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Nebelschützer unterstützen Siebenbürger

Weil Spenden allein die Probleme der Region nicht lösen können, ist Hilfe zur Selbsthilfe gefragt. Ein Erlebnisbericht.

Von Helmut Schippel

Für zehn Tage reisten jetzt vier Nebelschützer und ein ehemaliger Bischofswerdaer, der seit Jahren in Rumänien lebt, in das Balkanland. Ursprünglich wollten sie die Karpaten durchstreifen und jagen gehen. Doch die Quartiersuche und der Erwerb der Jagderlaubnis führten auch zu Kontakten mit Bürgermeistern, Stiftungen und Naturschützern vor Ort. Die Nebelschützer erfuhren auf diese Weise von der bitteren Armut vieler Rumänen in den ländlichen Gebieten. Sie waren beeindruckt – mehr als das: Sie riefen zu Spenden für Kinder auf. Die Resonanz in der Gemeinde sowie in Kamenz war so beträchtlich, dass sich für ihr Reisegepäck am Ende kaum noch Platz im Kleinbus fand. Irgendwie funktionierte es und nach durchaus anstrengenden 1 400 Kilometern Fahrt erreichte die Gruppe ein angemietetes Jagdhaus mit allem gewohnten Komfort in den Bergen nahe Mediasch. Abgesehen von jeweils zwei Tagen Bergtouren bis an die aktuelle Schneegrenze der Karpaten und unvergesslichen Jagderlebnissen widmete sich die Gruppe vor allem den Begegnungen vor Ort. Sie lernten die reiche Geschichte der einst zahlreichen deutschen Bevölkerung im Land der sieben Burgen kennen und staunten oft nicht schlecht.

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Der Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak und seine Begleiter bei der Spendenübergabe im Kindergarten von Biertan. Die Nebelschützer wollen auch künftig Unterstützung geben – vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.
Der Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak und seine Begleiter bei der Spendenübergabe im Kindergarten von Biertan. Die Nebelschützer wollen auch künftig Unterstützung geben – vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.

Strahlende Kinderaugen

In Biertan, früher Birthälm, 80 Kilometer entfernt von Sibiu/Hermannstadt, lernten sie mit Bürgermeister Mircea-Mihai Dragomir einen der wenigen nicht korrupten Bürgermeister im Land kennen. Gemeinsam suchte man den Kindergarten der 3 000-Seelen-Gemeinde auf und schenkte den Kindern Spielzeug, Bekleidung und Süßigkeiten. Die Dankbarkeit der Kinder, von denen die meisten aus Roma-Familien kommen, berührte. Am Abend gab es dann sogar noch eine Neuauflage der Dankbarkeit, als die Kameraden der örtlichen Feuerwehr Dienstkleidung aus dem Überbestand der Nebelschützer Wehr in Empfang nahmen. Noch viel mehr Spenden wurden im Gemeindeamt von Biertan deponiert, um später verteilt zu werden. Doch die Freude über die Hilfe konnte ein grundsätzliches Problem nicht überdecken. Wie Bürgermeister Dragomir bemerkte, seien die Probleme mit Arbeits- und Ausbildungsunwilligen groß. Auch mangle es an Unternehmergeist.

Wie man in dieser Hinsicht vor Ort zu spürbaren Veränderungen gelangen kann, schaute sich die deutsche Gruppe in den Folgetagen an. Sie lernten Unternehmen kennen, die von deutschen Rückkehrern gegründet und geführt werden und in denen junge Rumänen ausgebildet werden. Diese Betriebe lassen typische Produktionen von einst wieder aufleben, wie Weinanbau oder Holzeinschlag bis hin zur Vermarktung entsprechender Produkte. Auf einem biologisch zertifizierten Bauernhof traf man mit Willi Schuster, seiner Frau und ihren fünf Kindern zusammen. Zur Familie zählt auch die Adoptivtochter und Roma Maria, zudem fast ständig ein jugendlicher Gast auf Zeit aus Deutschland. Bei Willi Schuster lernen junge Leute, die in Deutschland zu Jugendstrafen verurteilt wurden, handfeste Arbeit, Gemeinschaftssinn und Solidarität kennen.

Eine Chance für junge Straftäter

Ebenso aufschlussreich für die Nebelschützer waren die Eindrücke, die sie in Radeln beim Besuch des dortigen Heimes der Peter Maffay-Stiftung sammeln konnten – ebenso auch in Sigri, wo die Prinz Charles-Stiftung wirksam ist. In des Sängers Anwesen – vier weitere zählen zur „Fundatia Tabaluga“ – können jeweils 14 Kinder aus Deutschland, Spanien und Rumänien unter der Obhut von Betreuern Abstand gewinnen von ihren katastrophalen Familienverhältnissen daheim. Sie malen, basteln, spielen, treiben Sport und lernen Kochen. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich ein Bio-Erlebnishof der BayWa-Stiftung. Hier erfahren sie, wo gesundes Essen eigentlich herkommt. Im ehemaligen deutschen Dorf Sigri wurden insbesondere Roma angesiedelt. Die Stiftung des englischen Thronfolgers unternimmt große Anstrengungen, um dem Ort nach jahrelangem Leerstand wieder ein ansprechendes Äußeres zu verleihen und vor allem die Frauen zu befähigen, ein Handwerk zu erlernen und die Arbeitsresultate zu verkaufen. Wenn von ehemals deutschen Dörfern die Rede ist, so muss man wissen, dass etwa 800 Jahre lang die Nachkommen deutscher Einwanderer in Siebenbürgen lebten und den Landstrich zum Erblühen brachten. 1930 waren es 300 000 Sachsen.

Viele Dörfer veröden

Nach der verheerenden Aufforderung der deutschen Regierungen der 80er und 90er Jahre zur Umsiedlung nach Deutschland sank ihre Zahl unter 17 000. Viele Dörfer verödeten, und davon hat sich Siebenbürgen bisher nicht erholen können. Nur wenige Rückkehrer aus Deutschland versuchen ihr Glück in der alten Heimat. Zwar erwerben Menschen aus ganz Europa verlassene Anwesen, doch verleben sie in einer romantischen Umgebung eher Urlaube oder die Rentnerzeit, leisten also keinen Beitrag zur wirtschaftlichen Gesundung der Region.

Was die mögliche Unterstützung der Nebelschützer unter diesen Bedingungen in Biertan oder Meschen angeht, vereinbarte man, dass es nun zuerst auf die rumänische Seite ankommt. Erfahrungen zum Ausbau der Infrastruktur, zur Gewinnung von mittelständischen Investoren, zum Recyceln von alten Baumaterialien, zur Anlegung von Streuobstwiesen und zum ökologischen Landbau und Anderen haben die Nebelschützer. Und sie sind bereit, Initiativen vor Ort in Siebenbürgen zu unterstützen. Die Eindrücke von dort werden die Reisenden noch lange begleiten.