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Nächster Halt: Osten

Nicht ohne meinen Stern-Recorder: Zum Tag des offenen Denkmals öffnet der Bahnhof in Neukirch die Tore zur Vergangenheit.

Marika Barber hat im Bahnhof Neukirch/Lausitz (West) ein nostalgisches DDR-Museum eingerichtet. Am Tag des offenen Denkmals lädt sie zur Zeitreise.
Marika Barber hat im Bahnhof Neukirch/Lausitz (West) ein nostalgisches DDR-Museum eingerichtet. Am Tag des offenen Denkmals lädt sie zur Zeitreise. © Steffen Unger

Weit geöffnet ist die große Tür des Kopfgebäudes am Neukircher West-Bahnhof an diesem grauen Morgen. Durch die Gänge pfeift beharrlich der Wind. Drinnen ist es noch kühler als draußen, die große Eingangshalle liegt im Halbdunkel. Was sich darin abzeichnet, sind nicht etwa Reisende in Erwartung des herannahenden Zuges, sondern ungezählte Möbelstücke. Schwere Holztische voller Bücher, alte Buffetschränke, Polstermöbel mit längst aus der Mode gekommenem Muster.

Draußen vor der Tür sitzt in kurzer Hose und karierter Bluse eine schlanke Frau. Das rötliche Haar hat Marika Barber zum Knoten nach oben gesteckt. Eine blaue Blüte krönt die Frisur. Auch sie wartet nicht auf den herannahenden Zug, der in diesem Moment gen Zittau vorbeirauscht. Ihr gehört dieser Bahnhof am Ende der Welt.

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Nach ihrer Motivation gefragt, muss Marika Barber schmunzeln und nennt gleich drei gute Gründe, aus denen heraus man sich zum Kauf eines verlassenen Dorfbahnhofs verleiten lassen kann: „Ein Haus ist ein Haus“, beginnt sie mit ihrer Aufzählung. „Ich sammle aus Leidenschaft Einrichtungs- und Alltagsgegenstände aus der DDR und will diese nicht auf einem Dachboden vergammeln lassen. Außerdem haben meine Großeltern 40 Jahre lang im Bahnhofsgebäude in Bischofswerda gewohnt. Mit Bahnhöfen verbinde ich viele Kindheitserinnerungen.“

Bis die Besitzerin ein fundiertes Konzept zur Umnutzung erarbeitet hat, will sie das Gebäude mit wenigen Mitteln erhalten.
Bis die Besitzerin ein fundiertes Konzept zur Umnutzung erarbeitet hat, will sie das Gebäude mit wenigen Mitteln erhalten. © Steffen Unger

Verliebt, sagt sie, habe sie sich in den Bahnhof mit dem komplizierten Namen Neukirch/Lausitz (West), der idyllisch auf einer Hügelkuppe am Fuß des Valtenbergs liegt, dennoch nicht auf den ersten Blick. „Ich war auf der Suche nach einer Werkstatt, einer kleinen Halle oder einem Häuschen. Habe immer wieder nach Objekten geschaut, allerdings ohne Stress“, erinnert sie sich. Die Makleranzeige für den 500 Quadratmeter großen Bahnhof habe sie immer wieder weggeklickt, mehrere Monate lang. Bis schließlich doch die Neugier siegte. „Irgendwann bin ich hier vorbeigefahren und habe mich mit einem Schlag verliebt“, sagt sie. Und das, obwohl das Dach des Kopfgebäudes „nur noch Lebkuchen“ war, wie Marika Barber sagt. „Es regnete durch, die Bahn als Eigentümer hatte das obere Geschoss zwar provisorisch gesichert, aber es war klar, dass das Gebäude nicht mehr lange erhalten bleibt, wenn sich kein Käufer findet.“ 

Diesen Gedanken konnte Marika Barber, die gern schönen Dingen ihr Herz schenkt, nicht ertragen. Für 18.000 Euro wechselte der 150 Jahre alte Bau den Besitzer. Eine Million Euro müsste die junge Frau, die aus Bischofswerda stammt, in die vollständige Sanierung des Dreigeschossers investieren. „Die hat natürlich niemand rumliegen“, sagt sie. Ihre Strategie: Kein Stress! „Die Substanz ist gut, der Bau solide. Sandstein und Granit.“ Bis sie ein fundiertes Konzept zur Umnutzung erarbeitet hat, will sie das Gebäude mit wenigen Mitteln erhalten und vor allem Präsenz zeigen.

