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In den USA droht der Hungertod

Ende Mai kam ein Wildpferd aus dem US-Bundesstaat Oregon nach Scharfenberg - und mit ihm seine deutsche Trainerin. Aber so war das nicht geplant.

Pferdewirtin Janell Baader bildet in Scharfenberg einen Mustang für das Leben mit Menschen aus. Dafür hat sie nur 140 Tage Zeit.
Pferdewirtin Janell Baader bildet in Scharfenberg einen Mustang für das Leben mit Menschen aus. Dafür hat sie nur 140 Tage Zeit. © Claudia Hübschmann

Klipphausen. Mit ruhiger Stimme spricht Janell Baader den braunen Mustang an: „Komm mal her zu deinem ersten Fototermin.“ Der vierjährige Wallach dreht sich langsam um und kommt ihr entgegen. Einen Namen hat er noch nicht. „Ich suche noch nach einem Paten für ihn, eine Firma oder eine Privatperson. Gemeinsam wird dann ein Name festgelegt“, sagt Trainerin Janell Baader. Zutraulich beschnuppert das Pferd die junge Frau. Dann lässt sich der Wallach küssen. „Er ist ein kleiner Charmeur.“ Erstaunlich, was die Trainerin in den vergangenen drei Wochen erreicht hat. Denn bei dem Mustang handelt es sich um ein wildes Pferd, das noch nicht an den Menschen gewöhnt ist.

Auf einen Namen hört der Wallach noch nicht. Es hat noch keinen. Gekennzeichnet ist er nur unter einer Registrierungsnummer: 5001. Im März 2019 wurde das Tier in den USA eingefangen, lebte seitdem dort in einer Auffangstation. Denn in Nordamerika gibt es zu viele dieser noch in Freiheit lebenden Tiere. „Sie sind in Amerika nicht so angesehen, eher eine Plage. Ihr Lebensraum wird immer weiter eingeengt, wegen der Gewinnung von Bodenschätzen und der Rinderzüchtung“, sagt Janell Baader. Fressfeinde wie Berglöwen, Pumas oder Wölfe fehlen, sodass die Population extrem gewachsen ist. So leben derzeit rund 88.000 Mustangs und Wildesel auf einer Fläche von etwa 13 Millionen Hektar. „Gerade einmal 27.000 Tiere könnten dort gesund leben. Es kommt zum Futtermangel, viele Tiere verhungern“, erklärt Janell Baader die Situation in Amerika.

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Deshalb kümmert sich die US-Behörde „Bureau of Land Management“ um die Mustangs. Die Wildpferde werden eingefangen, um sie an Pferdeliebhaber zu vermitteln. Doch nur bei etwa 3.000 Mustangs jährlich gelingt das. Pro Jahr werden 8.000 bis 12.000 Fohlen in freier Wildbahn geboren. Deshalb leben derzeit rund 47.000 Tiere in Auffangstationen.

Rückkehr im Frachtflieger mit 30 Wildpferden

Um die Wildpferde in Europa bekannter zu machen, haben die Mustang-Narren Silke und Michael Strussione aus dem hessischen Taunusstein die Veranstaltung „Mustang Makeover“ 2017 in Aachen ins Leben gerufen. Dazu werden mehrere wilde Mustangs importiert und von ausgewählten Trainern für ein Leben mit dem Menschen vorbereitet. Wenn die Tiere nach Deutschland kommen, wurden sie gerade einmal für die weite Reise nach Europa ausgebildet.

Die Strussiones unterstützen zudem adoptionswillige Pferdeliebhaber bei der Auswahl und dem Import der Tiere und kooperieren dafür mit US-Organisationen. Zudem arbeiten sie eng mit Trainern vor Ort zusammen. Bei solch einer Trainerin war in diesem Jahr auch Janell Baader im Bundesstaat Georgia. Bei einem dreimonatigen Praktikum wollte sie mehr über die für sie faszinierenden Tiere lernen. Aus drei Monaten wurden am Ende fast vier. Im Februar abgereist, war die Rückkehr für Anfang Mai geplant. Aber dann kam die Corona-Pandemie dazwischen. Ein Flug war nicht zu bekommen. Erst Ende Mai ging es nach Deutschland zurück – und zwar in einem Luftfrachtflug, zusammen mit 30 Mustangs, um die sie sich während des achtstündigen Fluges kümmerte. „Es war alles ein Abenteuer“, sagt sie.

Im Frühjahr dieses Jahres schloss die Pferdewirtin ihren Pferdewirtschaftsmeister ab. Ihre Liebe zu Mustangs beschreibt sie so: „Wenn du denkst, du weißt ganz viel über Pferde und dann das erste Mal mit einem Mustang arbeitest, kommt ganz schnell die Erkenntnis: Du weißt gar nichts. Sie holen dich ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Wildpferde sind viel ursprünglicher und klarer als domestizierte Pferde. Man muss hart für ihr Vertrauen arbeiten, um viele Ecken denken und arbeiten.“ Dabei geht es nicht darum, den Tieren den eigenen Willen aufzuzwingen. „Das ist nicht möglich und das will ich auch nicht. Das Pferd gibt das Tempo vor und ich nur die Richtung.“

Nach 140 Tagen zeigt Janell beim "Mustang Makeover" in Aachen, was sie ihrem Pferd beigebracht hat

Ihr Können zeigte Janell Baader bereits 2018 mit „ihrem“ Jungmustang Heartbreaker, mit dem sie den ersten Preis beim „Mustang Makeover“ gewann. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ein einst in Freiheit aufgewachsenes Tier Dinge mit dir macht, die es sonst niemals gemacht hat.“

In diesem Jahr war sie eigentlich nicht als Trainerin für den Wettbewerb vorgesehen. Dennoch genießt sie bei den Strussiones hohes Ansehen. „Janell Baader ist seit Jahren aus der Mustangszene nicht mehr wegzudenken. Sie setzt sich massiv für die wilden Pferde ein“, sagt Silke Strussione. Als Dank für ihren Einsatz und die Unterstützung der Trainerin in Amerika während der Corona-Krise darf Janell Baader nun auch in diesem Jahr wieder einen Mustang trainieren. Dabei geht es nicht um technische Fertigkeiten des Tieres, sondern um den Aufbau von Harmonie und Vertrauen zum Menschen. „Dabei musst du deine eigenen Prioritäten zurückstellen und nehmen, was du kriegen kannst“, erklärt Janell Baader die Arbeit mit einem Mustang. 140 Tage bis zum 17. Oktober hat sie insgesamt dafür Zeit. Und schon jetzt ist sich die junge Trainerin bei ihrem Schützling ganz sicher: „Er ist ein großartiges Pferd. Ich bin mir sicher, er wird die Menschen sehr glücklich machen.“

Kontakt zu Janell Baader unter www.western-inn.de/team
Informationen zum „Mustang Makeover 2020“ unter www.mustangmakeover.de

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