merken
PLUS

Neiße sorgt für frische Luft

Wo die meisten Menschen in Görlitz leben, ist das Klima am schlechtesten. Wie es anders geht, sagt ein neues Gutachten.

Von Ralph Schermann

Görlitz braucht Luft. Nicht irgendwelche, sondern kalte. Denn die Stadt leidet nachts unter Wärmeinseln. Sie liegen in der Innen- und Altstadt sowie in Königshufen und machen ein Dilemma deutlich: Ausgerechnet dort, wo die meisten Menschen in der Stadt leben, herrscht das schlechteste Klima. „Das verlangt ein Gegensteuern“, sagt daher Dr. Bernd Stiller. Er ist Beratender Meteorologe der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und legte bereits vor 20 Jahren ein Stadtklima-Gutachten vor. Jetzt hat er dessen Ergebnisse überprüft. Nicht ganz so aufwendig wie damals. Doch nimmt das nichts von seiner Bedeutung für die Görlitzer Stadtplaner.

JABS
JABS – Euer Zukunftsportal
JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

Der neue Uferpark ist auch für das Stadtklima wichtig. Denn der Verlauf der Neiße ist eine Schneise für den Görlitzer Frischluftaustausch. Foto: Nikolai Schmidt
Der neue Uferpark ist auch für das Stadtklima wichtig. Denn der Verlauf der Neiße ist eine Schneise für den Görlitzer Frischluftaustausch. Foto: Nikolai Schmidt

Wie kann Frischluft besser in die Innenstadtquartiere gelangen?

Das Gutachten empfiehlt für ein besseres Stadtklima mehr Grün- und Freiflächen und schattige Plätze. Diese Empfehlung wurde dem Technischen Ausschuss bereits vorgestellt. An den 400 Seiten der Langfassung dagegen wird noch gefeilt. Die nächtlichen Wärmeinseln stellen den Kern der Untersuchung dar. Die im Volksmund verbreitete Wärmespeicherung der Häuser ist aber nur eine Ursache. Vielmehr verändern enge Viertel die Luftströme. Die von Bernd Stiller genannte Hauptursache jedoch klingt simpel: fehlende Verdunstung, denn Verdunstung kühlt. Die Stadtplanung müsse sich daran orientieren, wo sich Kaltluft befindet und wie diese mit den Wärmeinseln ausgetauscht werden kann. Das Gutachten erkennt vor allem die Kaltluftbildung im Neißetal. „Frischluftschneisen sind freizuhalten“, fordert Bernd Stiller: „Im Neißetal darf nichts verbaut werden.“ Das bestätigt eine Sorge von Walter Pfitzner, dem Geschäftsführer des Vereins Haus und Grund: „Die geplante Turnhalle an der Hugo-Keller-Straße könnte so einen Luftkanal verbauen.“ Der Abbau alter Waggonbaugebäude dagegen machte die Achse Ponte-/Christoph-Lüders-Straße in der Studie zur gefragten Frischluftschneise. Wie eine Ausdünnung von Häusern auf das Klima wirkt, zeige der Rückbau in Königshufen. Dort weist das Gutachten im Vergleich zu 1996 eine Verbesserung nach.

Wie groß sind die Unterschiede

der Görlitzer Temperaturpunkte?

Als Jahresmitteltemperatur beträgt die Differenz zwischen den wärmsten und kältesten Görlitzer Messpunkten 0,9 Grad Celsius. Das Jahresmittel liegt bei 8,8 Grad und soll Berechnungen des Klimawandels zufolge um zwei Grad ansteigen. Ein guter Frischluftaustausch ist deshalb ein Muss. „Im Görlitzer Rathaus hat man das erkannt und ist bei der Klimafrage sehr engagiert“, lobt Bernd Stiller. Walter Pfitzner schränkt diese Bewertung ein: „Die Veränderung der Baumschutzsatzung spricht dagegen, denn wenn jeder Bürger fast uneingeschränkt seine Bäume fällen kann, dann ist das sicher nicht gut für die Klimaentwicklung.“

Wie kann schrittweise ein besseres Görlitzer Stadtklima erreicht werden?

Das Gutachten widmet sich ausführlich der Fassaden- und Dachbegrünung, wobei immer Wasser vorhanden sein muss. „Ein trockener Rasen nutzt nichts“, gibt Bernd Stiller für Innenhöfe zu bedenken. Empfohlen werden Fahrradständer mit Gründach oder mehr Einzelbäume als Schattenspender. Hecken sind gute Feuchtehalter, vorbildlich gelöst im „Sonnenhof“ Krölstraße oder in der Hinterhofgestaltung zwischen Bahnhof- und Landeskronstraße. Auch Solardächer reduzieren die Stadterwärmung. Zur Verbesserung des Stadtklimas gehöre zudem der öffentliche Personennahverkehr. Dabei sei in Görlitz auf jeden Fall die Straßenbahn das erste Mittel der Wahl.

Beeinflusst der Berzdorfer See

die Görlitzer Klimaentwicklung?

Im Berzdorfer See sieht Stiller kein Problem: „Das Klima in der Stadt ändert sich durch den See nicht. Dazu ist der Abstand zu groß.“ Der Einfluss beschränke sich auf wenige hundert Meter in Ufernähe. Auch Gewitterwolken in zwei bis zehn Kilometer Höhe lassen sich weder vom See noch von der Neiße beirren. Dagegen erkennt der Meteorologe bei seenahen Ortsteilen Handlungsbedarf: Vor allem in Kunnerwitz sei ein Bau weiterer Einfamilienhäuser für die Klimaentwicklung nicht günstig.

Auf ein Wort