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Mutter, warum bist du ein Monster?

Im Zittauer Theater will sich ein Mann von seinem Kindheitstrauma befreien.

"Mothers"
"Mothers" ©  Foto: Nikolai Schmidt

Von Silvia Stengel

Jacob ist verzweifelt. Kurz vor seiner Hochzeit holt ihn die Vergangenheit ein. Seine Mutter hat ihn verlassen, als er vier Jahre alt war, sie nahm sich das Leben. Warum hat sie das getan? Wer war sein Vater? Auf der Suche nach Antworten spaltet er die Mutter in zwei Persönlichkeiten, die eine warm und herzlich, eher schlicht und häuslich gekleidet, die andere wild und getrieben, im schicken, schwarzen Kleid.

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„Mothers“ heißt das Stück, das am Sonnabend im Zittauer Theaters Premiere hatte. Der polnische Schauspieler und Regisseur Grzegorz Stosz hat es geschrieben und inszeniert. Die polnische Schauspielerin Angelika Pytel vom Psychoteatr in Breslau spielt eine der beiden Mütter. Sie ist die große Entdeckung des Abends. Vom weinerlichen, bedauernswerten, fast kindlich wirkenden Geschöpf bis zu einer starken Frau mit einem Wutausbruch, der einen zusammenzucken lässt, hat sie alles drauf. Aber auch die beiden Zittauer, Martha Pohla als elegante Mutter und David Thomas Pawlak als Jacob überzeugen so nah an den voll besetzten Zuschauerreihen in der Studiobühne. Sie spielen auf Podesten auf mehreren Ebenen, nur zwei Stühle und ein kleiner Tisch stehen da. Im Hintergrund flimmert ein Bildschirm, bald sind Kinderzeichnungen zu sehen und später auch Kriegsbilder, Panzer und Tote auf den Straßen, dazu wird eindringliche Musik von Pawel Rychert aus Breslau eingespielt.

Dann wird es kompliziert, denn nach und nach offenbart sich die Geschichte der Mutter. Sie will nicht über Jacobs Vater reden. War es ein Pole? Die Antwort bleibt aus. Stattdessen geht die Mutter weiter in der Geschichte zurück. Ihre Mutter war Polin, sie wurde 1940 als Zehnjährige verschleppt und landete später bei einem Bauern, von dem sie vergewaltigt wurde. Das dabei gezeugte Kind wurde ausgesetzt, von einem Ehepaar gefunden, das in der NSDAP war, und aufgezogen. Es gibt immer wieder Lücken in den Erzählungen und doch kann sich der Zuschauer bald zusammenreimen, dass auch Jacobs Mutter einiges zu bewältigen hatte. Als sie ihn bekam, war sie jung und schön, jeden Morgen trank sie einen Kaffee. Er war vier Jahre und wollte von ihrem Kaffee kosten, da schrie sie ihn an: „Ich reiß dir den Kopf ab!“ Warum sie schrie? Weil Gift in dem Kaffee war, den sie gleich trinken wollte.

Angelika Pytel spricht fast nur Polnisch, es stört nicht, wenn man sie nicht versteht, allein die Körpersprache fasziniert, und mit Martha Pohla, die Deutsch spricht, erschließt sich zugleich der Part der anderen Mutter. Einmal passt das wunderbar, als Jacob zu seiner polnisch sprechenden Mutter sagt: „Ich verstehe dich heute nicht, als wärst du gar nicht hier.“

Jacob schafft es nicht, sein Trauma zu bewältigen. Er wird immer verzweifelter, geht in die Sauna, um seinen Geist zu reinigen und begegnet wieder den beiden Müttern. Sie zeigen ihre Liebe, erzählen, wie sie für ihn gekocht haben, sie lachen ihn aber auch aus und lassen ihn nicht los. Er will heiraten? Die Mutter entgegnet mit sanfter Stimme: „Komm zu Mama!“ Und sagt: „Wer wird dich jemals so lieben wie ich?“ Doch nun wird Jacob selber Vater. „Ich wollte stark sein“, sagt er. Für ihn ist sein Vater ein „Feigling“, ein „Köter vor der Tür“. Er sagt: „Ich bin so, weil du so bist.“ Und: „Ich will nicht Sohn eines solchen Vaters sein. Ich will nicht Vater eines solchen Sohnes sein.“ Die Antworten der Mütter helfen ihm nicht, er bezeichnet sie sogar als Monster und schlägt zum Schluss auf sie ein. Die Geister, die er nicht loswird? Einige Fragen bleiben offen.

„Mothers“ wird ein etwas rätselhafter und dennoch beeindruckender Abend, auch deswegen, weil er mal ganz anders, recht experimentell angelegt ist. In der Beschreibung steht ja auch „Stückentwicklung“. Vom Publikum gibt es nach den 70 Minuten einen langen Applaus und Jubel.

Wieder am: 19.2., 28.2 und 15.3., jeweils 19.30 Uhr, Gerhart-Hauptmann-Theater. Karten: 03581 474747

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