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Muss das Oderwitzer Pflegeheim schließen?

Die Heimaufsicht hat nach einem Vor-Ort-Besuch einen sofortigen Aufnahmestopp für die Einrichtung verfügt. Jetzt muss die Geschäftsführung reagieren.

Im Pflegeheim Niederoderwitz, hier ein Blick in die Wachkomastation, gibt es offenbar große personelle Probleme.
Im Pflegeheim Niederoderwitz, hier ein Blick in die Wachkomastation, gibt es offenbar große personelle Probleme. © Foto: Rafael Sampedro

Vor zwei Wochen hat es einen Eklat gegeben im Senioren- und Pflegeheim Niederoderwitz: Heinz Schumann, der private Betreiber der Einrichtung, hatte den Heimleiter und die Pflegedienstleiterin fristlos vor die Tür gesetzt. Grund für die sofortige Beurlaubung sollen unüberwindbare personelle Differenzen und "gravierende organisatorische Mängel" im Hause sein, wie Schumann später erklärt.

Die Probleme in der Einrichtung sind offenbar so gravierend, dass auch die Sächsische Heimaufsicht reagiert und einen sofortigen Aufnahmestopp für das Haus verhängt hat. Nur die bereits angemeldeten Kurzzeitpflegen dürfen noch realisiert werden. Die Aufregung in Niederoderwitz ist dementsprechend groß. Wird das Heim jetzt etwa geschlossen?

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"Nein, das wird es definitiv nicht", beschwichtigt Anita Knippel. Sie ist die Leiterin des Zittauer Pflegeheims "Haus Sonne", das ebenfalls zur privaten "Alten- und Pflegeheim in Zerbst"-Gesellschaft gehört, und sie soll es jetzt richten. Heinz Schumann hat sie beauftragt, sich um die Niederoderwitzer Probleme zu kümmern. Sie soll das gemeinsam mit Petra Niebler tun, die Schumanns zweites Heim in Niederoderwitz, das Haus "Panoramablick", leitet. Das steht zwar direkt neben dem alten Heim, arbeitet aber wirtschaftlich selbstständig.  

Anita Knippel ist nach Niederoderwitz gekommen, um mit den Mitarbeitern zu sprechen und ihnen zu versichern, dass das Haus und ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben. Aber es wird Umstrukturierungen geben müssen, die dringend notwendig sind, sagt sie. Wie genau die aussehen werden, dazu könne sie im Moment noch keine Aussagen treffen. "Wir müssen uns erst einmal einen Überblick verschaffen und den Bericht der Heimaufsicht abwarten", erklärt sie. 

Aber worum geht es eigentlich? Die beiden eingesetzten Heimleiterinnen halten sich auf diese Frage hin sehr bedeckt. "Wir wollen nicht ins Detail gehen", erklären sie. Dass es im Heim nicht genügend Fachpersonal gebe, um die Betreuung und Versorgung der Bewohner vorschriftsmäßig zu sichern, wollen sie "weder bestätigen noch dementieren". Auch von der Heimaufsicht, die das Haus bisher immer mit der Bestnote 1,0 bewertet hatte, gibt es auf diese Frage keine Auskunft.

Die Mitarbeiter hingegen reden schon, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand: So hätte zwar immer ausreichend Personal auf dem Papier gestanden, aber tatsächlich sei nie ausreichend da gewesen, sagen sie. Zwei Pfleger für 40 Leute im Frühdienst sei normal, nachmittags seien oft nur Pflegehelfer und keine Fachkraft im Haus. Es sei gang und gäbe, dass Bewohner beispielsweise schon mitten in der Nacht gewaschen werden, weil der Frühdienst sonst nicht um die Runden kommt. Oder dass aus Zeitgründen auch Bewohner Windeln angelegt bekommen, die noch selbst auf die Toilette gehen könnten, dazu aber die Hilfe einer Pflegekraft brauchen. Der Niederoderwitzer Hausarzt Dr. Gottfried Hanzl spricht zudem von einer "ungewöhnlich hohen Zahl" an Krankenhauseinweisungen. "Viele Kollegen sind frustriert und überfordert und haben keine Freude mehr an ihrer Arbeit", sagt ein Pfleger, der inzwischen gekündigt hat.  

Auch dass es Probleme mit den Kollegen aus Albanien gäbe, wird von mehreren Mitarbeitern bestätigt, nicht nur aus Niederoderwitz, sondern auch aus einem anderen Haus des Unternehmens. In seinen Heimen in Zittau und Oderwitz beschäftigt Heinz Schumann nach eigenen Angaben mittlerweile 20 Albaner, die über einen Mittelsmann nach Deutschland kommen. Grundlage sei ein Botschaftsabkommen. In ihrem Heimatland seien sie alle examinierte Fachkräfte, bekräftigt Anita Knippel. Hier sind sie als Pflegehelfer angestellt und befinden sich im Anerkennungsverfahren. Kritik an ihrer Arbeitsweise, beispielsweise den Vorwurf,  sie wollten nur bestimmte Arbeiten verrichten und würden sich manchen zum Teil sogar verweigern, wollen Anita Knippel und Petra Niebler nicht gelten lassen. "Wir brauchen Mitarbeiter, die die ausländischen Pflegekräfte an die Hand nehmen", sagt Anita Knippel.

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Sie ist zuversichtlich, dass die Heimaufsicht den Aufnahmestopp bald zurücknehmen kann. "Wir müssen jetzt das Beste aus der Situation machen und das Pflegeheim so schnell wie möglich neu aufstellen", sagt sie. Das sei man den Mitarbeitern und den Bewohnern schuldig. 

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