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Nackt am Neustart

Schluss mit Selbstmitleid: Die FDP gibt sich kämpferisch für die Zeit der außerparlamentarischen Opposition.

© dpa

Von Annette Binninger

In einer alten Bahnhofshalle in Berlin-Kreuzberg sucht die FDP nach ihrem Neuanfang. Es ist ein Gemäuer aus rotem Ziegelstein und mit Löchern im Betonboden. Rohre und Kabel durchziehen die Decke. Die Luft ist stickig und trocken, der Platz beengt. Die FDP ist ganz unten angekommen. Jeder kann es sehen. Dies sei eben ein „Bundespartei-Spartag“ scherzt der Sitzungsleiter. Draußen im Foyer sind gerade noch eine Handvoll Sponsoren zu finden. Dort, wo sich einst die Unternehmen drängelten, will jetzt keiner mehr an der Seite des Verlierers sein.

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Ein Haus einzurichten oder den Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren, treibt so manchem Zeitgenossen die Schweißperlen auf die Stirn.

Abschließen mit der Vergangenheit wollen die Liberalen an diesem Wochenende, mit ihrer 4,8-Prozent-Schmach und dem bitteren Rauswurf aus dem Bundestag. Wer sie künftig führen soll, das ist schon seit Tagen klar: Ex-Generalsekretär Christian Lindner soll es richten, auch, weil sonst gerade keiner mehr da ist. „Die FDP muss nur fürchten, für nichts zu stehen“, ruft der 34-Jährige in den Saal und gibt sich kämpferisch für die APO, die Zeit der außerparlamentarischen Opposition. Unabhängig von der Union solle die FDP werden. Und die Liberalen dürften jetzt nicht den Fehler machen, „den makroökonomischen Bauernfängern der AfD hinterherzujagen“.

Lindners Ergebnis später: 79,9 Prozent, ein ordentliches, aber kein Überflieger-Ergebnis. „Alles andere wäre unehrlich gewesen“, meint ein junger Delegierter. Viele haben nicht vergessen, wie Lindner vor knapp zwei Jahren plötzlich als Generalsekretär hinschmiss. Andere nehmen ihm übel, wie schnell er sich nach der Niederlage bei der Bundestagswahl nach vorne gedrängt hat.

„Nie wieder nur ein großes Thema“

Auch bei der Wahl seiner Führungsmannschaft hat Lindner sich auf ganzer Linie mit seinen Vorschlägen durchgesetzt. Stellvertreter werden Wolfgang Kubicki, die Düsseldorfer Bürgermeisterin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und der Thüringer Landeschef Uwe Barth. Das Amt der Generalsekretärin übernimmt die hessische Kultusministerin Nicola Beer. Hans-Otto Solms wird Schatzmeister. Lindner hat damit das erste Match klar für sich entschieden. „Stilbildend“ nennt er den Ablauf der Debatten auf dem Parteitag.

Der Weg ist frei für Lindner. Wenige Stunden zuvor hat sich die alte Partei-Spitze selbst abgefertigt. Röslers Abgang wird zum beklemmenden Auftakt dieses Parteitags. In 30 Minuten erklärt Rösler, warum er die FDP nicht retten konnte. Eher kühl und sachlich, fast schon distanziert. Der Niedergang der Liberalen habe bereits 2009 und in den Jahren davor begonnen, weist er, ohne ihn zu nennen, auf Guido Westerwelle. Der sitzt mit versteinerter Miene vor ihm, wenige Meter entfernt.

„Wir haben Erwartungen geschürt, sie am Ende aber nicht voll erfüllt“, kritisiert er die damalige totale Ausrichtung der FDP als die Steuersenkungspartei. „Wir dürfen nie wieder nur ein großes Thema haben. Das ist zu wenig für eine liberale Partei“, sagt Rösler. Dafür gibt es erstmals größeren Applaus. Ihm sei es eben nicht gelungen, ein Team zu bilden. Mehr kommt nicht. Dafür sieht sich der Ex-Vorsitzende zu sehr als Opfer, auch der Medien. Nackt auf der Friedrichstraße, so ausgeliefert habe er sich manchmal gefühlt. Unverstanden und ständig angegriffen. Wenn er sage, er wolle mal ohne Jackett über die Friedrichstraße gehen, dann mache irgendjemand in den Medien daraus, der Rösler wolle nackt durch Berlin gehen. Dementiere er dies aber, so heiße es gleich, Rösler sei doch nicht modern genug, wenn er jetzt nicht nackt durch die Friedrichstraße laufe.

Dann ein paar gefühlige Abschiedsworte und ein Satz, wie in Stein gemeißelt: „Es war mir eine Ehre, ihr Vorsitzender zu sein.“ Höflicher Applaus kommt auf. Philipp Rösler steht da, mit Tränen in den Augen. Langsam, mehr für die Kameras stehen die ersten Delegierten auf. Doch Dutzende bleiben sitzen, schauen weg.

Die präzise Fehler-Analyse kommt statt vom Partei-Chef kurz darauf vom frisch gekürten Vorsitzenden der Jungen Liberalen, Alexander Hahn. Die „Bettelei um Zweitstimmen“ sei fatal gewesen. Da habe Spitzenkandidat Rainer Brüderle sogar gesagt: „Wer Merkel haben will, kann auch die FDP wählen.“ Brüderle gesteht den Fehler später selber ein. Aber er jammert dann doch lieber über die „Vernichtungssehnsucht“ der Medien gegenüber seiner Partei und seiner Person. Brüderle fährt noch eine kurze, kernige Attacke gegen die Große Koalition, warnt vor der AfD. Aber es zieht nicht mehr. Hören will ihn keiner mehr.

Jetzt ist die Zeit nach vorne zu schauen, sagt auch Heinz-Peter Haustein, Bürgermeister von Deutschneudorf in Sachsen und ehemaliger Haushaltsexperte seiner Fraktion im Bundestag. „Jetzt muss mal Schluss sein mit Selbstmitleid.“ Maximal zwei Jahre gibt er der Großen Koalition. „Dann zerfällt die“, sagt er voraus. Was die FDP inhaltlich anders machen müsse zur Landtagswahl? „Das müssen die Sachsen sagen“, greift er auf die alten Kompetenzlinien zurück. Dass er selbst jetzt wieder in Sachsen Politik machen muss – „ach, da muss ich mich eben erst noch wieder dran gewöhnen“, winkt Haustein lächelnd ab.