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Mutprobe Führerschein

Ob Spätzünder oder Autobahnvermeider, therapiert hat Dagmar Kanter fast alle. In ihrer Angsthasenfahrschule nimmt sie die Furcht vorm Steuer.

© Amac Garbe

Franziska Lange

Dass das Lenkrad und Ute Schellenberg noch keine Freunde sind, ist kaum zu übersehen. Ein wenig bang umklammern ihre Hände das Steuer. Kerzengerade sitzt sie auf dem Fahrersitz. Draußen schieben sich Wolken voreinander her. Regen trommelt auf das Autodach und lässt die Lichter des Stadtverkehrs verschwimmen. Eigentlich die beste Stimmung für eine gemütliche Heimfahrt in den Feierabend. Doch von Gemütlichkeit ist Ute Schellenberg meilenweit entfernt. Wie viele solcher Fahrstunden sie schon hinter sich hat, weiß sie nicht mehr. Wichtig ist nur das große Ziel: der Führerschein. Spätestens zu Weihnachten möchte sie ihn in den Händen halten. Keinen Gedanken will Ute Schellenberg dann mehr daran verschwenden, welchen Bammel sie hatte, sich erst mit 47 Jahren in der Fahrschule anzumelden. Schon gar nicht daran, wie sie zwischendrin fast aufgegeben hätte, weil das Schalten und der Verkehr für sie einfach zu viel auf einmal sind. „Dann zählt nur, dass sie ihre Mutprobe Führerschein bestanden hat“, sagt Fahrlehrerin Dagmar Kanter und klingt dabei energisch und freundschaftlich, so wie ihre Schüler sie kennen.

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Auf Menschen, die sich erst spät zur Fahrschule trauen, hat sich die 47-jährige Fahrlehrerin spezialisiert. Angsthasen nennt sie diese und meint das keineswegs abwertend. Zu ihr kommen Männer wie Frauen. Manche brauchen Auffrischung, einige trauen sich nicht auf die Autobahn und wieder andere scheitern an Alltagssituationen, wie der Tankstelle oder einer Waschstraße. Nicht selten verbergen sich hinter der Angst Traumata nach Unfällen, manchmal körperliche Beeinträchtigungen und immer öfter ganze Familienschicksale. Fahrschülerin Ute Schellenberg kann da nur zustimmend nicken. Vorm Selberfahren habe sie sich bisher erfolgreich drücken können, erzählt sie.

Reden und fahren zur selben Zeit kostet die Schülerin volle Konzentration. „Zur Arbeit bin ich bisher geradelt, alle übrigen Wege wurde ich gefahren. Erst jetzt muss ich plötzlich das Familienauto selbst steuern.“ Die Reifen des blauen Minis knarzen beim Lenken auf der Stelle, doch die Fahrlehrerin bleibt ruhig. „Jetzt lenk mal wie ein Mann. Und lächeln nicht vergessen!“, mahnt Dagmar Kanter. Kniffe wie diesen hat sie einige parat. „Wer lächelt, holt Luft, und das Gehirn bekommt neuen Sauerstoff“, erklärt sie. Psychologie fährt bei Dagmar Kanter immer mit. Dabei hatte sie eigentlich Handfestes im Sinn, als sie Mitte der 80er nach einer Ausbildung suchte. „Irgendetwas mit Autos sollte es werden“, erinnert sich Dagmar Kanter. Aber an einen Job als Kfz-Mechanikerin war zur DDR-Zeit nicht zu denken. „Da gab es gerade eine Stelle in Dresden, die hätte ich als Frau nie bekommen.“ Und als Fahrlehrerin? Sie schüttelt den Kopf. „In der ganzen Republik gab's damals doch nur zwei Frauen, die das machten. Eine in Rostock und eine in Dresden.“ Außerdem durfte nur Fahrlehrer werden, wer eine „gewisse Reife“, also entweder Abitur oder bereits einen ersten Beruf in der Tasche hatte, diese Regel gilt bis heute. So lernte sie den Eltern zuliebe Köchin und dankte kurz darauf der politischen Wende, die sie vom Herd geholt hat.

