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Musiker ohne Auftritte, aber mit Ideen

Das Trio Tworna aus Quohren hat ein neues Album aufgenommen. Für die Finanzierung braucht es Unterstützer.

Das Trio Tworna holt alte Volkslieder in die Gegenwart (von links): Caterina Other, Jessica Jäckel und Frieder Zimmermann.
Das Trio Tworna holt alte Volkslieder in die Gegenwart (von links): Caterina Other, Jessica Jäckel und Frieder Zimmermann. © Sebastian Daenel

Studenten des Grazer Konservatoriums, die Anfang der Vierzigerjahre als Soldaten für Deutschland an die Front mussten, wurden auf dem Bahnhof von ihren Mitstudentinnen mit dem Volkslied „Innsbruck, ich muss dich lassen“ verabschiedet. „Kaum einer der Männer kehrte zurück“, sagt Caterina Other aus Quohren.

Die Musikerin hörte diese Geschichte von ihrer Großmutter, die in Kreischa lebt und 98 Jahre alt ist. Sie erhielt damals in Österreich eine Ausbildung zur Chorleiterin. Mit kaum zwanzig war sie eine der Sängerinnen auf dem Bahnsteig, die letztlich vergeblich auf die Rückkehr ihrer Freunde aus dem Zweiten Weltkrieg warteten.

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Als Mahnung und Erinnerung an schlimme Zeiten, aber auch, weil es ihm musikalisch und inhaltlich entspricht, hat das Trio Tworna, zu dem Caterina Other gehört, das um 1500 entstandene Trauerlied für ihr neues Album aufgenommen. Dieses enthält insgesamt dreizehn populäre Volkslieder in bemerkenswert frischen Arrangements, ist schlicht „Tworna“ betitelt und soll im Oktober erscheinen.

Es ist die zweite CD von Tworna, einer vor sieben Jahren gegründeten akustischen Band. Sie ist nach dem slawischen Namen des Ortes Quohren benannt, der „die Schaffende“ bedeutet. Zwei Quohrener gehören von Anfang an dazu: Caterina Other, die vor allem die Nyckelharpa spielt, und Frieder Zimmermann, Gitarrist, Bassist und Soundtüftler. Gründungsmitglied war zudem die Dresdner Sängerin Katharina Johansson, die jetzt in Nordschweden lebt.

Für sie kam Anfang des Jahres Jessica Jäckel aus Berlin. Twornas Neustart auf den Bühnen begann verheißungsvoll, wurde von den staatlichen Verboten im Zuge der Corona-Pandemie allerdings ausgebremst. Das erste Konzert, das nicht mehr stattfinden durfte, wäre an einem Freitag. dem 13. gewesen, dem 13. März in Berlin.

Im Studio im Schloss Röhrsdorf

Die Musiker, die seitdem keinerlei Auftritte mehr haben, steckten aber nicht den Kopf in den Sand. Sie arbeiteten weiter an Projekten zu ihrem Album, das sie in fünf Tagen im international renommierten Castle Studio von Arno Jordan im Schloss Röhrsdorf aufgenommen haben. Produziert von dem Trio und von Markus Reuter, der vor zehn Jahren mit Jessica Jäckel und ihrer damaligen Rockband Skin Diary bei Frieder Zimmermann in dessen Quohrener Studio ein Album eingespielt hatte.

So schließt sich der Kreis, zumindest personell, musikalisch allerdings nur an einigen Stellen. Tworna ist keine Rockband, bedient sich jedoch ohne Scheu im großen Arsenal der populären Musik. Das Trio transformiert altes Liedgut, holt deutsche Wiegen-, Toten-, Tanz- und Liebeslieder des 13. bis 19. Jahrhundert mit Hingabe, Humor und Leidenschaft in die Gegenwart. Für das Album mit Unterstützung des Trommlers Stefan Salewski, der sonst unter anderem mit den Zöllnern arbeitet.

Herausgekommen sind berührende, melancholische aber auch beschwingte Interpretationen von Klassikern fern jeder Deutschtümelei, ohne freilich die Wurzeln zu leugnen. Tworna arbeitet mit elektronischer Klangästhetik, mit Loops, verzerrten Gitarren oder auch Gesangsaufnahmen mit einem russischen Mikrofon in einem Wassereimer. PJ Harvey und Portishead treffen hier auf Paul Gerhardt.

Längstes Stück auf der Platte ist die siebenminütige dräuende Ballade „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“. Das Lied aus dem 17. Jahrhundert hat eigentlich 80 Strophen. „Wir haben uns auf acht beschränkt“, sagt Frieder Zimmermann. Aber auch so ist es das Epos von Tworna geworden, vielleicht ihr Meisterstück. Weitere Lieder auf dem Album sind unter anderem „Kum Geselle min“, „Wenn ich ein Vöglein wär“, „Ich hab die Nacht geträumet“, das einzige Lied, das es auch bereits in einer anderen Fassung auf dem ersten Tworna-Album gibt, und Beethovens „Marmotte“ (Murmeltier) mit einem Text von Goethe.

Einige Lieder ihres Albums will Tworna mit Kurzfilmen visualisieren, die mehr sein sollen als bloße Illustrationen der Musik. Für „Innsbruck, ich muss dich lassen“ ist der Rohschnitt fertig. Heiki Ikkola, der neue Chef des Dresdner Societaetstheaters und auf der Bühne durch die Compagnie „Cie. Freaks & Fremde“ bekannt, ein Freund Zimmermanns, marschiert als Landsknecht und Soldat durch die Jahrhunderte, beginnend im Dreißigjährigen Krieg und endend bei der Bundeswehr. Den Hintergrund gestaltet die Trickfilmerin Alla Churikova mit Animationen aus Sand.

Video zum Weltfriedenstag

Das Video soll zum Weltfriedenstag am 1. September erscheinen. Bis zur Fertigstellung sind indes noch einige Hürden zu nehmen, vor allem finanziell. Für ihr Album und die filmischen Umsetzungen sucht Tworna deshalb mittels Crowdfunding Unterstützer. „8.000 Euro sind unser Ziel“, sagt Zimmermann. Wer sich beteiligt, bekommt je nach Höhe der Zuwendung ein Dankeschön, das von handgenähten Tworna-Beuteln von Caterina Other, Urlaub auf Burg Wendelstein bei Jessica Jäckel über Gitarrenstunden bei Frieder Zimmermann bis zu Wohnzimmerkonzerten reicht.

Dort würde Tworna natürlich auch „Innsbruck“ spielen. Nicht als Abschiedslied für Soldaten, die in den Krieg müssen, sondern als melancholische Reminiszenz an die Wechselfälle des Lebens. Freude und Trauer – beides gehört dazu.

https://tworna.jimdofree.com/

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