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„Muss denn erst was passieren?“

An der B 6 in Schmiedefeld wird viel zu schnell gefahren, meint Heiko Grützner. Im SZ-Gespräch sagt er warum.

Von Constanze Knappe

Schlafen bei offenem Fenster geht gar nicht. Familie Grützner in Schmiedefeld hat sich damit abgefunden. Lärm ist ständiger Begleiter in ihrem Haus an der B 6, nur 30 Meter entfernt vom „Dürren Fuchs“. Deshalb ärgerte sich Heiko Grützner sehr über die Zeilen des SZ-Landstreichers, der den jüngsten Blitzer in der 70er-Zone hier als Abzocke empfand. Er meldete sich nicht als einziger in der Redaktion. Mehrere Kraftfahrer fordern für die Bundesstraße in diesem Bereich Höchsttempo 60, wie es in Spittwitz der Fall ist, und für die beiden Nebenstraßen ein Stoppschild. Denn die Kreuzung, wo die Straßen aus Seeligstadt und Schmiedefeld einmünden, ist ein Unfallschwerpunkt. Vor allem aus Richtung Seeligstadt kann man die B 6 schwer einsehen. Selbst erfahrene Kraftfahrer, die jahrzehntelang unfallfrei gefahren sind, sind dort schon mit einem anderen Fahrzeug zusammengestoßen. – Die SZ besuchte Heiko Grützner in Schmiedefeld.

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Hallo, Herr Grützner, tragen Sie zu Hause Ohrenstöpsel?

Nein, das wäre dann doch übertrieben. Aber wir halten uns größtenteils auf der der B 6 abgewandten Seite des Hauses auf.

Warum haben Sie denn ausgerechnet an einer Fernverkehrsstraße gebaut?

Wir leben seit der Wende hier. Vorher haben wir in einem alten Ausgedingehaus gewohnt. Da wollten wir unbedingt raus. Leider gab es in der damaligen Gemeinde Schmiedefeld keinen anderen Platz, wo man hätte bauen können. Außerdem war ja damals kaum Verkehr.

Wie hat sich der Verkehr entwickelt?

Gleich nach der Wende war es wegen der vielen Pendler schlimm. Seit die Autobahn fertig ist, sind große Fahrzeuge weniger geworden. Dafür nimmt der Pkw-Verkehr zu. Wohl auch deshalb, weil viele Menschen in oder um Dresden Arbeit gefunden haben.

Haben Sie jemals richtig Ruhe?

Nur nachts zwischen 2 und 3 Uhr, danach fangen die Kurierfahrer mit der Arbeit an.

Gewöhnt man sich an Krach?

Nein, ich glaube nicht. Er schränkt die Lebensqualität ein. Schlafen bei offenem Fenster geht gar nicht. Und am Nachmittag auf der Liege im Garten ruhen, das ist auch kein Vergnügen. Lärm gibt es ja überall. Auch dann, wenn jemand im Dorf mit dem Rasentraktor unterwegs ist, Hunde bellen oder Hähne krähen. Aber das alles ist zeitlich begrenzt. Unsere Nachbarn und wir haben dagegen die Geräuschkulisse ständig in den Ohren, entweder richtig laut oder unterschwellig, auf jeden Fall immer.

Wie haben Sie sich darauf eingestellt?

Ein Haus geht nun mal nicht zu versetzen. Wir haben Lärmschutzfenster eingebaut. Fördermittel dafür habe ich keine bekommen – mit der Begründung, dass es kein Gutachten über den Verkehrslärm in der Gemeinde gibt. Der Krach ist seitdem nicht geringer geworden. Die Garage und der Überhang über den Balkon schlucken einiges weg und zum Glück ist die Hecke mittlerweile 2,50 Meter hoch.

An der Kreuzung vor Ihrer Haustür ist die Geschwindigkeit auf 70 km/h begrenzt. Macht es einen Unterschied, ob jemand mit 70 oder 100 vorbeifährt?

Man merkt an der Lautstärke, ob jemand mit 70 km/h heranrollt oder ob er es eilig hat. Wenn die Raser vorbeirauschen, das hört man auch im Dorf. Am schlimmsten ist es an sonnigen Wochenenden, wenn die Motorradfahrer unterwegs sind und einige von ihnen die B 6 zur Rennstrecke machen.

Demnach hält sich Ihr Mitgefühl für geblitzte Autofahrer in Grenzen?

