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Ist das ein Nazi-Denkmal im Isergebirge?

Ein wieder aufgestelltes Kreuz für Gefallene im Zweiten Weltkrieg hat in Tschechien einen Streit ausgelöst.

Fotomotiv und Streitobjekt – ein Gedenkkreuz für gefallene Soldaten in Tschechien sorgt für Ärger.
Fotomotiv und Streitobjekt – ein Gedenkkreuz für gefallene Soldaten in Tschechien sorgt für Ärger. © Milan Drahonovsky

Für einige ist es ein Nazi-Denkmal, das den deutschen Kriegsterror feiert. Anderen zufolge ein Denkmal, das an die Bewohner des Isergebirges erinnert, die im Krieg umgekommen sind.“ So treffend fasst Autorin Šárka Škapiková im Internet-Medium „Český rozhlas“ zusammen, was im Nachbarland Tschechien gerade für heftige Debatten sorgt.

Ort des Geschehens ist der Isergebirgsgipfel Hvìzda samt dem dortigen Aussichtsturm Štěpánka (Stephanshöhe) bei Koøenov (Wurzelsdorf). Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit dem Bau begonnen; nach einer Unterbrechung vollendete schließlich der Gablonzer Gebirgsverein das Bauwerk. Es wurde 1892 eingeweiht und zog seitdem Wanderer an. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Soldaten fielen an der Front. Und es war wohl ein einheimischer Steinmetz, der zum Gedenken in der Zeit 1943/44 ein Kreuz für die Toten gestaltete. Das zumindest erzählt Vlastimil Plecháè, ein Mann aus Pøíchovice (Prichowitz, beziehungsweise Stefansruh), den Medien gern als Patrioten bezeichnen.

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Ehrung für Gefallene

Als Vorlage für den Gedenkstein diente einst das „Eiserne Kreuz“. Die ursprünglich preußische Kriegsauszeichnung wurde 1939 von Adolf Hitler zur offiziellen deutschen Auszeichnung erklärt – in der Mitte versehen mit einem Hakenkreuz, dem Kennzeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

Das Gedenkkreuz wurde Anfang Mai 1944 unter dem Aussichtsturm errichtet. Zeitzeugen berichten vom feierlichen Ereignis, bei dem auch Schüler mitwirkten. Bis zum Frühjahr 1945 wurden hier, an der Bergscheide zwischen Iser- und Riesengebirge, Gefallene geehrt. Nach Kriegsende und der Vertreibung der Deutschen war ein Großteil der ursprünglichen Bevölkerung weg, die hier seit dem zwölften Jahrhundert lebte. Die tschechischen Bewohner und Zuzügler stürzten das Denkmal den Berg hinunter, wo die Trümmer bis zum 28. Oktober 2011 liegen blieben.

Dann aber entdeckten Mitglieder des Vereins Jizeran („Freunde des Isergebirges“) die Teile, zogen sie wieder hinauf und setzten sie zusammen. Das war wohl illegal, wie Medien berichten. Und doch finden sich Lokalpolitiker, die das Vorgehen verteidigen. „Der Verein hatte dabei kein nationalistisches Gedankengut im Sinn und bis zum letzten Jahr hat auch niemand dagegen protestiert. In jeder Familie gab es einst deutsche Vorfahren“, meint Stanislav Pelc, der Vizebürgermeister von Koøenov (Bad Wurzelsdorf), wozu der Aussichtsturm verwaltungstechnisch gehört. Die Jizeran-Mitglieder sind der Meinung, dass das Kreuz daran erinnere, dass viele Wehrmachtsoldaten hier geboren wurden und beheimatet waren. 

Auch Menschen aus der Region können das Vorgehen nachvollziehen. „Vor und während des Krieges lebten Tschechen und Deutsche im Isergebirge zusammen. Es ging nicht darum, welche Nationalität jemand hatte, sondern welchen Charakter“, zitiert „Český rozhlas“ zum Beispiel Petr Fišar, Sohn eines Tschechen und einer Deutschen. Für manch einen zähle, dass das Kreuz wohl das einzige Denkmal dieser Art in Tschechien ist und angeblich das größte weltweit.

Suche nach Versöhnung

Das Kreuz, umgeben von großen Steinen, beschildert mit den Namen jener Gemeinden, in denen die Gefallenen bis zu ihrer Einberufung zur Wehrmacht lebten, entwickelte sich in den letzten Jahren zu einer Art Andachtsort. Immer wieder kommen Menschen hierher, zünden Kerzen an und suchen Versöhnung.

Die Gemeinde pflege den Ort – vorbildlich, wie es heißt. Das Denkmal wurde mit einer Tafel versehen. Auf der werden die Hintergründe erklärt und geschildert, warum man es wieder aufgestellt hat. Der Historiker Jan B. Uhlíø führt darin an, dass das im Grunde illegal neu aufgestellte Nazi-Denkmal, einzigartig in der Tschechischen Republik sei und dass das als einen Schritt zur Versöhnung wahrnehmen solle.

Doch das überzeugt nicht jeden. Die Gemeindeverwaltung von Koøenov erhält seit geraumer Zeit bösartige Briefe und E-Mails wegen des Kreuzes. Vizebürgermeister Stanislav Pelc will dies nicht kommentieren. Er vertritt die Meinung, dass es nur noch mehr Kritiker auf den Plan rufe, je mehr man darüber spreche. „Wir wollen nicht unnötig Staub aufwirbeln“, meint auch Vlastimil Plecháè. „Für mich stellt das Denkmal eine Würdigung all jener dar, die hier einst als redliche Bürger wohnten. Könnten sie hier immer noch leben, würde es uns allen besser gehen“, fügt er hinzu.

Nationalbäume stehen beieinander

Der Aussichtsturm Stephanshöhe ist seit mehr als hundert Jahren ein beliebtes Ausflugsziel. Oft kommen Schulklassen hierher. „Gerade die Kinder sollten mehr über die Vergangenheit der Region erfahren“, meint Plecháč, der unter anderem in der Nähe des Aussichtsturmes einen Waldpark anlegte. „Die Linde und die Eiche, die beiden Nationalbäume der Tschechen und Deutschen, habe ich absichtlich knapp nebeneinander gepflanzt, damit sowohl ihre Kronen als auch die Wurzeln miteinander verwachsen. So wie einst die hiesigen Bewohner“, erklärt er.

Vor dem Krieg zählten Bad Wurzelsdorf und Polaun an die 10.000 Einwohner. Heute lebt hier nur noch knapp ein Zehntel davon. Laut Vizebürgermeister Pelc hat sich das Isergebirge bis jetzt nicht von der Vertreibung der Deutschen erholt. (mit ihg)

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