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Naturschützer auf vier Beinen

Ins Böhmische Mittelgebirge kehren Schaf- und Ziegenherden zurück, um anderen Lebewesen zu helfen.

Seit 2018 gehören Schafherden wieder zum Bild des Böhmischen Mittelgebirges. Im Hintergrund die Gipfel Lovoš (Lobosch) und Milešovka (Milleschauer).
Seit 2018 gehören Schafherden wieder zum Bild des Böhmischen Mittelgebirges. Im Hintergrund die Gipfel Lovoš (Lobosch) und Milešovka (Milleschauer). © LSG

Ein Läuten und Mähen klingt lieblich über die Bergwiese am Radobýl (Radebeule). Den Wanderern, die hier auf dem Weg zu dem 399 Meter hohen markanten Basaltgipfel bei Litoměřice (Leitmeritz) vorbeikommen, zaubert die Herde ein Lächeln ins Gesicht. „Die Schafe sind immer ein Hingucker“, bestätigt Lucie Benešová.

Die Mitarbeiterin im Landschaftsschutzgebiet „Böhmisches Mittelgebirge“ (České středohoří) kontrolliert, ob die Weide richtig eingezäunt ist und die Schafe das machen, was sie sollen, nämlich allzu dominante Gräser wegfressen und Platz, vor allem Licht für die Pflanzen schaffen, die hier eigentlich zu Hause sind. Das wird natürlich vorher mit den Tierhaltern abgesprochen. Schafe sind keine Mähmaschinen. „Doch die hier machen das ganz gut und vor allem schnell“, schätzt Benešová ein. Gerade in trockenen Sommern wie diesem ist der Appetit der Schafe auf frisches Grün groß, sodass die Herde regelmäßig umgesetzt werden muss.

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Auf den Bergwiesen am Radobýl und andernorts im Böhmischen Mittelgebirge leben wärmeliebende Pflanzen und Tiere. Sie finden in dem typischen Klima, das schon vor der inzwischen vorherrschenden Trockenheit eher an Steppengebiete erinnerte, perfekte Bedingungen. Doch die waren erst durch den Übergang von kleinen Landwirtschaften zur Kollektivwirtschaft und später paradoxerweise durch eine aus heutiger Sicht falsche Vorstellung von Naturschutz beinahe verschwunden. Und mit ihnen Tiere und Pflanzen.

„Eine wesentliche Rolle spielte die Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung, die jene Bergwiesen noch bewirtschaftet hatte“, sagt Ondřej Nitsch, Sprecher der Verwaltung des Landschaftsschutzgebietes. Er meint die deutschsprachige Minderheit, die nach 1945 die Tschechoslowakei verlassen musste. Der neu angesiedelten Bevölkerung fehlte das Wissen über die Landwirtschaft unter den rauen Gebirgsbedingungen.

Natur hilft sich nicht immer alleine

„In den 1990er-Jahren ging das Interesse an Landwirtschaft zurück“, so Nitsch weiter. Gleichzeitig herrschte damals die Vorstellung, man müsse die Natur nur sich selbst überlassen, um ihr gerecht zu werden. 20 Jahre später musste diese Meinung revidiert werden. „Das Ergebnis war, dass die Bergwiesen zuwucherten und den wärmeliebenden Lebewesen den Lebensraum nahmen“, erklärt Lucie Benešová.

Es verschwanden die Östliche Smaragdeidechse, der Eurasische Heidegrashüpfer und wunderschöne Schmetterlinge wie der Russische Bär und die Berghexe. Letztgenannter Schmetterling, der mit seiner braun-weiß-grauen Färbung nur schwer zu erkennen ist, war in der Tschechischen Republik bereits fast ausgestorben. Allerletzte Kolonien konnten sich im Gebiet um Louny (Laun) halten.

