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Startups im Rinderstall

Garnelenfarm, Seidenraupenzucht und kreative Köpfe: So packt Nebelschütz den Strukturwandel im Dorf an.

Hier ist noch viel zu tun, aber der Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak hat eine Vision. In die alten Rinderställe sollen junge kreative Unternehmen einziehen.
Hier ist noch viel zu tun, aber der Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak hat eine Vision. In die alten Rinderställe sollen junge kreative Unternehmen einziehen. © Matthias Schumann

Nebelschütz. Der alte Rinderstall auf dem Areal des Nebelschützer Bauhofes ist grau und unansehnlich. Außerdem steht er leer. Das soll sich ändern. Bürgermeister Thomas Zschornak (CDU) und die Gemeinderäte wissen inzwischen auch wie. Fördermittel für den Umbau sind beantragt und ein Konzept in Arbeit.

Schon vor 15 Jahren kaufte die Gemeinde die Hälfte der Stallanlage: für den Bauhof und eine Sozial-Werkstatt. Die ist inzwischen ausgezogen. Jetzt soll das gesamte Areal eine neue Orientierung bekommen. Der Strukturwandel hat dort ohnehin schon begonnen. Das macht die Lage zwischen der traditionellen Landwirtschaft mit einer Sauenzuchtanlage und einer Garnelen-Farm schon deutlich. Die  ist bereits in einem stillgelegten Schweinestall entstanden.

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Kontakt zu Kreativwerkstätten

Also Garnelen statt Schweine - und was folgt nun auf die Rinder? Die Ställe mussten schon vor vielen Jahren geschlossen werden, weil sie zu nahe am Dorf stehen. 450 Kühe wurden hier einmal gehalten.  Die Gemeinde will nun ein weiteres leer stehendes Stallgebäude kaufen und die Schandflecken beseitigen. Noch wird am Konzept gefeilt. Es geht um ein Gewerbegebiet von 7.000 Quadratmetern Fläche.

Die Ställe sind immerhin 100 Meter lang, aber nur 16 Meter breit und noch dazu zweigeschossig. Das bringt über 4.000 Quadratmeter Gewerbefläche mit viel Raum für Ideen. Teilweise sind die Gebäude noch im Rohbau. Thomas Zschornak: „Wir denken an kleine Unternehmen, die wachsen wollen.“ So habe die Gemeinde Kontakte zu Kreativ-Werkstätten in Dresden und Umgebung aufgebaut. Unterstützt vom Wirtschaftsministerium entwickeln dort junge Leute nach dem Studium ihre Ideen. 

Wenn die "Kinderstube" für sie zu eng wird, sollen die Räume in Nebelschütz bereit stehen - mit besten Voraussetzungen und günstigen Mieten, damit die Erfinder in die Selbstständigkeit durchstarten können. „Die Nachfrage ist da“, schätzt der Bürgermeister ein. Nebelschütz sei als kreative Gemeinde bekannt. Es habe schon Besichtigungstermine mit Interessenten gegeben. Dazu gehört eine Kicker-Manufaktur. 

Immer die Enkel im Blick

Die langgestreckten Hallen sollen dann nach dem Bedarf der Interessenten zugeschnitten werden. 72.000 Euro hat die Gemeinde für den Kauf und teilweise auch Umbau des zweiten Stallgebäudes bereits sicher. Aber das werde nicht reichen. Die Gemeinde schaue bereits nach weiteren Geldquellen. Wobei sie den Ausbau nicht unbedingt komplett selbst realisieren muss, sagt der Bürgermeister. Die Investoren könnten das auch nach ihren Vorstellungen übernehmen.

Die Gemeinde will außerdem Vereinen Räume in den Hallen zur Verfügung stellen. Auch dafür gebe es schon mehrere Anträge, so vom Heimat- und Kulturverein, den  Rassekaninchen-Freunden  und vom Permakultur-Verein. Der beschäftigt sich mit landwirtschaftlichen Anbaumethoden, die Ressourcen schonen.

Überhaupt hat sich das Dorf einer ökologischen klimafreundlichen Entwicklung verschrieben. Für Nebelschützer bedeutet das, bei ihren Vorhaben immer daran zu denken, wie sich diese auf ihre Kinder und Enkel auswirken, ob sie gut für sie sind. „Wir leben über unsere Verhältnisse, das muss sich ändern“, sagt Thomas Zschornak. So produziere Nebelschütz inzwischen so viel Energie aus eigener Kraft, mit Wind, Solaranlage, Biogas, dass sich die Gemeinde dreimal selbst versorgen könnte. Die Gemeinde vermietet auch Dachflächen für die Energieproduktion, bald eine weitere auf dem Ex-Rinderstall mit dem Bauhof. 

Schutz vor Spekulanten

Außerdem hat die Kommune damit begonnen, landwirtschaftliche Flächen zu kaufen, auch Wiesen und Wälder, um sie vor dem Zugriff von Spekulanten zu bewahren. Sie stellt Landwirten Ackerland zur Verfügung. Dort entwickle sich biologische Landwirtschaft.

Dem ökologischen Konzept will sich die Gemeinde beim Rinderstall-Projekt treu bleiben. Außerdem stünden schon weitere Firmenansiedlungen in den Startlöchern, berichtet Zschornak: Ein Unternehmen baut mit ökologischem Material wie Stroh und Lehm. Ein Spezialist für Seidenraupen will  Naturseide für medizinisches Material herstellen.

Und auch bei der benachbarten Sauenzucht soll sich noch in diesem Jahr etwas ändern. Dort ist vor allem der Geruch problematisch. In zwei geschlossenen Behältern sollen Gärreste künftig besser gelagert werden, damit die Nebelschützer unbeschwert durchatmen können. 

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