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Nervenkitzel hinter Glas

Der Königsteiner Panoramalift ist für die einen eine Attraktion, für die anderen eine Mutprobe. Auf Dienstfahrt mit dem Liftboy Andreas Ofenhammer.

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© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Königstein. Andreas Ofenhammer taxiert seine Passagiere. Guckt da nicht einer leicht betreten? Das Mienenspiel verrät, ob jemand ein Problem hat, spätestens, wenn die Zelle in Bewegung kommt. Aber dann gibt es kein Zurück mehr, nur noch Augen zu und durch. „Höhentauglich?“ Klar, sagt der Angesprochene, und fragt zurück: „Hattet ihr früher nicht mal einen Glasboden?“ Darauf steigt Ofenhammer ein: „Ich hab’ jetzt Gitterroste beantragt, wegen der Belüftung.“ Der Witz hat gesessen. Alles lacht. Ofenhammer drückt den Knopf und ab rauscht seine Fuhre Richtung Sommerhimmel.

„Echt cool, dass das Ding hier dran ist.“ Jacqueline und Nico Roßkopp (beide 43) aus Zeulenroda im Thüringer Vogtland hat die Fahrt mit dem gläsernen Aufzug Spaß gemacht. A
„Echt cool, dass das Ding hier dran ist.“ Jacqueline und Nico Roßkopp (beide 43) aus Zeulenroda im Thüringer Vogtland hat die Fahrt mit dem gläsernen Aufzug Spaß gemacht. A © Norbert Millauer
Andreas Ofenhammer (58.) arbeitet im Lift als Fahrstuhlführer. 200 Fuhren macht er mindestens pro Schicht. Manchmal ist er auch Auskunftsbüro.
Andreas Ofenhammer (58.) arbeitet im Lift als Fahrstuhlführer. 200 Fuhren macht er mindestens pro Schicht. Manchmal ist er auch Auskunftsbüro. © Norbert Millauer
Dabei hilft ihm das Festungsmodell auf dem Plateau.
Dabei hilft ihm das Festungsmodell auf dem Plateau. © Norbert Millauer

Wer müde Beine hat oder vorab schon die Aussicht genießen will, der lässt sich im Panoramafahrstuhl auf die Festung Königstein chauffieren. Andreas Ofenhammer ist heute der Chauffeur. Noch ist früher Tag und relative Ruhe. Doch es könnte stressig werden. Der Personen- und Lastenaufzug nebenan streikt. Dort passen rund sechzig Leute rein. Womöglich steht ein Gutteil davon bald vor Ofenhammers Tür.

Seit fünf Jahren ist Andreas Ofenhammer Liftboy auf dem Königstein. Gelernt hat er einmal Zerspaner, war dann viele Jahre auf Montage. Er baute Oberlichter in Werkhallendächer ein. An seiner Schwindelfreiheit besteht somit kein Zweifel. Bei den Gästen aber erlebt er nicht selten Angstausbrüche, wenn er die gläserne Kanzel startet. Es sind längst nicht nur Damen betroffen. Da gibt es gestandene Männer, sagt er, die an ihren Frauen hängen wie die Kletten. Neulich hat er einen Trupp Motorradfahrer von der See hier gehabt. Die waren an Berge überhaupt nicht gewöhnt. „Die haben nur zur Mittelkonsole geguckt und gefragt, wann wir oben sind.“

„Schönen guten Tag, die Eintrittskarten bitte!“ Tickets abreißen gehört neben der Fahrstuhlbedienung zu den Pflichten von Andreas Ofenhammer. Mancher mosert im Spaß, wieso er die schönen Scheine kaputtmache. „Ich runde die Sache nur ab“, kontert der Liftboy, denn der Kontrollabriss beschreibt einen Halbkreis. Lockere Sprüche klopfen – auch das gehört zum Job. Touristen schätzen ein nettes Späßchen. Früher war Herr Ofenhammer eher zurückhaltend gegenüber Fremden. Er hat es lernen müssen, immer lustig drauf zu sein.

Gäste aus der Stadt von Onkel Ho

Wer benutzt den Fahrstuhl? Eigentlich zu viele, findet Andreas Ofenhammer. Der Fußweg zur Festung ist die Mühe wert, sagt er, und macht bestimmt zehn Prozent der ganzen Attraktion aus. Er hat schon Rentner gesehen, die sich mit neunzig noch den Anstieg antun. Und er hat Jungspunde gesehen, die bei ihm eingestiegen sind und dabei nicht mal die schöne Gegend angeguckt haben, sondern nur ihr Handy.

