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Nadelstiche für Hollywood

Designer Michael Wolf näht Kostüme für internationale Filmproduktionen – das Abenteuer beginnt mit einem Knopfloch.

© André Wirsig

Von Nadja Laske

Spricht ein Schneider vor, greift er zur Nadel. Michael Wolf hätte zwar viel erzählen können – von seinem Handwerk, seiner Erfahrung im Beruf, seinem Gespür für Kostüme und Uniformen. Doch als der Designer den Anruf aus der Hollywood-Filiale Görlitz bekam und in die Filmstadt reiste, wollten die Entscheider nicht hören, sondern sehen. „Ich sollte von Hand ein Knopfloch fertigen, das war mein Eignungstest“, sagt der 27-Jährige. Damit war er in seinem Metier und auf der sicheren Seite. Michael Wolf bekam den Job im Team der Kleiderkünstler für den Kinofilm „The Grand Budapest Hotel“.

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Gewollte Falten auf den Uniformen des Personals in „The Grand Budapest Hotel“. Die Schauspielerin Tilda Swinton hat Michael Wolf als freundlich und zurückhaltend in Erinnerung. Foto: Fox
Gewollte Falten auf den Uniformen des Personals in „The Grand Budapest Hotel“. Die Schauspielerin Tilda Swinton hat Michael Wolf als freundlich und zurückhaltend in Erinnerung. Foto: Fox

Vier Wochen Aufregung und harte Arbeit folgten. Zusammen mit einem Stab Kostümbildnern, Schneidern und Schmuckmachern aus Berlin, Potsdam, Görlitz und Italien sorgte er dafür, dass die Hauptdarsteller vor der Kamera genauso ausstaffiert erschienen, wie es sich der amerikanische Regisseur Wes Anderson für seine Geschichte wünschte. Für all die Anekdoten, aus der er die Historie des halbwegs fiktiven Grand-Hotels strickt. „Ich habe vor allem an den Uniformen des Hotelpersonals gearbeitet“, sagt Michael Wolf. Violett sollten sie sein, davon hatte sich der Regisseur von der oscarschweren Kostümchefin Milena Canonero überzeugen lassen. „Die Hosen des Lift-Boys und des Lobby-Boys Tony Revolori sollten ein klein wenig zu kurz sein und die Jacken auf der Brust leichte Wellen schlagen“, sagt Michael Wolf. Aus gutem Grund: Das Hotel hat im Film seine besten Jahre hinter sich, das Geld ist knapp, und das junge Personal wächst aus seiner Dienstkleidung heraus. Oder es trägt auf, was einem Älteren nicht mehr passt. „Es sollte so aussehen, als ob im Hotel zwar noch sehr auf Form geachtet wird, die Sachen aber nicht hundertprozentig sitzen“, erzählt der Designer.

Seit 2012 ist er an Kostümausstattungen von Produktionen beteiligt, die in den Filmstudios Babelsberg entstehen. Daher wehte wohl auch der Wind, als die Ausstatter aus Hollywood auf den Namen Michael Wolf kamen und ihn anriefen. So genau könne er das gar nicht sagen, gesteht er, da laufe viel über Empfehlung. Zur rechten Zeit am rechten Ort und ein astreines Knopfloch, so öffnen sich Türen.

Einen Fuß in der des Schneiderhandwerks hatte Michael Wolf schon als ganz kleiner Junge. „Meine Großeltern waren Schneider, mein Vater auch, ich bin damit aufgewachsen.“ So schaute er sich ab, was er brauchte, um als Teenager sein erstes Kleid an nur einem Tag zu nähen. Bald zog es ihn aus der heimeligen Freitaler Werkstatt in die Dresdner Neustadt. „Ich wohnte auf der Alaunstraße und entdeckte ein ganz kleines Atelier. Dort habe ich mich vorgestellt und durfte sofort anfangen zu arbeiten.“

Später baute er zusammen mit einem Kollegen den Kostümverleih „Leihgarde“ mit auf, ging jedoch 2008 mit seinem Label „massgebend“ eigene Wege. Er hatte immer mehr Aufträge und entschied sich für den Alleingang. Zu seinen Kunden gehören Zirkus-Direktor André Sarrasani, die Travestiekünstler Miss Chantal und Tess Tiger und als Kontrastprogramm dazu etliche Freunde historischer Gewandungen aus dem Dunstkreis August des Starken. Denn über die Zeit hat sich Michael Wolf auf Varieté-Kostüme und Uniformen spezialisiert. Während für das Bühnenspiel mit den weiblichen Reizen Kniffe nötig sind, die Männern volle Brüste und runde Hüften zaubern, kommt es beim Blick auf die Garderobe alter Adliger und Militärs je nach Kundenwunsch auf Originalität und Detailverliebtheit oder auf den Mut zur Improvisation an.

„Wenn eine Uniform nach historischem Vorbild gewollt ist, recherchiere ich lange dafür. Oft kommen auch Kunden, schütten mir einen Haufen alte Abzeichen, Broschen, Schulterklappen, Knöpfe und Schnallen vom Flohmarkt auf den Tisch und sagen: Mach was draus.“ Die Liebe zum Detail hat Michael Wolf auch dann, wenn ihm alle künstlerische Freiheit gelassen wird. Dann kreiert er aus Borten, Ketten, Edelsteinen und Perlen Monturen voller kleinteiligem Zierrat als Ausweis fantastischer Dienstränge. Sich selbst kleidet er von Hand nur selten ein, wie jüngst zum Dresdner Tunten-Ball mit einem barocken Prinzenkostüm.

Kaum hatte Michael Wolf das Görlitzer Filmkulissen-Kaufhaus, in dem nicht nur gedreht, sondern in einer extra Werkstatt auch geschneidert wurde, verlassen, erreichte ihn schon der nächste Ruf: Für die Produktion „Monuments Men“ mit George Clooney, Matt Damon und Bill Murray waren Uniformen gefragt. Ebenso wie für den Dreh des Kinofilms „Die Bücherdiebin“. „Die Kleidung sollte glaubwürdig militärisch wirken, aber nicht zu viel originale Symbolik zeigen.“ Diese Aufgabe war ihm auf den Leib geschneidert. Zwar hatte auch bei diesen Aufträgen der Kostümbildner das Sagen, für den Dresdner jedoch boten die Ausflüge an internationale Filmsets genug Herausforderungen. Und sieht sich Michael Wolf auch nur als ein Rad im riesigen Hollywood-Getriebe – wer kann schon von sich sagen, Tilda Swinton ein Kleid abgesteckt zu haben.