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Nanny aus Übersee

Vor 15 Jahren verbrachte Maria Klotz ein Jahr in den USA. Jetzt hütet ihre damalige Gastmutter in Dresden die Kinder.

© Norbert Millauer

Von Anna Hoben

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So leicht und spielerisch wie als Kind lernt der Mensch nie wieder. Das dachten sich wohl auch Maria und Thomas Klotz, als sie beschlossen, ihre Töchter zweisprachig aufzuziehen, in Deutsch und Englisch – obwohl sie keine englischen Muttersprachler sind. Bei der knapp zwei Jahre alten Elisabeth dauert es noch, bis sie sich über Sprache verständlich machen kann. Sie kommuniziert hauptsächlich mit einem bezaubernden Lachen und Glucksen. Und die vierjährige Annabell? Hat Englisch bisher zwar verstanden, ihrer Mutter aber immer auf Deutsch geantwortet. Kinder sind Sprachökonomen, sie wählen den Weg mit dem geringsten Aufwand.

Gruppenbild mit Gastschwester: Maria Klotz (u.r.) während ihres Austauschjahres in den USA. Links oben ihre damalige Gastmutter. © Repro: Christian Juppe

Doch neuerdings klappt dieser Trick nicht mehr. Denn seit zweieinhalb Wochen hat die Familie ein neues Mitglied: Grandma Pat. Die heißt in Wirklichkeit Patricia Alexander, ist 55 und kommt aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania, genauer aus Sandy Lake, 743 Einwohner. Mitte Januar hat sie ihre Koffer gepackt und sich in einen Flieger nach Prag gesetzt. Dort nahm Familie Klotz sie in Empfang – es war ein freudestrahlendes Wiedersehen.

Jonsdorf bei Zittau, vor 15 Jahren: Die 16-jährige Maria will unbedingt ein Schuljahr im Ausland verbringen. Zu teuer, sagen die Eltern. Maria hat zwei jüngere Schwestern; dürfte sie gehen, müssten die Eltern all ihren Kindern diese Chance geben. In der Zeitung liest Maria einen Artikel über ein Stipendienprogramm des Bundestages. In ihren Bewerbungsunterlagen schreibt sie, wie sie jeden Tag den Berg hochläuft zum Haus ihrer Eltern. Das Mädchen passt gut ins ländliche Pennsylvania, sagen Patricia Alexander und ihr Mann, als sie die Bewerbung in der Hand halten. Sie entscheiden sich gegen zwei andere Schüler. Und für Maria aus Sachsen.

Auf Englisch erzählt die heute 31-Jährige im Beisein ihrer damaligen Gastmutter Pat von ihrer Auslandserfahrung. Und klingt dabei schon ganz amerikanisiert. „It was an amazing year“, ein großartiges Jahr. Im Ausland lerne man nicht nur sich selbst besser kennen, sondern auch seine Heimat. Maria Klotz blättert in einem Album mit Fotos und Erinnerungen. Das Original ist bei Pat in Pennsylvania, auf dem Dresdner Küchentisch liegt eine Kopie. „My big trip“, steht in großen Buchstaben auf der ersten Seite, meine große Reise. Der Sohn der Alexanders war damals gerade aufs College gewechselt. Die Tochter war genauso alt wie ihre neue Gastschwester.

Das Jahr begann mit einem Kuchen, den die Nachbarn extra gebacken hatten. „Welcome Maria“ stand darauf. Und es endete mit einem Entschluss. Irgendwann, so sagte Maria sich damals, würde sie auch so ein offenes Haus haben wie ihre amerikanischen Gasteltern. Ein Haus, in dem die Freunde ihrer Kinder jederzeit willkommen sind. Alles war so herzlich, da störte es sie auch kein bisschen, dass ihr Zuhause auf Zeit das Bestattungsunternehmen war, das die Familie Alexander betrieb.

Dreimal ist Maria Klotz nach ihrem Austauschjahr zu ihrer Gastfamilie zurückgekehrt. Später studierte sie Psychologie und verbrachte mit ihrem heutigen Mann einige Monate als Praktikantin in Kalifornien. Weihnachten flogen sie nach Pennsylvania. „Wir hatten noch andere Gastschüler“, erzählt Pat heute, „einen Schweden und eine Australierin, aber nie war es so wie mit Maria“. 2012 kam sie mit ihrem Mann zum ersten Mal nach Deutschland, zur Hochzeit von Maria und Thomas Klotz.

Weil die beiden Vollzeit arbeiten, hatten sie im vergangenen Herbst die Idee, für ein paar Monate eine Granny Au Pair ins Haus zu holen, ein Au-Pair-Mädchen im Oma-Alter also. Bei der Internetrecherche stellten sie fest: Es wollen zwar viele Deutsche ins Ausland, doch andersrum gibt es kaum Angebote. Also fragten sie Pat, ob die jemanden wüsste. Pat sagte: Na klar, mich. Erst war es ein Spaß. Dann wurde es Ernst. Eigene Enkelkinder hat sie noch nicht, dafür jahrelange Erfahrung als Nanny.

Während der drei Monate, die sie nun hier ist, gehen Annabell und Elisabeth nur sechs Stunden am Tag in den Kindergarten. Morgens weckt Annabell Grandma Pat, dann liest die ihr ein Buch vor. Wenn Pat versucht, Deutsch zu sprechen, kichert die Vierjährige. Sie selbst spricht inzwischen ganz selbstverständlich Englisch. Nur selten muss Pat sagen: „English, please.“

Und wenn die neue Oma ihre berühmte Lasagne macht, mit extra viel Käse, oder zusammen mit Annabell einen amerikanischen Schokokuchen zu Papas Geburtstag bäckt, dann fragt sie sich, ob die Familie sie überhaupt irgendwann wieder gehen lässt.

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