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Nervenschlacht für die Königin

Elisabeth Pähtz ist Deutschlands beste Schachspielerin, was auch ein Nachteil sein kann. Diese neue, ungewöhnliche Erfahrung hat sie jetzt erst in Dresden gemacht.

© Norbert Neumann

Von Tino Meyer

Elisabeth Pähtz geht es wie Magnus Carlsen, dem Weltmeister aus Norwegen. Wirklich vergleichen lassen sich beide natürlich nicht, was schon daran liegt, dass sie eine Frau ist und er ein Mann. Auch im Schach trennen die Geschlechter schließlich Welten. „Männer haben in der entscheidenden Phase viel mehr Zeit, sich zu verbessern. Sie sehen doch mit 15 noch aus wie ein Kind, kein Mädchen interessiert sich für sie“, erklärt Pähtz den Unterschied, der offenbar nicht der einzige ist.

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Zudem hat sie in jenem Interview vom Mai mit „Zeit online“ festgestellt, dass Männer fleißiger sind, fanatischer und evolutionsbedingt auch risikobereiter. Doch wie sich der 23-jährige Carlsen gefühlt hat in den vergangenen Tagen, weiß auch Pähtz jetzt ziemlich genau. Er ist in Sotschi als Weltmeister angetreten, um den Titel gegen den Inder Viswanathan Anand zu verteidigen. Die gebürtige Erfurterin hat zeitgleich in Dresden an den German Masters teilgenommen, einem neuen und mit 10 000 Euro dotierten Turnier für die zehn besten Schachspielerinnen des Landes.

Dass Pähtz unter ihnen die allerbeste ist, sagt nicht nur ihre Elo-Zahl von 2 480, womit sie in der Weltrangliste Platz 24 belegt. Das sagt die 29-Jährige auch von sich selbst. Die Nummer zwei, die Leipzigerin Melanie Ohme, ist im Weltmaßstab immerhin gut hundert Plätze hinter ihr gelistet. Psychisch macht das die Aufgabe jedoch nicht einfacher. „Ich hätte nicht gedacht, wie schwer es ist, diese Favoritenrolle zu spüren und der dann auch noch gerecht zu werden“, gesteht Pähtz. Alles andere als ein Sieg, so empfindet sie das, wäre ja eine Enttäuschung.

So weit aber, das ist bereits nach acht von neun Runden klar, lässt es Pähtz nicht kommen. Weil sich die Verfolgerinnen gegenseitig die Punkte nehmen, steht sie – wie Carlsen – bereits vorzeitig als Gewinnerin fest. Die Erleichterung ist ihr gestern Nachmittag bei der Siegerehrung aber immer noch anzumerken – und das Duell in Runde vier gegen die 18-jährige Dresdnerin Filiz Osmanodja nachhaltig in Erinnerung geblieben. Rückblickend war es vermutlich der entscheidende, weil umkämpfteste Erfolg auf dem Weg zum Turniersieg.

Pähtz spricht von einem kleinen Lotteriespiel, einer Nervenschlacht und akuter Zeitnot. Am Ende hat sie, die Juniorenweltmeisterin von 2005, die aktuelle U-18-Vizeweltmeisterin zwar besiegt und damit alle Erwartungen erfüllt, selbstverständlich ist das aber nicht. „Filiz hat einen guten Charakter, um erfolgreich zu sein. Sie spielt angstlos und mit vollem Risiko“, erklärt Pähtz. Fast wie ein Mann also, möchte man hinzufügen. Vor allem sei Osmanodja mental stark, „stärker als ich“, sagt sie über ihre vermeintliche Nachfolgerin. Noch aber ist Pähtz, die 2004 ihr Abitur am Dresdner Sportgymnasium abgelegt hat, die unangefochtene deutsche Nummer eins, was oft genug natürlich von Vorteil ist. Den Status Schachprofi können sich hierzulande jedenfalls selbst Männer kaum leisten. Und nach der Karriere möchte sie dann als Trainerin ihr Geld verdienen.

Wann das sein wird? Pähtz zögert. Sagenhafte 24 Jahre sitzt das einstige Wunderkind nun schon hinterm Brett. Wie sehr das schlaucht, hat man ihr in den vergangenen neun Tagen angemerkt. Schachspielen ist nämlich auch ein Fulltime-Sport mit bis zu zwei Stunden Vorbereitung, fünf, sechs Stunden Spiel, danach Regeneration und immer mal auch Joggen oder Fitnessraum. „Je älter ich werde, desto anstrengender sind die nervliche Belastung, das Reisen und der Turnieralltag“, sagt Pähtz.

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Nach Blitz-WM, Schacholympiade, Bundesligaspielen sowie der inoffiziellen deutschen Meisterschaft in Dresden, „für mich eine der Schach-Hauptstädte“, wie sie findet, ist das Jahr aber nicht beendet. Pähtz fliegt nächste Woche zu den World Mind Sport Games nach Peking, den Weltdenksportspielen. Auch mit ihrer Karriere, überlegt sie, muss noch lange nicht Schluss sein. „Mein Vater hatte seine beste Zeit Anfang 30. So gesehen habe ich noch ein paar gute Jahre vor mir“, vergleicht sie.

Dass es sich bei Thomas Pähtz analog zu Carlsen ebenfalls um einen Mann handelt, spielt ausnahmsweise keine Rolle. Das Gefühl des Sieges ist so oder so großartig.