Heute ist Freitag. Freitags kommen viele russische Touristen, von Prag oder von Karlsbad, hierher. Deshalb spricht Andreas Ofenhammer vom „russischen Tag“. Koreaner sind in letzter Zeit auch oft da gewesen. Apropos: Da kommen sie schon. Ein halbes Dutzend asiatischer Menschen drängt in die Zelle und macht die Handys klar zum Fotoschießen.

Die Koreaner sind Vietnamesen aus Ho-Chi-Minh-Stadt, einst Saigon genannt. Es ist die angeheiratete Familie von Clemens Burkart, 56, gebürtiger Hamburger. Der kleine Mann mit dem federgeschmückten Tirolerhut lebt seit zwanzig Jahren in Vietnam. Zur Wendezeit war er schon einmal im Elbsandsteingebirge. Da gab es den gläsernen Fahrstuhl noch nicht, und auch viele andere Dinge fehlten, sagt er. „Wie sich das Land entwickelt hat – alle Achtung!“

Interessante Leute trifft Liftboy Ofenhammer jeden Tag. Deshalb wird ihm bei der ständigen Pendelei – mindestens zweihundert Fahrten pro Schicht – auch nie langweilig. Doch Zeit zum Reden bleibt ihm kaum. Eine Tour dauert 45 Sekunden, die reine Fahrt nur dreißig. Schon muss er sich verabschieden. „Ich wünsche ihnen einen schönen Aufenthalt!“ Auf Wiedersehen sagt er nie. Viele Leute sieht er wirklich schon bei der Rückfahrt wieder.

Die Wismut ist kein Krankenhaus

Ein neuer Schwung Touristen. Herr Ofenhammer zählt ab. Höchstens zwölf Leute nimmt er mit, damit jeder was vom Ausblick hat. Mitunter muss er zirkeln, wenn manche unbedingt gruppenweise fahren wollen. „Ich trenne keine Familien“, sagt er. Ein Fahrgast setzt belustigt nach. „Kein Scheidungsrichter?“ Ofenhammer: „Noch nicht!“ Und wieder Begeisterung während der Auffahrt. „Des is jo a scheeens Gebiet!“, entfährt es einer großen Blonden aus der Linzer Gegend in Oberösterreich. „Waaansinn!“ In solchen Augenblicken erklärt der Liftboy gern die Gegend oder korrigiert Irrtümer. Der Pfaffenstein links im Blickfeld wird gern mit dem Lilienstein verwechselt. Und das massige Verwaltungshochhaus der Wismut bei Leupoldishain haben manche schon für eine Klinik gehalten.

Talwärts steigen zwei ambitioniert aussehende Wandersleute zu. Jacqueline und Nico Roßkopp sind die letzten Tage 115 Kilometer den Malerweg entlang marschiert. Jetzt gönnen die beiden Vogtländer den Füßen eine Pause und nehmen den Fahrstuhl. Von Weitem hat die Konstruktion wie ein Baugerüst ausgesehen, sagt Jacqueline, die es „schon cool“ findet, dass so ein Gerät hier am Felsen steht. Auch sie denkt an einen durchsichtigen Fußboden, kess grinsend. „Dann wird es richtig interessant.“

Die Russen kommen. Eine ganze Busladung. Die Reiseführerin wirkt leicht aufgelöst. Herr Ofenhammer kennt das schon. Höhenangst. Die Russen haben’s eilig. Dawai, Dawai! Dem Fahrstuhlführer fällt eine Story ein: Als einmal eine polnische Reisegruppe anrückte, strömte die so ungestüm in die Kanzel, dass Ofenhammer vom Bedienpult weg nach hinten an die Wand gedrückt wurde. Er konnte nichts tun, und seine Maschine auch nicht. Sie war überladen, bewegte sich keinen Millimeter mehr. Erst nach einigen „Maschin kaputt!“ kam Ofenhammer frei und ordnete die Lage.

Die Lage am Lastenaufzug ist nun auch geordnet. Er fährt wieder. Bühnenarbeiter schleppen Technik hinein. Heute Abend ist Konzert. Die Gothic-Rock-Band ASP spielt auf der Festung. Plötzlich steht ein Pulk schwarz Gewandeter, Musiker und Roadies, in Ofenhammers Glasbox. Wieder macht einer angestrengt gute Miene. Höhenangst? Die Höhe ist es nicht, sagt er, aber die Tiefe macht ihm Sorgen. „Dann musst du eben hochgucken“, sagt der Liftboy. Hoch gebracht hat er sie noch alle.