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Mutter Courage ist ein Abend der Frauen

Ursula Werner brilliert am Staatsschauspiel Dresden, allerdings übermalt die Inszenierung etwas Wesentliches.

© Sebastian Hoppe

Brecht spielen, heute? Muss das sein? Immer seltener ist der gute alte Bert in den Spielplänen geworden, aus Gründen. Der moralische Ton, die eindeutig politische Intention, die schräge Musik – all das passt offenbar nicht zu den Themen unserer Zeit. Dazu kommen die harten Regeln der Brecht-Erben, die interessante Neuinterpretationen kategorisch verhindern. Das Dresdner Staatsschauspiel hat sich dennoch einmal wieder getraut und engagierte für „Mutter Courage und ihre Kinder“ die ganz große Besetzung.

Regisseur Armin Petras führte Regie, die bekannte Schauspielerin Ursula Werner wurde für die Courage geholt. Und was ist das für eine Hauptdarstellerin! Werner spielt Mutter Courage ganz frei von aller moralischen Überhöhung, die diese Figur im Laufe der Aufführungsgeschichte über sich hat ergehen lassen müssen. Sie gibt ihr stattdessen etwas Alltägliches, Brüchiges, Verletzliches. Auf der Bühne im Schauspielhaus steht an diesem Abend keine Vorbildfigur und keine Übermutter. Nein, sie ist Liebende, Lebendige und einfach eine normale Mutter, die ihre Kinder irgendwie durch diesen elenden Krieg kriegen muss. Um ihre Familie herum sterben Menschen, erodiert das Land und zerfällt die Welt – die Marketenderin Mutter Courage steht da mit Regenhaube und denkt an die Bestellung ihrer Waren. Woran sonst? Es muss ja weitergehen.

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© Sebastian Hoppe

Was macht Krieg mit den Menschen? Armin Petras arbeitet das hervor, was übrig bleibt, wenn Kultur, Benehmen und Anstand weichen, weil es ums Überleben geht. Auf einer rostigen Rampe wird gespielt, dahinter erhebt sich im Bühnenbild von Olaf Altmann ein riesiges Gitter. Es dient als Kletterwand, an der Soldaten auf und ab kraxeln, und wenn sie sterben, liegen sie auf den Sprossen und erwecken den Eindruck eines gewaltigen Kriegsgemäldes. Dazu kommt ordentlich Nebel zum Einsatz, eine große, in schlachtfeldbraune Kittel gehüllte Statisterie und Livemusik unter der Leitung von Michael Fuchs. Die Trommeln klingen wie Beschuss, das Requiem untermalt das Sterben. Alles ist sehr stimmungs- und eindrucksvoll.

© Sebastian Hoppe

Starke Theaterbilder sind natürlich ein Vergnügen, aber in diesem Fall übermalen sie das Wesentliche: das Spiel. Neben Ursula Werner ist vor allem Nadja Stübiger das große Glück dieses Abends. Noch vor Premierenbeginn wurde angekündigt, Stübiger würde reduziert auftreten, sie hatte sich bei den Proben schwer am Fuß verletzt. Darum spielt sie mehrere Nebenfiguren, vor allem aber die Lagerhure Yvette im Sitzen oder gestützt – dafür aber mit mehr Energie als drei Zwanzigjährige mit unversehrten Füßen es könnten. Zum Heulen komisch torkelt sie besoffen an den Bühnenrand, pudert sich hysterisch das Gesicht weiß, stakst als versehrte Witwe verbittert durch den Müll. Gemeinsam exerzieren Ursula Werner und Nadja Stübiger die Formen des weiblichen Überlebens in der Krise durch: Entweder du wirst wahnsinnig oder du nimmst das Leid stoisch als gegeben. Staunend sieht man zu, wie das Elend die beiden immer mehr zeichnet. Maria Tomoiga, Yassin Trabelsi, David Kosel, Matthias Reichwald und Philipp Lux spielen solide, doch die Frauen sind es, die tragen.

© Sebastian Hoppe

Leider wird man den Eindruck nicht los, dass Armin Petras zu viel gewollt und zu wenig geprobt hat. Abgesehen von technischen Problemen: Immer wieder ploppen neue Regieideen auf, die dann aber im Leeren verhallen. Da schleichen plötzlich Vermummte durchs Publikum, das Motiv wird aber nicht fortgeführt. Nach einer absolut nicht notwendigen Pause ist vollends die Luft aus der Inszenierung gewichen, die mit viel Lärm und Kunsthandwerk verhindert, dass „Mutter Courage und ihre Kinder“ wirklich nachhaltig berührt.

„Mutter Courage und ihre Kinder“ wieder am 18. und 30. Oktober sowie 8. November, je 19.30 Uhr, Staatsschauspiel Dresden, Karten: 0351 4913555

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