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Neffe klärt Schicksal einer verschwundenen Görlitzerin auf

Regina Heinke sollte im Februar 102 Jahre alt werden. Tatsächlich aber ist sie vor drei Jahren in Niedersachsen beerdigt worden.

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Von Ingo Kramer

„Oma Regina ist weg.“ Unter dieser Überschrift berichtete die SZ Mitte Februar über das Schicksal einer Görlitzerin, die laut Amtsblatt zu diesem Zeitpunkt ihren 102. Geburtstag feiern sollte. Grund genug für die SZ, sich den guten Wünschen anschließen zu wollen – und die Frau am Vortag ihres Jubiläums zu besuchen. Doch in der Gersdorfstraße 30 gab es kein Klingelschild mit dem passenden Namen. Ein Nachbar wusste damals mehr. „Die Frau Heinke? Die ist doch lange weg“, sagte der Mann. Schon vor fünf Jahren sei sie in die alten Bundesländer gezogen – und schon bald darauf dort verstorben.

Der Nachbar sollte Recht behalten – zumindest teilweise. Nur beim Zeitpunkt des Umzuges lag er daneben. Diese Woche nämlich hat sich Herbert Mohaupt aus dem thüringischen Gangloffsömmern bei der SZ gemeldet. Er ist der Neffe von Regina Heinke. Sein 1997 mit 89 Jahren verstorbener Vater war der ältere Bruder von Regina Heinke. Diese, so schreibt Mohaupt, sei am 13. Februar 1911 in Görlitz geboren worden und habe zeitlebens in Görlitz gelebt – zuletzt jahrzehntelang in der Gersdorfstraße 30. Dort sei sie von der Caritas versorgt worden. In den letzten drei Jahren aber habe die kinderlos gebliebene Witwe ihre Wohnung im dritten Stock nicht mehr verlassen können. Vorher habe sie sogar ihre Einkäufe mit Hilfe von Zivildienstleistenden selbst erledigt. Sie habe nicht umziehen wollen, denn es war schließlich ihre Wohnung und ihr vertrautes Umfeld. Vom Fenster aus habe die alte Frau einen herrlichen Ausblick über die Stadt gehabt – von der Peterskirche bis hin zur Landeskrone.

Dann aber erlitt sie als 99-Jährige im heißen Sommer 2010 einen Schlaganfall. Daraufhin kam sie zu Verwandten ins niedersächsische Bad Pyrmont, wo sie kurz darauf, nämlich am 29. Juni 2010, verstarb. Beigesetzt wurde sie ebenfalls in Niedersachsen: In Bodenwerder an der Weser. „Sie hat die Hundertjährigkeit also nicht erreicht und bis zum letztlich tödlichen Ereignis in Görlitz gelebt“, schreibt Mohaupt und klärt so das Schicksal seiner Tante auf.

Völlig unklar bleibt jedoch, warum die alte Frau bis 2013 in der Gersdorfstraße 30 gemeldet war und auch bei der Stadtverwaltung niemandem das Verschwinden aufgefallen war. Immerhin hat der damalige OB Joachim Paulick alle 100-Jährigen zum Geburtstag besucht. Dann hätte er Regina Heinke schon vor zwei Jahren nicht angetroffen. Gibt es dafür keine Protokolle? „Nein“, erklärte Nicole Seifert von der Stadtverwaltung schon im Februar, „aus dieser Ära existieren keine Kalender mehr.“ Auch sonst konnte sich in der Stadtverwaltung im Februar niemand erinnern, ob es denn eine Gratulation zum 100. Geburtstag gab. Auch Herbert Mohaupt weiß nicht, was damals schiefgelaufen ist. „Als Außenstehender vermute ich, dass der Verlust eines solchen Tages in den damaligen Wirren der Kommunalpolitik zu suchen sein könnte“, schreibt er.