesen voll seien wie beim Osterspaziergang. Als er am Nachmittag zurückfuhr, wollte er sich noch in einer öffentlichen Bibliothek ein Buch ausleihen, aber die Bücherei sei wegen Corona geschlossen gewesen.


Ich rufe drei Freunde aus meinem Männerverein an, weil mir die Idee kam, einen Bücherschrank bei uns im Wohngebiet unweit der Apotheke aufzustellen. Der Schrank wird mit Büchern gefüllt, jeder kann sich dann eines nehmen. Wenn er es gelesen hat, stellt er es zurück. Die Freunde fangen sofort mit der Organisation an. Einer besorgt den Schrank, der andere sammelt Bücher ein, der nächste fragt im Rathaus, ob die Verwaltung die Aktion genehmigt. Keine Einwände. Am Wochenende stellen wir den Bücherschrank auf.


Ich telefoniere mit einem Musiker der Sächsischen Staatskapelle, die im Moment nicht spielt. Die Semperoper ist zunächst bis 31. März zu, nicht mal geprobt wird zurzeit. Er erzählt mir, dass er gerade überlege, irgendwo als Erntehelfer anzuheuern, schließlich sei der Rhabarber und demnächst der Spargel reif. Es würden die Polen und Rumänen fehlen, also müsse jetzt er als Musiker ran. Ich erzähle ihm, wie ich Ende der 80er als Student in Mügeln Äpfel pflückte. Den einen Tag gründeten wir das Ramona-Geilos-Kollektiv, um alle Akkorde zu sprengen, nur hatten alle Früchte vom schnellen Hinschmeißen Flecke unter den Schalen. Am nächsten Tag gründeten wir das Null-Team. Wir taten nichts, erfüllten dafür den Plan der Nullfehlerproduktion. Das gab richtig Ärger.


Meine Frau klickt sich mittags in die Video-Konferenz ihres Gymnasiums. Sie diskutieren die nächsten Schritte, planen den Umfang der Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler. Ich finde, sie machen das ziemlich gut. Obwohl ich früher dachte, dass Lehrer morgens recht und nachmittags frei haben, kann ich jetzt ihrem verantwortlichen Handeln nur Respekt zollen.


Meine 83-jährige Mutter meldet sich. Sie habe ihr Wohnzimmer ausgeräumt und Anfang der Woche einen Maler bestellt. Aber im Baumarkt würde es ja kaum noch Farbe geben, Pflanzen und Zwiebeln seien ebenso fast ausverkauft. Sie gehe dann noch in den Garten, säe Kohlrabi und Blumenkohl aus und lasse den Möhrensamen vorquellen. „Dann machen wir das eben wie früher, da war der Garten voll mit Gemüse, dort, wo jetzt die Liegewiese ist.“


Ich schreibe den ganzen Tag, telefoniere, maile. Abends lese ich weiter in Albert Camus Roman „Die Pest“, finde ein Zitat: „Was für alle Übel dieser Welt gilt, gilt auch für die Pest. Sie kann dazu dienen, einigen wenigen zum Wachstum zu helfen. Wenn man indessen das Elend und den Schmerz sieht, den sie mit sich bringt, dann muss man verrückt, blind oder feige sein, um sich mit der Pest abfinden zu können.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer

Tag 1: Einfach mal anhalten, wenn die Welt durchdreht

Tag 2: Wie die Notbremsung eines Düsenjets

Tag 3: Ostern wird auf Weihnachten verschoben

Aktuelle Informationen rund um das Coronavirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog oder hier 

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