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Nachwuchsmangel auf der Kanzel

Die Kirchen suchen nach neuem Personal. Dresdner Pfarrer über die Sonnen- und Schattenseiten ihres Berufs.

© Sven Ellger

Von Julia Vollmer

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Dresden. Eine 40-Stunden-Woche kennt sie nicht. Deutlich mehr Stunden, inklusive Arbeit an Wochenenden und Feiertagen, verbringt Eva Gorbatschow an ihrer Arbeitsstelle. Die 41-Jährige ist die neue Pfarrerin in der Kirchgemeinde in der Johannstadt. „Wie viele andere Berufe muss man diesen wirklich wollen, denn wir arbeiten oft, wenn andere frei haben“, sagt sie. Eigentlich wusste sie nach dem Abitur erstmal gar nicht, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. „Eher per Zufall entschied ich mich für das Theologiestudium in Leipzig“, sagt sie. Nach dem Zweiten Examen arbeitete sie für ein Jahr in Kaliningrad, wo sie auch ihren aus Russland stammenden Mann kennenlernte. Nach dem Aufenthalt dort schloss sich ihr Vikariat, vergleichbar mit dem Referendariat, in Freiberg und Weißenborn an. Erst die Freude am Predigen während des Studiums und des Vikariats überzeugte sie vom Pfarrer-Beruf.

Euphorie nimmt ab

Jene Euphorie teilen immer weniger junge Menschen, die Zahl der Theologiestudenten geht zwar nur leicht zurück, dafür aber die Anzahl derer, die sich eine Zukunft auf der Kanzel vorstellen können. „Wichtiger als die Zahl der immatrikulierten Studenten ist die Zahl derer, die einen Dienst in der jeweiligen Landeskirche anstreben und das bereits während des Studiums mitteilen“, sagt Mira Körlin, Sprecherin der Evangelischen Landeskirche in Dresden. Dazu führt die Kirche eine Liste. Auf der sächsischen Liste stehen derzeit 28 Studentinnen und 26 Studenten. Zum Vergleich: 1994 waren es noch rund 280 Männer und Frauen. „Den Nachwuchsmangel bei Pfarrern spüren wir hier in Dresden noch nicht so stark, aber das wird kommen und wir freuen uns über jeden, der sich für den Beruf entscheidet“, so Körlin.

Derzeit gibt es im Kirchenbezirk Nord 22 Pfarrstellen, drei davon sind zurzeit nicht besetzt. Zwei komplette Stellen müssen bis 2020 eingespart werden, so Superintendent Albrecht Nollau. Bisher zehre die Kirche davon, dass Dresden ein attraktiverer Ort zum Leben und Arbeiten sei als etwa ländliche Gebiete. Viele Pfarrer im Ruhestand verlegen ihren Lebensmittelpunkt hierher und federn Vakanzen ab, vertreten unter anderem in Gottesdiensten.

Kantoren und Gemeindepädagogen fehlen besonders

Massiver sei der Nachwuchsmangel bei den Dresdner Kantoren, die musikalische Kreise leiten und bei den Gemeindepädagogen, die mit Kindern und Jugendlichen aber auch mit Senioren und Behinderten arbeiten. In der katholischen Kirche kennt man die Sorgen auch, aber noch nicht so stark wie bundesweit. In Dresden gibt es elf Pfarreien, die jeweils mit einem Pfarrer besetzt sind. An dieser Zahl hat sich in den letzten Jahren nichts geändert, sagt Michael Baudisch, Pressesprecher Bistum Dresden-Meißen. Nur ein Pfarrer wird in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen. Zurzeit absolvieren im Bistum 12 Männer eine Ausbildung zum Priester. 2016 waren es 14, ältere Zahlen kann Baudisch nicht liefern. Die Zahl der Priesterweihen ist in Dresden seit Jahrzehnten auf einem konstant niedrigen Niveau. Während sich 1962 noch elf Männer weihen ließen, schwankten die Zahlen in den achtziger und neunziger Jahren zwischen einem und neun, von 2013 bis 2016 war es auch jeweils eine Weihe.

Eva Gorbatschow, die neue Frau an der Kanzel in der Johannstadt, hat sich trotz allem für den Beruf entschieden und kann sich keinen anderen mehr vorstellen. „Ich lerne jeden Tag neue und ganz unterschiedliche Menschen kennen, begleite sie bei Hochzeiten genauso wie in Trauerfällen.“ Die Menschen offenbaren ihr ganz persönlichen Schicksale und Erlebnisse, erzählen vom Krieg oder Fehlgeburten, genauso wie von der großen Liebe oder der Freude über ein neugeborenes Kind. „Ich lerne viel über unsere Geschichte und lerne Menschen kennen, die ich sonst nie getroffen hätte“, erzählt Albrecht Nollau, Pfarrer und Superintendent.

Pfarrer sind unkündbar

Ideen, warum sich junge Menschen trotzdem mit der Berufswahl schwertun, hat Eva Gorbatschow. „Der Pfarrerberuf ist familienunfreundlich, der Partner muss viel Betreuungszeit abfangen, wenn ich am Sonn- oder Feiertag arbeiten muss“, erzählt die Mutter zweier Kinder. Die Kirche könne die Pfarrer, gerade für die erste Stelle, an die verschiedensten Orte in Sachsen beordern, je nachdem wo eine Position vakant ist. Das würde einige abschrecken. Aber gerade für junge Pfarrer mit Familie sieht Eva Gorbatschow einen großen Pluspunkt: das sichere Gehalt. Hier pflichtet ihr Superintendent Albrecht Nollau bei. „Derzeit sind Pfarrer in der Besoldungsstufe ähnlich wie Gymnasiallehrer eingestuft“, so Nollau. Pfarrer sind außerdem unkündbar. Wie lassen sich junge Menschen wieder für den Pfarrer-Beruf begeistern? „Ein persönliches Vorbild“, ist Eva Gorbatschow überzeugt.