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Nach diesem Dichter wird ein Wanderweg benannt

Sie kennen Wulf Kirsten nicht? Ein Fehler. Zu seinem 85. Geburtstag wird ihm in Sachsen eine Ehre zuteil wie sonst nur Goethe.

Wulf Kirsten ist Ehrenbürger der Gemeinde Klipphausen bei Meißen und bekommt am Sonntag einen eigenen Wanderweg mit 19 Gedichten. So viel Poesie bietet nicht mal der Goethe-Wanderweg bei Ilmenau.
Wulf Kirsten ist Ehrenbürger der Gemeinde Klipphausen bei Meißen und bekommt am Sonntag einen eigenen Wanderweg mit 19 Gedichten. So viel Poesie bietet nicht mal der Goethe-Wanderweg bei Ilmenau. © imago/Thomas Frey

Von Michael Wüstefeld

Wer schon einmal entlang der Wilden Sau zur Neudeckmühle und weiter nach Klipphausen gewandert ist, weiß um die Schönheiten des linkselbischen Tals. In dieser Gegend die Kindheit zu verbringen oder dort zu wohnen, dürfte unserer heutigen Vorstellung von Romantik sehr nahekommen. Aber so hat Wulf Kirsten vermutlich nie gedacht. Am 21. Juni 1934 im Häuslerwinkel zu Klipphausen als „armer karsthänse nachfahr“ geboren, wurde seine Kindheit vom Zweiten Weltkrieg überrollt. Hunger, Angst vor marodierenden Soldaten, erst der Rückzug der Deutschen und dann der Siegeszug der Russen, das war der gewöhnliche Alltag.

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Dass aus dem Steinmetzsohn Kirsten, der in Holzpantoffeln mit anderen Jungen über die Stoppelfelder rannte, ein weithin bekannter „schwartenheini“ wird, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Die Nachkriegsjahre sahen ihn als Handelskaufmannslehrling, Bauarbeiter und Buchhalter, bis er 1960 an der Leipziger Arbeiter-und-Bauern-Fakultät sein Abitur ablegte. Ein Lehrerstudium schloss sich an.

Das alles zusammen hätte wohl nicht zum Schreiben geführt, wären da nicht die Deutsche Bücherei in Leipzig, durch deren Bestände sich Wulf Kirsten systematisch durchlas, und eine Mitarbeit am „Wörterbuch der obersächsischen Mundarten“ gewesen. Damit war der Grundstein für seine Dichtung gelegt.

Als es ihn 1965 nach Weimar in die neu gegründete Filiale des Berliner Aufbau-Verlages verschlägt, ist er bereits verstrickt in die Poeterei und debütiert 1968 in der legendären Reihe „Poesiealbum“. Zwei Jahre später folgt mit „satzanfang“ sein erster größerer Gedichtband. Für die Sammlung „die erde bei Meißen“ wird ihm 1987 der Peter-Huchel-Preis zugesprochen. Das ist der Durchbruch, auch im „Westen“. Den Weg zum Suhrkamp Verlag hatte Martin Walser gebahnt. In einem Spiegel-Artikel erinnerte er sich kürzlich an Kirsten als „Autor der eigensinnigsten Gedichte der Weltliteratur“.

Weil es nie Kirstens Sache war, Fahnen in eine lichte Zukunft zu tragen oder treugläubig mit Arbeitern und Bauern Staat zu machen, fällt es ihm nicht schwer, nach 1990 in der neuen Gesellschaft anzukommen. Gedichtbände werden flankiert von poetologischen Auskünften, topografisch historischen Essays, Lobreden auf Kollegen sowie den Kindheitserinnerungen „Die Prinzessinnen im Krautgarten“. Sein lexikalisches Wissen über vergessene Schriftstellerexistenzen, gepaart mit einer Sammelleidenschaft nicht kanonisierter Lyrik, führt schließlich zu dem Hauptwerk seiner zahlreichen Herausgaben: „Beständig ist das leicht Verletzliche. Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan“, mit 1 100 Seiten voller Entdeckungen.

Dabei bleibt immer noch Zeit zur Mentorenschaft für jüngere Poeten, zur Mitarbeit in diversen Akademien, Vereinen und im Freundeskreis „Elsbeerquartett“. Zum 70. Geburtstag erschien mit „erdlebenbilder“ eine prächtige Sammlung sämtlicher bis dahin publizierter Gedichte, ein Ereignis, das nur wenigen lebenden Dichtern zuteilwird. Wer glaubte, diese Edition sei der Schlussstrich gewesen, sah sich getäuscht.

Unbeirrt produziert Wulf Kirsten weiter. Gerade noch legte er die großformatige Sammlung älterer Gedichte „flurgänger“ mit Illustrationen im bibliophilen Verlag Thomas Reche vor, da erscheinen rechtzeitig zum 85. Geburtstag 51 neue Gedichte. Der Buchtitel „erdanziehung“ ist programmatisch, er kann gelesen werden als das Geerdetsein im Hier und Heute, als Erdverbundenheit, erinnert aber auch daran, dass wir einst wieder zu Erde werden sollen.

Die Zutaten Kirsten’scher Dichtkunst sind alle da; Landschafts- und Menschenbilder, Kindheits- und Reiseerinnerung, Werk- und Lebensbilanz, gespickt mit Wörtern, die im Duden nicht auffindbar sind. Zikadengesang, Laubgeräusch, Mauerseglerflug, Schillebolde, Grundfaden und Windhose werden ebenso sprachgenau fixiert, wie jene Zeitgenossen verspottet werden, die „unterwegs nach Absurdistan“ sind. Selbst dem Dresdner Café Toscana wird als „versorgungsbereich für eierscheckenliebhaber“ ein Denkmal gesetzt. Wer Gedichte von unmittelbarer Direktheit und großer sprachlicher Schönheit sucht, dem unterbreitet Wulf Kirsten zu seinem eigenen Geburtstag ein Geschenk, wozu die Leser ihm dankbar gratulieren können.

Sie dürfen ihn auch begleiten, denn am Sonntag wird im Schloss Klipphausen der Wanderweg „Sieben Sätze über meine Dörfer“ eröffnet. Entlang des Weges sind nach einem Konzept, das der Thüringer Literaturrat in Absprache mit dem Schriftsteller und der Gemeinde erarbeitete, 19 Gedichte von Wulf Kirsten zu lesen. Sie erzählen von Brennnesselwinkel und Distelland und von der blanken Wahrheit der Lügenmärchen.

Wulf Kirsten: erdanziehung. S. Fischer Verlag, 96 Seiten, 22 Euro

Eröffnung des Wanderwegs am 23. Juni, 11 Uhr, im Schloss Klipphausen

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