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Mutige Worte gegen den Hass

Ein Bischofswerdaer kämpft für Demokratie und Verständigung. Der Gedenktag für die ermordeten Juden liegt ihm besonders am Herzen.

Sven Urban steht in der Kreuzkirche am Alten Friedhof. Am Montagabend wird er hier mit Pfarrer Joachim Rasch einen besonderen Gottesdienst anlässlich des deutschlandweiten Holocaust-Gedenktages gestalten.
Sven Urban steht in der Kreuzkirche am Alten Friedhof. Am Montagabend wird er hier mit Pfarrer Joachim Rasch einen besonderen Gottesdienst anlässlich des deutschlandweiten Holocaust-Gedenktages gestalten. © Steffen Unger

Bischofswerda. Sven Urban trägt keinen Talar, wenn er vor die Kirchgemeinde tritt. Liest er eine Predigt, trägt er meist einen dunklen Anzug. Der 54-Jährige ist kein Pfarrer. Trotzdem darf er Gottesdienste in der evangelisch-lutherischen Kirche leiten, seitdem er seine Ausbildung zum Lektor erfolgreich abgeschlossen hat. Der Bischofswerdaer ist gewissermaßen Seelsorger im Ehrenamt. Seine Brötchen verdient er sich als Ausbilder bei einer Bildungsgesellschaft.

Am Montag wird er gemeinsam mit Pfarrer Joachim Rasch in der Kreuzkirche Bischofswerda einen besonderen Gottesdienst gestalten und an die sechs Millionen europäischen Juden erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden sind. An diesem Tag jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz – es wurde zum Synonym für den industriemäßgen Massenmord durch die Nazis – zum 75. Mal. Seit dem Jahr 1996 ist dieser Tag in Deutschland nationaler Gedenktag. Seit vergangenem Jahr gehört er auch zu den offiziellen Gedenktagen der evangelischen Kirchen in Deutschland. Die hiesige Kirchgemeinde begeht ihn in diesem Jahr zum ersten Mal. Sven Urban brachte diesen Impuls aus Löbau mit, wo er seine Ausbildung zum Lektor absolvierte.

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Von der Vergangenheit zur Gegenwart

„Als Christinnen und Christen leben wir im lebendigen Gespräch mit dem Judentum, denn ohne das Judentum gäbe es kein Christentum“, schreibt Markus Dröge, bis zum Jahr 2019 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. In Bischofswerda werden Joachim Rasch und Sven Urban den Gottesdienst mit christlich-jüdischen Impulsen gestalten. 

Sven Urban wird die Hauptpredigt lesen. Er wird einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen und sich mit Versuchen auseinandersetzen, die Shoa zu relativieren und zu verharmlosen. „Da ist der Holocaust auf einmal nur ein „Vogelschiss“ in der Geschichte“, wird er sagen. „Das Leid der Gefangenen in Auschwitz wird als Textzeile in einem Rap verwendet. Und in der Hauptstadt Deutschlands stehe ein „Denkmal der Schande“. So hat ein führender AfD-Politiker das Mahnmal in Berlin genannt. Aber hinter solchen Leugnungen steht nicht nur Scham, sondern auch der Wunsch, an die Zeit des Nationalsozialismus anknüpfen zu können.“ Sven Urban wird am Montag über Schuld und Scham sprechen. Und über unsere Verantwortung, damit sich so ein Verbrechen niemals wiederholt.

Was es bedeutet, für Demokratie, Toleranz und Menschenrechte einzutreten, erfuhr Sven Urban früher als viele andere in Bischofswerda. Er gehörte zu jenen, die im Herbst 1989 Unterschriften für die Zulassung des Neuen Forums sammelten. In der Backstube von Konditormeister Hubertus Wolf an der Neustädter Straße hatte man sich im Geheimen getroffen. Sven Urban, damals Anfang 20, hatte etwas zu verlieren. Der gelernte Koch war Ende der 80er-

Jahre schon Küchenchef im Neukircher Hotel „Oberland“. Als Christ, sagt er, trage man Verantwortung für die Gesellschaft und habe eine Vorbildrolle. Er lebt diese nicht nur in seinem kirchlichen, sondern auch in seinem politischen Engagement, Sven Urban ist Mitglied der SPD und im jetzigen Stadtrat der einzige Vertreter seiner Partei. Als solcher schloss er sich als SPD-Stadtrat der Fraktion Die Linke an.

Geschwister im Glauben

Christ und Sozialdemokrat zu sein, ist für ihn kein Widerspruch. „Die Werte sind dieselben – Freiheit, Gleichheit, Solidarität“, sagt er. Und er verweist auf kirchliche Würdenträger, wie Pfarrer Markus Meckel und den kürzlich verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg Manfred Stolpe, die nach der Wende die Sozialdemokratie im Osten Deutschlands wiederbelebten.

Christen und Juden sind Geschwister im Glauben. Die aktuellen Entwicklungen im Land sieht Sven Urban, wie andere Menschen, mit Sorge. Die Zahl antisemitischer Übergriffe in Deutschland nimmt zu. Es werden öffentlich judenfeindliche Äußerungen getätigt. Es gibt jüdische Mitbürger, die sich in diesem Land nicht mehr sicher fühlen. „Ein Tag wie heute erinnert uns an die Schuld, die Deutschland auf sich geladen hat. Wir tragen immer noch schwer an ihr. Wir empfinden die Scham, die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich lädt. Die Scham darüber, dass von unserm Land solche unfassbaren Verbrechen ausgegangen sind“, wird Sven Urban am Montagabend sagen. Und er wird appellieren, der Lüge die Wahrheit und dem Zorn die Bitte um Vergebung entgegenzusetzen. Vor einigen Tagen schon hat Sven Urban seine Predigt aufgeschrieben. Es wird eine politische Botschaft.

Gedenken in Bischofswerda

Am 27. Januar wird in Bischofswerda zum Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden eingeladen:

11 Uhr: Kranzniederlegung der Stadt am Mahnmal an der Kirchstraße

18 Uhr: Gedenken an den Stolpersteinen für die Familie Hoffmann an der Bischofsstraße 15, organisiert vom SPD-Ortsverein Bischofswerda

19 Uhr: Gedenkgottesdienst mit christlich-jüdischen Impulsen in der Kreuzkirche am Alten Friedhof

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