Die Prüfung zur Fahrlehrerin bestand sie als dritte Frau in Dresden – zum Glück von Ute Schellenberg. Denn ohne die Angsthasenfahrschule in der Neustadt würde sie bis heute nicht selbst fahren. Nicht, dass sie es zuvor nicht versucht hätte. „Aber der Lehrer damals ließ mich kämpfen, der hat mich gleich auf die Teplitzer Straße geschickt, da hab ich aufgegeben.“ Geschichten wie diese kennt Dagmar Kanter zuhauf und ärgert sich darüber. Meist helfe es schon, Angsthasen in ein Automatik-Auto zu setzen. So wie bei Ute Schellenberg. Das Schalten ließe sich später immer noch lernen, beruhigt die Lehrerin. Und so manchem Schüler stehe weniger die Angst vorm Stadtverkehr im Weg als vielmehr die Panik vor der Prüfung.

Atemübungen und Geheimnisse

Auch dabei findet Dagmar Kanter Mittel und Wege. Und sei es, dass sie ihren Schützling mitten in der Prüfungsfahrt anhalten, tief durchatmen und dreimal um den Wagen laufen lässt. Wenn es sein muss, bewahrt sie auch Geheimnisse für sich, so wie bei ihrem ältesten Schüler. „Der wurde stets von seiner Frau gefahren, so lange, bis sie an den Augen operiert werden musste und nicht mehr hinters Steuer durfte“, erinnert sich die Fahrlehrerin. Ohne seiner Frau davon zu erzählen, meldete er sich bei Dagmar Kanter an. Erst nach der Prüfung rief er daheim an, um stolz von seinem Führerschein zu berichten – und das mit 67. „Da krieg ich heute noch Gänsehaut!“, sagt Dagmar Kanter.

Nur ein einziges Mal musste sie bisher einer Schülerin vom Autofahren abraten. Und das nach nicht mal zehn Fahrstunden. „Das war hart, aber ehrlich. Ich habe ihr geraten, sich lieber ein Fahrrad zuzulegen. Das hat sie sogar gemacht.“ Warum es manche schaffen und manche nicht, liege nicht nur am Alter, sondern auch am Typ, erklärt sie. Beim Autofahren sei die Feinmotorik das Wichtigste, weil viele Dinge gleichzeitig zu tun sind. Praktischen Typen fällt das leichter, die Theoretiker unter den Ängstlichen haben daran ganz schön zu knabbern. Wann sie jemanden antreiben muss und wann eher Feingefühl angebracht ist, das weiß Dagmar Kanter aus ihrer 18-jährigen Erfahrung. Mit Lob spart sie nicht in ihren Stunden, aber auch nicht mit konstruktiver Kritik. So wie jetzt bei Ute Schellenberg, die gerade durch eine 30er-Zone im Hechtviertel schleicht. „Mach keinen Stress, Ute, aber wir sind hier auch nicht bei der Langsamdenkfahrschule.“ Auf jeden ihrer Schüler stellt sie sich ein, sich dabei beim Vornamen anzureden, schafft Vertrauen. Bei Ute Schellenberg wirkt das.

Eine gute halbe Stunde nach dem Start sitzt sie schon gelassener im Wagen, setzt souverän Blinker und Schulterblick und kann sogar ein bisschen scherzen. Für ihre Ausbildung haben sich die beiden Frauen auf Zeit geeinigt. Dass sie diese braucht, um in Ruhe zu lernen, weiß die Dresdnerin selbst. Das alte Sprichwort „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ hat sie für ihren Führerschein auf den Kopf gestellt. „Hans lernt einfach langsamer“, ist ihr Credo. Und damit wird sie die Hände bald ganz gelassen am Lenkrad haben.

Mehr Informationen unter www.angsthasen-fahrschule.de