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Nach Corona kommen die Schuldner

Die Schuldnerberatung der Caritas befürchtet: Mehr Fälle von Überschuldung. Noch ist es auffällig ruhig.

Die Caritas bietet ihre Schuldnerberatung regulär an: am Telefon, online oder persönlich mit Termin. Nur die offenen Sprechstunden fallen coronabedingt aus, informiert Sandro Vogt.
Die Caritas bietet ihre Schuldnerberatung regulär an: am Telefon, online oder persönlich mit Termin. Nur die offenen Sprechstunden fallen coronabedingt aus, informiert Sandro Vogt. © Claudia Hübschmann

Landkreis. Die Wirtschaft leidet unter der Corono-Krise. Unternehmen können den Verlust der vergangenen Monate kaum aufholen. Dagegen sind private Haushalte meist abgesichert – durch Kurzarbeitergeld oder eigene Rücklagen. Wenn Letztere schmelzen, kann schnell die Privatinsolvenz drohen. Derzeit diskutiert deshalb der Bundestag, das Insolvenzverfahren von sechs auf drei Jahre zu verkürzen: Damit Betroffene rasch aus der Überschuldung finden. Dabei unterstützt ebenfalls die Caritas, die in Meißen und Radebeul eine kostenlose Schuldnerberatung anbietet. Caritas-Mitarbeiter Sandro Vogt befürchtet, dass dieses Jahr mehr Menschen als sonst die Schuldnerberatung nutzen.

Bisher gebe es noch keinen rapiden Anstieg an coronabedingten Schulden in der Beratung. Dafür wäre es jetzt jedoch zu früh, denn traditionell kommen die Schuldner erst später – nach den Krisen. Seit März gab es in Meißen nur neun Fälle, die aufgrund der Corona-Krise sich beraten ließen. Acht davon arbeiten selbstständig. Die Betroffenen haben häufig ein geringes Einkommen. Als Vergleich: In einem normalen Jahr sind es etwa 600 Menschen, die eine Beratung benötigen. „Viele versuchen zunächst, ihren Lebensunterhalt aus eigenen Mitteln zu bestreiten“, erklärt der Schuldnerberater. „Meist ist es dann zu spät. Wir befürchten deshalb, dass uns die Bugwelle bald überschwemmt.“ 

Wer kommt zur Schuldnerberatung?

Das lässt sich kaum beurteilen. Es kommen Arbeitslose, Arbeitnehmer oder Unternehmer, aber auch Familien oder Rentner. „Unsere Klientel kann man nicht auf eine bestimmte Schicht festlegen“, sagt Sandro Vogt. Das Durchschnittsalter beträgt 42 Jahre. Die größte Gruppe betrifft die 30- bis 40-Jährigen. Jedoch ebenso die unter 20-Jährigen sowie über 60-Jährigen. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Fast die Hälfte lebt in einer Ehe oder Partnerschaft. 35 Prozent leben allein und 16 Prozent sind alleinerziehend. 

Drei Viertel der Schuldner besitzen eine abgeschlossene Ausbildung. Nur wenige weisen wiederum ein abgeschlossenes Studium vor – vier Prozent – oder sind in Ausbildung – ein Prozent. Ein Großteil der Menschen, denen die Caritas hilft, haben außerdem weniger als 10.000 Euro Schulden. Je höher dabei die Schulden sind, umso weniger sind in der Schuldnerberatung vertreten. Knapp die Hälfte wohnt in Meißen und im Umland der Stadt. 

Wie hilft die Schuldnerberatung?