Die gute Nachricht ist, dass Tiere und Pflanzen zurückkehren, wenn der Mensch die Voraussetzungen dafür schafft. „Die Berghexe ist nun auch wieder am Radobýl heimisch“, sagt Naturschützerin Benešová. Zuerst vereinzelt wurde 2011 auch mit Unterstützung aus der Europäischen Union begonnen, die Bergwiesen in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Ein erstes Projekt kümmerte sich um die Gegend bei Louny, das aktuelle Projekt LIFE „České středohoří“ kümmert sich seit 2017 um 19 Standorte im östlichen Teil des Gebirges.

Bis zu 40 Zentimeter groß – die Östliche Smaragdeidechse am Dreikreuzberg.
Bis zu 40 Zentimeter groß – die Östliche Smaragdeidechse am Dreikreuzberg. © LSG

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen dabei die eingangs erwähnten Schafe. „Seit 2017 haben wir 95 Hektar Standorte für wärmeliebende Lebewesen erneuert, davon allein 40 Hektar durch Weide von Schafen und Ziegen“, zählt Nitsch auf. Das ist eine beachtliche Zahl, kehrt doch auch die Schafhaltung erst langsam ins Böhmische Mittelgebirge zurück. Am Radobýl zum Beispiel sind sie erst seit 2018 zu beobachten. Im Idealfall kommen die Herden von Züchtern aus der Region. Doch nicht immer gelingt es, Schafhalter und geschützte Bergwiese zusammenzubekommen. „Am Radobýl war erst der Grundstücksbesitzer dagegen. Dann änderte er seine Meinung, die Schafe mussten wir aber von einem Halter aus Prag holen“, erzählt Benešová. An steileren Stellen sind wiederum Ziegen die bessere Wahl.

EU-Geld sehr hilfreich

Um Tierhalter und Grundstücksbesitzer vom Naturschutz zu überzeugen, helfen momentan die EU-Gelder. Immerhin 2,5 Millionen Euro ist das Budget schwer. Bis 2023 sind noch viele Trockenwiesen zu erneuern. Vor allem müssen die Interessen des Naturschutzes bis dahin an die Fördermöglichkeiten der Landwirtschaft angepasst sein, um die Pflege nachhaltig zu gestalten.

Wo die Symbiose aus Naturschutz und Landwirtschaft bereits sehr gut klappt, ist im Ort Hlinná (Hlinay) am Berg Hradiště (Radischken), wo dank der Pflege wieder die Finger-Kuhschelle gedeiht. Hier grasen die Schafe von Vlastimil Chovaneček, einem Wursthersteller, der sich auf die Produktion von Prosciutto (Rauchschinken) spezialisiert hat.

Lucie Benešová zeigt einen Stapel aus Robinienstämmen. Deren Reste werden als Lebensraum für Insekten genutzt.
Lucie Benešová zeigt einen Stapel aus Robinienstämmen. Deren Reste werden als Lebensraum für Insekten genutzt. © Steffen Neumann

Die zweite große Herausforderung der Naturschützer ist, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. „Ein Teil unserer Arbeit ist die Freilegung von Berghängen und Wiesen sowie die gezielte Beseitigung invasiver Arten wie der Gewöhnlichen Robinie oder dem Färberwaid. Auf solche sehr einschneidenden Veränderungen reagiert die Öffentlichkeit sehr sensibel“, berichtet Lucie Benešová. Das Landschaftsschutzgebiet kämpft aber auch mit Unsitten wie dem Aufstapeln von Steintürmchen oder wilden Feuerstellen. „Umso schöner ist es, dass Wanderer zunehmend unsere Arbeit schätzen, da wir Aussichtspunkte vom Wildwuchs befreien und alte Wege wieder freilegen“, freut sich Benešová.

Wer sich mit der Arbeit der Naturschützer auf angenehme Weise bekannt machen möchte, den lädt Benešovášová am Samstag, 5. September, nach Hlinná zum Weidenfest ein. Neben einer geführten Wanderung findet auch ein Jahrmarkt statt. Und Schafe gibt es natürlich auch zu sehen. Beginn ist 10 Uhr. Von Litoměřice, Haltestelle U pošty, pendelt jede halbe Stunde ein Bus.

Anreisetipp mit der Bahn: mit dem Wanderexpress ohne Umsteigen bis Litomerice.

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