Davon können Sie ausgehen. Um ehrlich zu sein, ich bin selber kein Waisenknabe, fahre mitunter schneller als erlaubt und bekomme auch mal einen Strafzettel. Vor allem auf der Autobahn könnte ich dann auch einen dicken Hals kriegen. Aber Geschwindigkeitsbegrenzungen an Wohnhäusern sehe ich mit etwas anderen Augen. Ich denke mir dann immer, denen geht es ähnlich wie uns.

Die Geschwindigkeit an Ihrer Kreuzung wurde ja nicht hauptsächlich wegen des Lärms begrenzt, sondern um mehr Verkehrssicherheit zu schaffen.

Das ist unbedingt nötig. Unfälle sind auf dem Abschnitt keine Seltenheit, der letzte ist noch gar nicht so lange her. Zum Glück gab es bis jetzt nur Blechschäden und Verletzte. An das andere möchte ich lieber gar nicht erst denken. Unsere längst erwachsene Tochter war noch ein Kind, als ein Motorradfahrer bei einem Unfall die Straße entlang geflogen kam. Daran erinnert sie sich noch heute. Und 1994 war hier ein Flüssiggastransporter umgekippt, direkt auf unsere Hecke. Mit dem Ausbau der Bundesstraße wurden Abbiegespuren angelegt. Auffahrunfälle gibt es kaum noch, andere aber weiterhin. Seit sich die Unfälle häufen, wird vermehrt gestoppt.

Dann hat der Straßenausbau gar nicht mehr Verkehrssicherheit gebracht?

Nein. Jedenfalls nicht für die, die aus Schmiedefeld oder Seeligstadt kommend über oder auf die B 6 wollen. Jeder Einheimische weiß, dass man an dieser Kreuzung verdammt vorsichtig sein muss, weil man die Autos auf der B 6 schnell übersieht. Oder sie verschwinden aus dem Sichtfeld des Fahrers, werden hinter dem Querholm seines Autos faktisch unsichtbar. Oft sind in Unfälle Einheimische verwickelt.

Apropos Unfall. Die Ausfahrt aus Ihrem Grundstück ist ja auch recht abenteuerlich. Hatten Sie schon mal einen Zusammenstoß?

Zum Glück noch nicht. Aber wenn unsere Tochter mit den Enkeln kommt, sind wir immer heilfroh, wenn sie unbeschadet auf den Hof ein- oder wieder rausfährt.

Wo liegt das Problem?

Mit dem Ausbau der Staatsstraße von der B6 nach Schmiedefeld wurde diese verbreitert und der Kurvenverlauf verändert, sodass man die Fahrbahn in Richtung Schmiedefeld nicht mehr einsehen kann. Auf meine Beschwerde beim Straßenverkehrsamt des Landkreises wurde mir geantwortet, dass ich das Grundstück mit Einweiser verlassen oder die Ausfahrt verlegen soll. Beides ist doch ziemlich realitätsfern. Die Ausfahrt bestand ja schon vor dem Straßenbau. Inzwischen wurde zwar ein Spiegel aufgestellt. Bei schlechtem Wetter aber nützt der wenig und beim Einfahren aus Richtung B 6 überhaupt nichts.

Wenigstens haben Sie einen Vor-Ort-Termin erreicht. Wie hat denn das Straßenverkehrsamt reagiert?

Nach dem Treffen wurde eine Zählung mit Geschwindigkeitsmessung veranlasst. Erst auf Nachfrage sagte man mir, dass in Spitzenzeiten hier Fahrzeuge mit 60 km/h gemessen wurden, die von der B 6 kamen. Schmiedefelder fahren hier lang, Zulieferer und Mitarbeiter einer Metallbaufirma und die Lkw zur Sandgrube. Da ist auf der Staatsstraße ordentlich Verkehr. Leider gibt es für unsere Häuser hier an der B 6 noch immer kein Ortseingangsschild, wie wir es seit Jahren fordern, und auch keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Es kann also jeder hier fahren, wie er will.

Was hätte die Behörde denn tun sollen?

Na wenigstens Schilder aufstellen. Ich verstehe nicht, dass es bei einer Bausumme von 900 000 Euro für die beiden damaligen B 6-Baustellen gerade daran scheitern sollte. Muss denn wirklich erst etwas passieren? Seit Sommer 2013 haben wir jedenfalls nichts mehr von der Behörde gehört. Wir fühlen uns im Stich gelassen.

Was würden Sie sich denn für sich und Ihre Nachbarn wünschen?

Dass die Geschwindigkeit im Kreuzungsbereich heruntergesetzt wird. Und dass aus Richtung Schmiedefeld und Seeligstadt jeweils ein Stoppschild an der Auffahrt zur

B 6 aufgestellt wird. Persönlich wünsche ich mir eine sichere Ein- und Ausfahrt.