Da die Menschen so unterschiedlich sind, gebe es auch kein Patentrezept für die Hilfe, so Sandro Vogt. „Trotzdem ist unser erster Schritt in der Beratung, die Existenz unserer Klienten zu sichern.“ Das heißt, er und seine Mitarbeiter fragen, ob eine Wohnungskündigung oder Stromsperre droht. Das muss zuerst verhindert werden. Danach wird geschaut, ob der Klient noch jemanden versorgen muss, zum Beispiel ein unterhaltspflichtiges Kind. „Viele wollen erst mal ganz schnell ihre Schulden loswerden. Das ist verständlich. Allerdings sorgen wir dafür, dass es nicht mehr werden.“

Danach erfassen die Berater der Caritas die persönliche Situation des Schuldners. „Wir möchten Vertrauen aufbauen, denn hinter den Schulden steckt immer ein Mensch.“ Deswegen wird als Nächstes der Pfändungsschutz angestrebt. Dieser erfolgt durch ein spezielles Konto. So darf bei einer einzelnen Person nicht mehr als etwa 1.180 Euro gepfändet werden. Je nachdem für wie viele Kinder der Schuldner Unterhalt bezahlt, gibt es darauf weitere Freibeträge. Zudem werde momentan besonders darauf geachtet, dass der Corona-Bonus nicht gepfändet wird, so Sandro Vogt. 

Erst wenn die Finanzen geregelt sind, erfolgt die Entschuldung. Die Caritas-Mitarbeiter setzen sich mit dem Schuldner zusammen, um sein Budget zu planen. Interessant sind vor allem die Ausgaben. „Hier hinterfragen wir gemeinsam kritisch, welche wirklich notwendig sind.“ Zum Beispiel teure Handyverträge oder Abos. „Allerdings versuchen wir in diesem Schritt, die Partner mit einzubeziehen. Sie sollen dann gemeinsam überprüfen, was sie wirklich brauchen.“

Was sind Gründe der Verschuldung?

Ein Drittel der Menschen, die zu Sandro Vogt kommen, ist arbeitslos, hat seine Arbeitszeit reduziert oder länger ein Niedrigeinkommen erhalten. Oft ist auch die Scheidung oder Trennung vom oder Tod des Partners eine Ursache der Überschuldung. Dann fehlt das zusätzliche Gehalt. Oder jemand ist krank, hatte einen Unfall und kann nicht mehr arbeiten. Oder die Selbstständigkeit ist gescheitert. 

„Meist fehlt es an Allgemeinbildung“, so Sandro Vogt. Wenn zum Beispiel teure Onlineabos abgeschlossen werden, für Leistungen, die es eigentlich kostenlos gibt. So hat jemand in Sandro Vogts Beratung einen Routenplaner genutzt, für den man sich kostenpflichtig registrieren muss. „Die Nutzer sollten generell stutzig werden, wenn kostenlose Dienste Kontodaten verlangen.“

Wie vermeidet man Schulden?

Wer Verträge mit Mindestlaufzeit abschließt, sollte diese vorher prüfen. Brauche ich ihn, und kann ich ihn bezahlen? Denn wie bei der Budgetplanung ist es wichtig, eigene Prioritäten zu definieren. Zudem sollte man vermeiden, Unterschriften oder Bürgschaften für andere zu leisten. Dann ist man verpflichtet, etwaige Zahlungsausfälle selbst zu begleichen.

„Eine steigende Tendenz ist, dass immer mehr Identitätsdiebstahl auftritt. Meist aus dem engsten Kreise“, erklärt der Schuldnerberater. Das könne schnell passieren, wenn zum Beispiel der Ehemann etwas online bestellt, und zwar im Namen seiner Ehefrau, die davon nichts weiß. „So werden aus 20 schnell bis zu 300 Euro, wenn das Inkassounternehmen Forderungen stellt.“ Ganz wichtig ist dann: Nicht den Kopf vor den Schulden verschließen. „Wer zeitiger reagiert, versinkt nicht im Schuldenstrudel.“ Doch selten kommen die Menschen rechtzeitig, eher zu spät, weiß Sandro Vogt. 

Kontakt: Telefon 03521 40675-130, E-Mail: [email protected]
Anonyme Onlineschuldnerberatung: www.caritas-meissen.de

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