„Der nahegelegene Neukircher Ostbahnhof wechselt immer wieder mal den Besitzer. Ich möchte signalisieren, dass ich hier bin und bleibe, auch, wenn es nur schrittweise vorangeht.“ Dazu öffnet sie ihren Bahnhof zweimal jährlich für Schaulustige – an Himmelfahrt und, wie jetzt am 8. September, zum Tag des offenen Denkmals. Die Gäste folgen dem Ruf nur zu gern. „Das Haus war jahrelang nicht zugänglich. Da ist natürlich das Interesse groß“, weiß sie aus vier Jahren Erfahrung.

Doch nicht nur einen Blick in das alte Kopfgebäude und den angrenzenden Westflügel können Besucher bei diesen Gelegenheiten erhaschen. Drinnen, in der Eingangshalle und in drei der insgesamt acht Wohnungen, hat Marika Barber sich mit ihrer zweiten großen Leidenschaft breitgemacht: dem Dinge retten.

„Mein Opa war Trödler“, erklärt sie die Herkunft ihres spleenigen Hobbies. Doch längst nicht jedes Schätzchen aus vergangenen Zeiten schafft es in ihre Sammlung. Ihre Liebe gilt „den Zeitzeugen aus der DDR“ wie sie es nennt.

Im Erdgeschoss gab es früher eine Gaststätte.
Im Erdgeschoss gab es früher eine Gaststätte. © Steffen Unger

Ungewöhnlich für eine Frau mit dem Geburtsjahrgang 1983 oder? „Ganz und gar nicht“, antwortet sie. „All diese Dinge kenne ich noch aus meiner Kindheit. Nach der Wende wurde überall Platz für Neues gemacht, die alten Möbel und Einrichtungsgegenstände wollte niemand mehr haben. Dabei sind sie total praktisch. So was muss man doch retten!“

Scherzhaft nennt sie ihre Art, Dinge zu sammeln, das „Tierheimprinzip“: „Wenn sich jemand in ein Teil aus meiner Ausstellung verliebt, gebe ich es meist gegen eine Spende ab. So bekommt ein schönes Stück einen neuen Besitzer, und ich bekomme Platz für einen neuen Geretteten.“

Langfristig schwirren ihr einige Ideen im Kopf herum, wie sie das weitläufige Gebäude wieder zu neuem Leben erwecken kann. Die ehemalige Gaststätte im Erdgeschoss zu einem Veranstaltungsraum mit eigener Küche umbauen, etwa. Oder gar eine eigene kleine Gastronomie darin eröffnen. Auch einen kleinen Laden einzurichten, in dem sie ihre Schätze und Upcycling-Produkte verkauft, kann sie sich gut vorstellen. Bislang sind all diese Wünsche leider noch zu unkonkret. „Keine Bank, keine Förderstelle gibt mir Geld, nur weil ich die Frau Barber bin und eine Schnapsidee habe“, sagt sie. In jedem Fall will sie ihren Bahnhof für die Öffentlichkeit erhalten: „Hier waren immer Menschen. Gegen die Idee, hier Wohnungen auszubauen und zu vermieten, sträube ich mich“, erklärt sie.

Die Chancen stehen gut, dass ungeachtet der unzähligen Denkmale, die am Sonntag ihre Pforten öffnen, das Gewusel dem eines belebten Bahnhofs wieder entspricht. Ihre Gäste verwöhnt Marika Barber dann im eigens eingerichteten Biergarten, bietet Führungen durch die neu gestaltete DDR-Ausstellung und einen Bücherflohmarkt. Und vielleicht findet ja ein altes Ost-Schätzchen einen neuen Liebhaber. Möglich ist das, am Neukircher Westbahnhof.

tag-des-offenen-denkmals.de

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