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Großenhain

Mutige Männer in luftiger Höhe

Nur das Wetter und brütende Fischadler halten diese Kletterer von der Arbeit ab.

Schwindelfrei muss man schon sein, um in über 20 Meter Höhe Strommasten anzustreichen.
Schwindelfrei muss man schon sein, um in über 20 Meter Höhe Strommasten anzustreichen. © Anne Hübschmann

Großenhain. Regen, Hitze und Gewitter sind ihre Feinde. Männer, die vollbepackt mit Spachteln und Farbtöpfen in lichte Höhe klettern und dort munter durch die Traverse steigen, auf der Suche nach jeder unebenen Stelle. Denn diese Männer sorgen dafür, dass die Masten der 110-KV-Leitungen mindestens 70 Jahre rostfrei überstehen. Zu DDR-Zeit war der Facharbeiter für Korrosionsschutz ein eigener Ausbildungsberuf, heute wird mit Angelernten und vor allem höhentauglichen junge Männern gearbeitet. Sonst hat sich nicht viel verändert.

Allen Versuchen der letzten Jahre zum Trotz, neue Technologien einzuführen, werden die vielen Verstrebungen der Strommasten mit der Hand aufgeraut, abgebürstet und schließlich gestrichen. Letzteres sogar zweimal. Dazwischen liegen etliche Aufstiege und akrobatische Verrenkungen, schließlich muss der erste Anstrich austrocknen, bevor es erneut hoch hinaus in gut 25 Meter Höhe geht.

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Fünf Anstreicher brauchen für einen kompletten Strommasten bis zu 30 Stunden, schätzt Enso-Netz-Bauleiter Sten Wochnik. Schließlich muss nicht nur die Grundierung einmal trocknen, jeder Mast wird zunächst immer nur halbseitig bearbeitet. So merkt der Kunde nichts von den wochenlangen Arbeiten, denn die Leitungen werden immer nur einseitig abgeschaltet.

Die stromführende Seite ist stets durch eine rote Fahne gekennzeichnet. Außerdem hat jeder Arbeiter auf Aluschildern die freigegebenen Ziffern seiner Arbeitsabschnitte stehen. Jeder Irrtum soll bei der Kletterei da oben ausgeschlossen sein. Selbstverständlich werden die Leitungen auch zusätzlich geerdet. Es ist eine aufwendige Arbeit, die Wochen, ja Monate dauern kann. Je nach Wetterlage und Brutzeit.

Für den neuen Rostschutzanstrich braucht die Enso allein in diesem Jahr 1,3 Millionen Euro. 520 000 Euro davon nur auf dem Abschnitt Großenhain bis Görzig, auf dem 45 Strommasten stehen.
Für den neuen Rostschutzanstrich braucht die Enso allein in diesem Jahr 1,3 Millionen Euro. 520 000 Euro davon nur auf dem Abschnitt Großenhain bis Görzig, auf dem 45 Strommasten stehen. © Anne Hübschmann

 Letztere ist derzeit auf dem Abschnitt zwischen Skassa und Görzig auch zu beachten. Ein Fischadlerpaar und zwei Falkenpaare haben sich just Enso-Strommasten als Brutstätten auserkoren. Es sind auch Enso-Mitarbeiter, die die Jungtiere aus den Nestern herunterbringen, damit sie von ehrenamtlichen Ornithologen beringt werden können. Anschließend werden die Vögel von den erfahrenen Kletterern auch wieder ins Nest gebracht.

Solcherlei Fürsorge gehört heute einfach dazu. Erst, wenn die Jungtiere ausgeflogen sind, werden die Arbeiter der Firma Dietrich aus der Nähe von Leipzig auch diese Masten hochklettern und die grüne Farbe aufbringen. Gestern war es übrigens so windig, dass die Farbe weithin heruntertropfte.

Aber auch da hat die Firma vorgesorgt: Sie hatte riesige weiße Laken über die Felder ausgebreitet. Die Strecke bis zum Anschluss nach Streumen ist fast geschafft. Von dort ab wird die Enso ab August dann komplett neue Masten stellen. Der Abschnitt vom Großenhainer Umspannwerk an der Gesenk- und Freiformschmiede bis zum Ortsausgang Görzig ist dann für die kommenden Jahre fit gemacht. Der letzte Anstrich erfolgte 1995 bis 1996. Ein Mast ist sogar bis auf die Fundamente freigelegt.

Sie werden gesäubert und mit einem neuen Betonanstrich versehen – oder wenn die Standsicherheit nicht gewährleistet ist – komplett erneuert. Seit dem Tornado am Pfingstmontag 2010 ist da bereits einiges erneuert worden. Vielen sind die wie Streichhölzer abgeknickten Masten gerade hier bei Bauda wohl noch lebendig vor Augen. Niemand konnte sich bis zu diesem Tag vorstellen, dass auch in unserer Region Wind so eine Kraft entwickeln könnte, dass ganze Landstriche verwüstet werden.

Die Enso Netz Sachsen Ost gibt auch in diesem Jahr wieder 51,3 Millionen Euro für die Erneuerung und Erweiterung der Stromnetze aus. Davon fließen immerhin 18 Millionen Euro in die Hochspannungsnetze. Für den neuen Rostschutzanstrich braucht die Enso allein in diesem Jahr 1,3 Millionen Euro. 520 000 Euro davon nur auf dem Abschnitt Großenhain bis Görzig, auf dem 45 Strommasten stehen.

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