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Schüler fordern: „Nehmt endlich mehr Rücksicht auf uns“

Mit einer Aktion in Bautzen wollten Kinder gegen Raser vor Schulen protestieren. Dabei zeigte sich: Ein anderes Problem ist noch größer.

Eine grüne Karte für Autofahrer, die bremsen, eine rote Karte für die Rücksichtslosen: Silen (v.l.), Ghena und Jaqueline kontrollieren gemeinsam mit Anne Krumbholz von der Verkehrswacht den Verkehr vor der Curie-Grundschule in Bautzen.
Eine grüne Karte für Autofahrer, die bremsen, eine rote Karte für die Rücksichtslosen: Silen (v.l.), Ghena und Jaqueline kontrollieren gemeinsam mit Anne Krumbholz von der Verkehrswacht den Verkehr vor der Curie-Grundschule in Bautzen. © Steffen Unger

Die drei Schülerinnen haben sich an der Straße aufgestellt. Die Schilder sind schnell verteilt. Silen und Ghena bekommen einen grünen Zettel. Den können sie nach oben halten, wenn die Autofahrer langsam an der Bautzener Curie-Grundschule vorbeirollen. Jaqueline hingegen soll ihr rotes Schild immer dann den Autofahrern zeigen, wenn sie zu schnell unterwegs sind. Nehmt auf uns Rücksicht – das wollen die Schüler mit ihrer Aktion sagen. Doch schon nach wenigen Minuten wird klar: Nicht die Raser sind das Problem, nicht die fremden Autofahrer. Anne Krumbholz von der Bautzener Verkehrswacht schaut sich noch einmal auf der Straße um, dann sagt sie: „Das größte Risiko für die Kinder sind die Eltern selbst.“

Tatsächlich herrscht kurz vor Schulbeginn das totale Chaos auf der FredericJoliot-Curie-Straße. Hektische Eltern hinterm Steuer, Bremsmanöver vorm Schultor, Autos, die im Halteverbot stehen oder sogar in zweiter Reihe nebeneinander. Dazwischen bahnen sich ranzenbepackte Kinder den Weg zum Schulhaus. „Das ist hier jeden Morgen so“, sagt eine Lehrerin und geht kopfschüttelnd an den Autos vorbei. Während die drei Schülerinnen noch auf das Tempo der herannahenden Fahrzeuge achten, bildet sich hinter ihnen ein regelrechter Autoknoten. Die Elterntaxis blockieren mittlerweile die gesamte Straße.

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Schwierige Situation

Anne Krumbholz von der Verkehrswacht hat für das Verhalten der Erwachsenen wenig Verständnis. „Einige Eltern denken nur an die Sicherheit ihrer Kinder. Sie wollen sie am liebsten bis ins Klassenzimmer fahren. Aber damit gefährden sie andere Kinder, die zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen“, sagt sie. Eine schwierige Situation. Doch Anne Krumbholz hat auch eine Idee, wie das Problem gelöst werden könnte. Viele wohnen im Viertel und könnten ihre Kinder zu Fuß zur Schule bringen, erklärt sie. Und wenn es nur mit dem Auto geht? „Dann könnten die Eltern die Kinder aus dem Auto lassen, weiterfahren und anderen Platz machen“, sagt Krumbholz. Das Klassenzimmer würden die Schüler auch allein finden.

Morgens kommt alles zusammen

Kristin Brückner vom Stadtfamilienrat kennt das Problem. Deshalb hat sie auch die Schilder-Aktion mit ins Leben gerufen. Nicht nur vor der Curie-Grundschule zeigten die Kinder in dieser Woche den Autofahrer die Rote Karte. Auch am Sorbischen Schulzentrum organisierte der Stadtfamilienrat eine solche Aktion. Vor diesem Schulgebäude gibt es vor allem Probleme mit den parkenden Autos. Außerdem standen die Schüler mit ihren Schildern an den Bautzener Schilleranlagen. „Dort kommt am Morgen alles zusammen – Fußgänger, Autos, Fahrradfahrer, Mopeds“, zählt Brückner auf. Bei so vielen verschiedenen Verkehrsteilnehmern könne es schnell unübersichtlich werden, meint sie.

Erst kürzlich haben die Mitglieder vom Stadtfamilienrat die Bautzener Bürger gefragt, wo es überall gefährliche Stellen gibt. Bei dieser Umfrage wurden mehr als 30 Punkte genannt. Darunter waren sämtliche Grundschulen, erklärt Kristin Brückner. „Dabei ist die Situation an den meisten Stellen verkehrsrechtlich sauber“, sagt sie. Das heißt, es liegt nicht unbedingt an fehlenden Querungshilfen oder Ähnlichem. Viel wichtiger in puncto Sicherheit sei das Verhalten der Autofahrer.

Bauliche Veränderungen möglich

Doch es gibt auch Stellen, an denen die Stadt baulich etwas unternehmen kann. Zum Beispiel an der Steinstraße. Dort gibt es nur am Hotel und an der Berufsakademie eine Querungshilfe, so Brückner. Wer dazwischen die Straßenseite wechseln will, hat es schwer. Auch am Stadtwall vor dem Krankenhaus sei es für die Fußgänger nicht leicht, über die Straße zu kommen.

Die komplette Liste mit den Gefahrenpunkten hat der Stadtfamilienrat an die Bautzener Stadtverwaltung übergeben. „Wir arbeiten gut mit der Stadt zusammen und denken, dass wir von dieser Seite auch Unterstützung für unser Anliegen bekommen“, so Brückner. Mit der Stadt habe man auch schon über Schülerlotsen diskutiert. Die könnten die Sicherheit erhöhen und vielleicht sogar dafür sorgen, dass manche Eltern ihre Kinder mit einem besseren Gefühl allein zur Schule laufen lassen. „Aber wir haben erfahren, dass das schlecht finanzierbar ist, sagt Brückner, die schon die nächste Aktion plant. Im Oktober soll es um die Falschparker gehen.

Inzwischen ist es halb acht. Die Schüler müssen zum Unterricht und packen die Schilder weg. Von dem Chaos ist jetzt nichts mehr zu sehen. Die Elterntaxis sind verschwunden. Doch schon am nächsten Morgen wird es mit der Ruhe vorbei sein.

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