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Meißen

Mutter lässt Neugeborenes erfrieren

Seit Mittwoch sitzt eine 31-jährige Frau wegen Totschlags vor dem Dresdner Landgericht. Auch der Kindsvater stand anfangs unter Verdacht.

Die Angeklagte mit ihrer Verteidigerin Anne Krause am Mittwoch vor dem Landgericht Dresden. Ihr wird Totschlag vorgeworfen.
Die Angeklagte mit ihrer Verteidigerin Anne Krause am Mittwoch vor dem Landgericht Dresden. Ihr wird Totschlag vorgeworfen. © René Meinig

Niederau/Dresden. Über Niederau kreist ein Polizeihubschrauber an jenem 7. Dezember vor fast zwei Jahren. In dem Dorf nahe Meißen hat sich schnell herumgesprochen, dass ein totes Neugeborenes gefunden wurde. Auch Frank N. (Name geändert ) hat davon erfahren. Er sieht den Hubschrauber kreisen, macht sich seine Gedanken, kann es nicht begreifen. Wer macht nur so etwas? 

Der 32-Jährige ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er der Vater des getöteten Kindes ist. Er weiß nicht mal, dass er Vater geworden ist. Seine Freundin, mit der er damals seit rund zehn Monaten zusammen ist, verschwieg ihm und allen anderen die Schwangerschaft.

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An jenem Dezembertag kommt die 31-jährige Melkerin von der Arbeit nach Hause, geht zu Bett. Dann bemerkt sie, dass sie Fruchtwasser verliert. Gegen 12 Uhr setzen die Wehen ein. Doch die Frau begibt sich nicht etwa in eine Klinik. Sie setzt sich in ihr Auto, fährt auf das Grundstück ihrer Arbeitsstelle. In dem Fahrzeug bringt sie das Kind, einen gesunden Jungen, zur Welt. 

Sie durchtrennt die Nabelschnur, wickelt den schreienden Jungen in ein Handtuch und setzt ihn im Freien aus. Danach fährt sie nach Hause, als sei nichts geschehen. Das Neugeborene, dass gesund und lebensfähig war und termingerecht zur Welt kam, erfriert. Zwei Tage später findet ein Lehrling der Agrargenossenschaft bei Reparaturarbeiten zufällig das tote Baby.

Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach der Mutter des Kindes. Neben dem Hubschrauber werden auch Fährtenhunde eingesetzt. Doch die Suche bleibt erfolglos. Später werden rund 350 Frauen befragt. 20 von ihnen geben freiwillig Speichelproben ab, darunter ist auch die Freundin von Frank N. Doch sie widerspricht der Auswertung der DNA. Dadurch macht sie sich verdächtig. Kurze Zeit später steht die Polizei mit einem richterlichen Beschluss vor der Tür.

 Die Speichelprobe kann nun ausgewertet werden und es bestätigt sich der Verdacht. Die Frau ist zweifellos die Mutter des toten Säuglings. Es wird Haftbefehl erlassen, die Frau kommt in Untersuchungshaft. Dort legt sie ein Geständnis ab. Am 4. Juli 2018 wird der Haftbefehl aufgehoben. Da hat sie sechs Monate in Haft gesessen, länger darf Untersuchungshaft im Regelfall nicht dauern.

 Der Haftbefehl wird außer Vollzug gesetzt. Gegen die Auflage, sich regelmäßig bei der Polizei zu melden, kommt sie frei. Seit Mittwoch, fast zwei Jahre nach der Tat, sitzt sie nun wegen Totschlags am Landgericht Dresden vor dem Schwurgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Totschlag vor.

Die Angeklagte will sich selbst nicht zur Tat äußern. Allerdings kündigt ihre Verteidigerin Anne Krause an, eine Erklärung für ihre Mandantin abgeben zu wollen. Zuvor beantragt sie jedoch, die Öffentlichkeit für diese Zeit von der Verhandlung auszuschließen. Es kämen sehr private Dinge zur Sprache. Die schutzwürdigen Interessen ihrer Mandanten würden das öffentliche Interesse überwiegen, argumentiert sie.

 Oberstaatsanwältin Karin Dietze tut sich zunächst schwer damit, sieht keine Verletzung schutzwürdiger Interessen. Schließlich tritt sie dem Antrag nicht entgegen. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Martin Uebele geht sogar noch über den Antrag hinaus. Auch bei der Vernehmung des Kindsvaters, dessen Schwester, dessen Mutter und des Ermittlungsbeamten wird die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen.


Kindsvater Frank N. ist nicht nur Zeuge, sondern auch Nebenkläger. Er hat nach dem Tod des Säuglings die Vaterschaft anerkannt. Der Fall brachte auch ihn in Bedrängnis und in Schwierigkeiten, nicht nur durch das Gerede im Dorf. Weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass er Mittäter oder zumindest Mitwisser ist, wurde er sogar aus der freiwilligen Feuerwehr ausgeschlossen. Erst als die Vorwürfe ausgeräumt waren, wurde er wieder in deren Reihen aufgenommen.

„Niemand von uns hat die Schwangerschaft bemerkt“, sagt er. Laut Anklage wollte seine damalige Freundin das Kind nicht aus finanziellen Gründen und weil sie glaubte, dass ein Kind die Beziehung belaste. Der Kindsvater bestreitet das. „Wir kamen finanziell gut hin“, sagt er. Dass seine Freundin hohe Schulden hatte, erfuhr er erst, als sie in Haft war. Da fand er entsprechende Schreiben.

„Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir vorerst kein Kind wollten. Aber wenn es doch passierte, haben wir gesagt, ziehen wir es natürlich groß“, so der 32-Jährige. Auch seine Eltern und seine Schwester hätten sich um das Kind kümmern können, sagt er. Warum ihm seine Freundin die Schwangerschaft verheimlichte und das Neugeborene tötete, statt es beispielsweise zur Adoption freizugeben, darüber rätselt er bis heute.

Er hat die Frau auch in der Haft besucht. Doch Antworten hat er bis heute keine bekommen. Inzwischen hat er sich von der Frau, die bereits ein fünfjähriges Kind aus einer anderen Beziehung hat, getrennt. Für Frank N. wäre es das erste Kind gewesen. Er hatte keine Chance, es aufwachsen zu sehen. Die Tat hat er bis heute nicht verkraftet, musste sich in psychologische Behandlung begeben, um die Sache verarbeiten zu können.

Auch seine Schwester ist fassungslos und tief betroffen. „Wir alle können das nicht verstehen, haben damals noch zusammen fröhlich Weihnachten gefeiert. Die Frau war völlig unverändert, sie ließ sich nicht anmerken, was sie getan hatte", sagt sie.

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Frank N. möchte, dass seine Ex-Lebensgefährtin eine gerechte Strafe erhält. Wie die aussehen soll? „Sie muss für diese Tat in Gefängnis“, sagt er entschlossen. Darüber muss nun das Schwurgericht entscheiden. Möglich ist eine Haftstrafe von einem bis zu zehn Jahren. Das Gericht hat vier Verhandlungstage angesetzt, unter anderem werden zwei Gutachter gehört. Das Urteil soll es schon am nächsten Donnerstag geben.

Der Säugling, der sterben musste, nachdem er gerade das Licht dieser Welt erblickt hatte, bekam nachträglich den Namen Alex-Heinz und wurde in Meißen beigesetzt.

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