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Chemnitz

Deshalb trifft sich das Gericht im Dönerladen

Im Prozess um die Tötung von Daniel H.  kommt das Landgericht Chemnitz mitten in der Nacht zum Tatort. Der Termin hat  etwas mit den Sichtverhältnissen zu tun. 

Polizisten während der Tatortbesichtigung am Döner-Laden in Chemnitz: Ein Zeuge hatte ausgesagt, aus einem Fenster des Imbisses das Tatgeschehen beobachtet und den Angeklagten dabei erkannt zu haben.
Polizisten während der Tatortbesichtigung am Döner-Laden in Chemnitz: Ein Zeuge hatte ausgesagt, aus einem Fenster des Imbisses das Tatgeschehen beobachtet und den Angeklagten dabei erkannt zu haben. © Sebastian Willnow/dpa

Chemnitz. Um kurz vor 22 Uhr ist an diesem Tag Schluss im Dönerladen Alanya in Chemnitz. An anderen Abenden gibt es hier für die Nachtschwärmer und Partygänger noch bis in die späte Nacht Essen und Trinken. Doch am Mittwoch übernimmt die Polizei das Kommando in dem großen Imbiss. Eine ganze Hundertschaft rückt zweieinhalb Stunden vor Beginn des außergewöhnlichen Gerichtstermins an. Mit Absperrgittern und -bändern riegeln Beamte das Alanya und kurz darauf auch einen Teilabschnitt der Brückenstraße ab. Mit einem Sprengstoffhund kontrollieren sie den Verkaufsraum sowie die obere Etage.

Etwa 50 Meter von hier ist in der Nacht zum 26. August 2018 der damals 35-jährige Daniel H. mit Messerstichen getötet worden. Während einer Schlägerei zwischen ihm und zwei Freunden mit einer Gruppe von Syrern und Irakern haben ihn die tödlichen Stiche in den Oberkörper getroffen. Ein Mitarbeiter des Döners hat nach eigenen Angaben das Geschehen aus dem Fenster beobachtet und den angeklagten Syrer Alaa S. mit seiner Aussage schwer belastet. Das Landgericht Chemnitz will sich in dieser Nacht selbst einen Eindruck davon verschaffen, was der libanesische Koch um etwa drei Uhr morgens gesehen haben kann.

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Um die Sichtverhältnisse einigermaßen realistisch darstellen zu können, hat die Schwurgerichtskammer sich eine Sommernacht für den Termin ausgesucht.

Um 0.15 Uhr hält eine Polizeieskorte vor dem Eingang des Alanya. Die drei Berufsrichter, die beiden Schöffen, der Staatsanwalt, der Angeklagte und seine beiden Verteidiger sowie die Nebenkläger mit ihren Anwälten steigen aus und gehen hinein. Die rund 150 Zuschauer, Fotografen und Kamerateams beobachten den Tross von der gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle. Als erste öffnet die Vorsitzende Richterin Simone Herberger das Fenster und schaut kurz in Richtung Tatort. Fünf Statisten, vermutlich junge Polizeischüler, haben sich dort aufgestellt, wo in der Tatnacht die Messerstecherei stattfand. Nacheinander treten die übrigen Prozessbeteiligten von drinnen an das Fenster, lehnen sich hinaus und gucken nach links.

Die Zuschauer, die das Ganze etwas genauer verfolgen wollten, müssen sich ähnlich wie an den Verhandlungstagen in der Außenstelle des Oberlandesgerichts Dresden einer Sicherheitskontrolle unterziehen. Hier findet die Prozedur auf offener Straße statt. Handys sind verboten ebenso wie Ton- und Filmaufnahmen.

Die „Augenscheinnahme“, wie der Termin im Gerichtsdeutsch heißt, ist nach etwa einer Viertelstunde planmäßig beendet. Anders als damals regnet es in dieser Nacht. Die Nebenkläger gehen noch für einen Moment zum Tatort, wo eine kleine Gedenktafel im Fußgängerweg an Daniel H. erinnert. Anschließend steigen die Richter und die übrigen Prozessbeteiligten wieder in die Polizeifahrzeuge, die sie zurückbringen. Der Angeklagte Alaa S., der mit Handfesseln aus der Untersuchungshaftanstalt in Dresden in das Alanya nach Chemnitz gebracht wurde, winkt seinen Freunden kurz zu. Die jungen Männer, die den Prozess an manchen Tagen in Dresden verfolgen, sind sich einig: Der Zeuge, davon sind sie überzeugt, kann unter keinen Umständen von seinem Platz am Fenster aus irgendetwas erkannt haben.

Tatsächlich sind die Sichtverhältnisse von dort sogar sehr gut. Der Straßenabschnitt ist beleuchtet, die Bäume versperren nicht den Blick auf den Platz. Wenigstens die Personen am Tatort sowie ihre Bewegungen könnte der Koch erkannt haben. Allerdings sprechen die Zeugen von einem wilden, lautstarken Handgemenge. Ob er die Stechbewegungen des oder der Täter tatsächlich sehen konnte oder ob sie ganz oder teilweise in dem Moment von anderen verdeckt wurden, lässt sich durch diesen Vor-Ort-Termin nicht feststellen. Die Aufklärung des Todes von Daniel H. bleibt sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Sie wird auch dadurch erschwert, dass der Zeuge seine belastende Aussage bei der Polizei im Strafprozess geändert hat. Er habe allenfalls Schlag-, jedoch keine Stechbewegungen gesehen. Sein persönliches Leben ist seitdem nicht mehr, wie es war. Er sei mehrfach bedroht worden und steht inzwischen unter Polizeischutz.

Das Gericht, sagt die Pressesprecherin, schöpft alle Möglichkeiten aus, die sich ihm bieten, um den Fall zu untersuchen. Bei diesem Termin sei es darum gegangen, zu überprüfen, was der Zeuge gesehen haben kann. Tatortbesichtigungen wie diese kennt man eher in Bau- oder in Zivilprozessen, wo es um Nachbarschaftsstreitigkeiten geht. In Strafprozessen sind sie unüblich.

Die türkische Besitzerin des Alanya beobachtet das Treiben in ihrem Döner wie alle anderen Zuschauer von der Straßenbahnhaltestelle aus. Den Termin hat ihr die Justiz rechtzeitig angekündigt. Dennoch sieht sie besorgt aus. Im Laden habe sie alles stehen und liegen gelassen, selbst die Kasse habe sie nicht abgeschlossen. Ob sie in der Nacht wieder öffnet? Ich weiß es nicht, sagt sie. Sie wolle, wenn alles vorbei ist, erst mal mit ihrem Mann telefonieren.