merken
PLUS Zittau

Nachbar-Krieg um Maschendrahtzaun

Seit Jahren treffen sich die Eigentümer zweier Grundstücke in Wittgendorf vor Gericht. Recht bekommen hat bisher nur immer eine Seite.

Mit dem Wegerecht zu seinem Grundstück und dem Maschendrahtzaun der Nachbarin hat Rolf Wündrich nichts als Ärger.
Mit dem Wegerecht zu seinem Grundstück und dem Maschendrahtzaun der Nachbarin hat Rolf Wündrich nichts als Ärger. © Markus van Appeldorn

Es gibt sie, diese Kulturgüter, die so unverrückbar deutsch sind. Im Wortsinne ist solch ein Kulturgut der Maschendrahtzaun. Er trennt ordentlich Mein und Dein - und ist als solcher auch unantastbar. Entertainer Stefan Raab widmete dem Maschendrahtzaun 1999 mit seinem gleichnamigen Country-Song eine Hymne. Auslöser dieser Komposition war der echte Rechtsstreit der sächsischen Hausfrau Regine Zindler in der SAT1-Gerichtsshow "Richterin Barbara Salesch". Die Frau hatte ihren Nachbarn verklagt, weil dessen Knallerbsen-Strauch ihren Maschendrahtzaun rosten lasse. Regine Zindler wurde dadurch zwar bundesweit zur Lachnummer - aber immerhin durch den millionenfachen Verkauf der Musik-CD reich.

Bitterernst meinte es dagegen eine Frau aus dem Zittauer Ortsteil Wittgendorf, die mit einer Anzeige jetzt zwei ihrer Nachbarn vor den Strafrichter des Zittauer Amtsgerichts brachte. Die Anklage lautete auf Diebstahl und Sachbeschädigung ihres: Maschendrahtzauns. Um es vorwegzunehmen: Die äußerliche Ähnlichkeit der vorgeblich Geschädigten mit der legendären Regine Zindler ist sicher rein zufällig - reich wird sie mit dem gewissermaßen vom Zaun gebrochenen Streit aller Voraussicht nach nicht.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Der Strafprozess am Amtsgericht war die vorläufig letzte Eskalationsstufe eines seit 16 Jahren währenden Nachbarschafts-Kriegs in Wittgendorf. Schon seit den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts wohnt in einem Anwesen an der Hauptstraße die Familie von Rolf Wündrich. Dass er mit seinem etwas von der Hauptstraße abgelegenen Grundstück ein Problem hatte - dessen wurde er erst 2003 gewahr. Damals nämlich erwarb jene Nachbarin das Nebenhaus. Und zum Nachbargrundstück gehört auch der schmale Weg, der die Zufahrt zu Wündrichs Grundstück bildet. Und den wollte die Nachbarin offenbar für sich alleine.  "Damals hat sie den Weg mit zwei Toren versperrt", erzählt Wündrich. Auf sein Grundstück in Insellage konnte er nur noch über Feldwege gelangen. "Seit 2003 bin ich mit der Frau vor Gerichten", erzählt der 72-jährige Rentner. Er habe sich schließlich vor Gericht ein Notwegerecht erstritten, das auch im Grundbuch eingetragen sei. Die Grenze zwischen Notweg und Wündrichs Grundstück markiert ein Maschendrahtzaun im Besitz der Nachbarin.

Und dieser Maschendrahtzaun bildet eine streng kontrollierte Verteidigungslinie - die erst vor fünf Wochen Rolf Wündrich vor den Strafrichter brachte. "Sie hatte mich angezeigt, weil ich angeblich ihren Maschendrahtzaun beschädigt und einen Zaunpfahl gestohlen hätte", erzählt Wündrich. Das Verfahren habe mit einem Freispruch geendet. Jetzt aber musste sich Amtsrichter Kai Ronsdorf ein zweites Mal mit der vorgeblichen Grenzverletzung befassen. Dieses mal waren Wündrichs Söhne angeklagt. Der eine soll einen Zaunpfahl entfernt und gestohlen, der andere mit einer Motorsense den Maschendrahtzaun im Juni 2018 wiederholt und an mehreren Stellen absichtlich beschädigt haben. Gegen beide Brüder erging ein Strafbefehl, dem diese widersprachen. Deshalb kam's zum Prozess.

Den vorgeblichen Diebstahl des Zaunpfahls erörterte das Gericht nicht weiter. Der Angeklagte war trotz des von ihm eingelegten Widerspruchs gegen den Strafbefehl nicht zur Hauptverhandlung erschienen. Deshalb wies Richter Ronsdorf den Widerspruch zurück. Der wegen Sachbeschädigung angeklagte andere Bruder erklärte vor Gericht jedoch, sich keiner Schuld bewusst zu sein. "Ich habe nur Gras für die Kaninchen gemacht", sagte er zu seiner Arbeit mit der Motorsense. Seine Motorsense schneide das Gras mit einem Faden - und das sollte sich als beweiserheblich herausstellen.

Die als Zeugin geladene Nachbarin empörte sich allein schon wegen des Einsatzes der Motorsense am Maschendrahtzaun. Das Gras am Notweg dürfe wenn überhaupt nur mit ihrer Zustimmung und von einer beauftragten Firma geschnitten werden. Wiederholt habe sie den Nachbarn das Mähen verboten. Die Frau erklärte, das Gras selbst nur dann zu mähen, wenn sie es für notwendig erachte - und kassierte damit eine Belehrung des Richters. "Der Sinn des Notwegerechts ist ja auch, dass man da durch kommt", erklärte er. Zum Beweis der Beschädigung legte die Staatsanwaltschaft von der Polizei gefertigte Fotos vom Tatort vor, die den Richter allerdings nicht beeindruckten. "Ich sehe nichts", sagte der Richter bloß. Auch ein als Zeuge geladener Polizeibeamter sprach von nur minimalen Schäden am Maschendrahtzaun, die die damals alarmierte Polizei festgestellt habe. Der Polizeibeamte erklärte auch, es handele sich um einen seit Jahrzehnten schwelenden Nachbarschaftsstreit, in dem der Vater der Angeklagten das Wegerecht zivilrechtlich habe durchsetzen müssen.

Die Staatsanwaltschaft war schließlich von ihrer eigenen Anklage nicht mehr überzeugt. Der Staatsanwalt erklärte in seinem Plädoyer, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass der Angeklagte den Zaun - wenn überhaupt - absichtlich beschädigt habe. "Wenn man das absichtlich macht, ruiniert man sich dabei noch die Motorsense", sagte der Staatsanwalt und forderte einen Freispruch. "Frech ist das!" ließ sich daraufhin die Nachbarin aus dem Zuschauerraum vernehmen. Jedenfalls folgte Richter Ronsdorf genau der Argumentation des Staatsanwalts. Ein Vorsatz sei nicht festzustellen und damit auch kein strafbares Handeln. Freispruch.

Der letzte Gerichtstermin in dieser Sache dürfte das für Rolf Wündrich oder seine Söhne nicht gewesen sein. "Vor drei Tagen kam ein Schreiben wegen ihres Bauzauns", erzählt der Senior. Außer jenem Maschendrahtzaun begrenzt nämlich auf der anderen Seite ein provisorischer Bauzaun den Notweg. Den habe die Nachbarin aufstellen lassen, damit der Notweg keinesfalls breiter als die im Grundbuch eingetragenen drei Meter ist. "Aber ich soll den jetzt bezahlen."

Mehr Lokalthemen lesen Sie hier

www.sächsische.de/zittau

www.sächsische.de/loebau

Mehr zum Thema Zittau