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Dresden

Wie diese Frau Hautpflege revolutionierte

Charlotte Meentzen hat auf Naturkosmetik gesetzt, als es das Wort noch gar nicht gab. Vor 115 Jahren wurde sie geboren.

Eine mutige Unternehmerin aus Dresden. Charlotte Meentzen hat mit Naturkosmetik Furore gemacht.
Eine mutige Unternehmerin aus Dresden. Charlotte Meentzen hat mit Naturkosmetik Furore gemacht. © Charlotte Meentzen Kräutervital Kosmetik GmbH

Charlotte Meentzen war eine ausnehmend mutige Frau. Mitten in Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, steigender Armut und sinkender Kaufkraft gründete sie 26-jährig mit finanzieller Hilfe der Familie an Dresdens nobelster Adresse, auf der Prager Straße 44 in der ersten Etage, neben Geschäften, Cafés, Kanzleien und den Wohnungen Wohlhabender, ihr „Institut für natürliche Kosmetik“. Und sie hatte Erfolg. Nur wenig später gab es erste Ableger in Berlin und Chemnitz.

Noch im gleichen Jahr gründete sie zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Gertrude Seltmann-Meentzen eine Produktionsfirma für Naturkosmetik, die „Charlotte Meentzen Heilkräuter Kosmetik“, in der die Hautpflegemittel aus Pflanzenölen, Bienenwachs sowie balsamischen und ätherischen Stoffen von Sträuchern, Kräutern und Pflanzen hergestellt wurden. Ein Jahr später richteten die Schwestern eine Schule für natürliche Kosmetik ein, in der unter Anleitung von Ärzten und Chemikern Kosmetikerinnen ausgebildet wurden.

Die Unternehmerin Charlotte Meentzen hat auf Naturkosmetik gesetzt, als es das Wort noch gar nicht gab. Das auf individuelle Hautpflege abgestimmte Konzept galt als revolutionär. Vor 115 Jahren wurde sie am 12. Juni 1904 in Leipzig geboren.

Schönheitspflege ist nichts für arme Leute. Der Meentzen-Schönheitssalon auf dem Weißen Hirsch in Dresden. 
Schönheitspflege ist nichts für arme Leute. Der Meentzen-Schönheitssalon auf dem Weißen Hirsch in Dresden.  © Charlotte Meentzen Kräutervital Kosmetik GmbH

Das Interesse für Pflanzen und Heilkräuter hatte wohl die Mutter geweckt, mit der die Mädchen erste Salben und Essenzen mischten. Im österreichischen Graz lässt sich Charlotte zur Kosmetikerin und Heilpraktikerin ausbilden. Der Leipzigerin ist wohl klar, dass sie ihr Kosmetikinstitut in der Elbestadt gründen muss. Dresden gilt Ende der 1920er-Jahre als eine der gesündesten Großstädte Deutschlands. 1930 wurde das Hygiene-Museum eröffnet. 

Während sich die Damen der damaligen Gesellschaft noch oft mit blei- und quecksilberhaltigen Lippenstiften schminken, gibt es bei Charlotte Meentzen Lippenstifte aus Honigwachs und Edelfruchtöl. Die Reinigungsmilch wird nach altrömischen Rezepturen mit Orange und Honig hergestellt, eine Zitronencreme erfrischt nicht nur, sondern bleicht auch und verspricht den Damen so eine noble Blässe. Meentzen-Puder wirbt damit, dass es aus gesiebtem Blütenstaub besteht. Eine Fenchelcreme, Wimpernwuchsmittel und das „Mayenthau-Gesichtswasser“ vervollständigen das Angebot.

Doch für die Meentzen-Schwestern war Schönheitspflege immer auch Gesundheitspflege mit Bewegung an frischer Luft, richtiger Ernährung, dem Verzicht auf Alkohol und Nikotin. Das Meentzen-Buch „Heilkräuter im Dienste der Schönheit“ gilt als Klassiker. Darin erhielten Menschen, die kein Geld hatten, Meentzen-Produkte zu kaufen, Anleitungen, wie sie sich unter anderem selbst Pflegemasken anrühren konnten.

Neustart nach dem Krieg

Geheiratet hat Charlotte Meentzen nicht, möglicherweise auch aus unternehmerischen Gründen. Denn ohne Einwilligung des Ehemannes durften Frauen damals keine Firmen führen. Nach einer Liaison mit einem verheirateten Apotheker bekommt Charlotte ein Kind und stirbt mit nur 35 Jahren 1940 an einer Bauchfellentzündung. Fortan musste sich Gertrude Seltmann-Meentzen allein um die Firma, ihre eigenen zwei Kinder sowie Säugling Geert-Dietrich kümmern.

Nach dem Krieg gab es die Prager Straße nicht mehr. Die Hälfte der Belegschaft war bei Luftangriffen ums Leben gekommen. Die übrig Gebliebenen versuchten, die Maschinen aus den Trümmern zu buddeln. Gertrude Seltmann-Meentzen gründet die Firma 1945 ein zweites Mal. Eine Villa in der Wiener Straße wird ab 1948 zur Kosmetikmanufaktur. Im Keller füllten die Mitarbeiter die Cremes ab, in den oberen Etagen gab es Schönheitsbehandlungen. 1964 wird die Ausbildung von Kosmetikerinnen auf behördliche Weisung eingestellt. 1972 lässt sich die Enteignung nicht mehr verhindern. 

Aus der Firma wurde ein Volkseigener Betrieb, der VEB Kräutervital-Kosmetik Dresden, und später ein Teil des VEB Berlin-Chemie. Gertrude Seltmann-Meentzen verlässt die DDR und stirbt 1985 im Allgäu. Nach der politischen Wende in der DDR wird der Betrieb reprivatisiert. Die Rohstoffe kommen jetzt aus aller Welt. In mehr als 20 Ländern arbeiten Kosmetikerinnen mit Pflegeprodukten der neuen „Charlotte Meentzen Kräutervital GmbH“, die seit 2002 ihren Sitz in Radeberg hat.

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