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Blüten-Kunst für die Ewigkeit

Katharina Elle aus Neschwitz stellt besonderen Schmuck her. Das hat auch mit ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin zu tun - und einer schweren Zeit in ihrem Leben.

Katharina Elle aus Neschwitz stellt Schmuck her, bei dem Harz Blüten umschließt. Aber auch Blätter, Früchte und Rinden verarbeitet sie.
Katharina Elle aus Neschwitz stellt Schmuck her, bei dem Harz Blüten umschließt. Aber auch Blätter, Früchte und Rinden verarbeitet sie. © SZ/Uwe Soeder

Neschwitz. In dem Pappkarton auf Katharina Elles Schreibtisch befand sich einst Hundefutter. Das haben die elfjährige Amrei und der sieben Jahre jüngere Frodo längst verdaut, aber die flache Kiste hat Frauchen nicht weggeworfen. Wie sie überhaupt ungern etwas wegwirft. Wer weiß, wozu dies und das noch mal gut sein könnte?

Der Pappkarton jedenfalls ist wie geschaffen zum Aufbewahren kleiner Dosen. In jeder schimmert es anders. Orange, gelb, rosa, lila, knallrot, tiefblau - auf Katharina Elles Tisch in Neschwitz scheinen sich die Farben dieser Welt zu versammeln. Alle gehörten vorher zu Blüten, entweder aus dem Garten der Hausherrin oder Mitbringsel von Spaziergängen durch Wald und Flur. Ein Mörser zerrieb die Blüten von Kornblumen, Rosen, Veilchen, Nelken und vielem mehr fast zu Pulver. Und jetzt harrt die bunte Pracht ihrer Zukunft als Kunstwerk, Brosche oder auch Schlüsselanhänger.

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Dem Sterben neues Leben entgegensetzen

Katharina Elle zeigt, wie sie aus Kunstharz oder Holz und gemahlenen Blüten ein kleines Schmuckstück zaubert - rund, oval oder als Herz. Am Ende bohrt sie ein winziges Löchlein und verbindet das Werk mit einer Kette oder einem Band - und eine Blüte, die sonst irgendwann zu Boden gefallen und verrottet wäre, bleibt jetzt für die Ewigkeit.

Besser gesagt: für eine sehr lange Zeit. Denn nichts ist für ewig. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin gerät ins Philosophieren. Ihr ganzer Körper scheint zu reden, das Band in den Haaren kann die roten Locken nur schwer zusammen halten. Sie greift zur Karaffe und schenkt Wasser nach. Es schmeckt nach Minze und Erdbeeren aus ihrem Garten. Katharina Elle philosophiert über das Leben, das Sterben, den Tod und die Trauer der Hinterbliebenen. Sie spielt ein paar Takte auf ihrem Klavier. "Musik ist mir wichtig. In der Musik sind Dinge entstanden, die bleiben weit über ein Leben hinaus."

Die Beschäftigung mit Musik, malen, schreiben, basteln, etwas pflanzen - so kreatives Tun kann dem Sterben neues Leben entgegensetzen. Mit dieser Grundstimmung bietet die 46-Jährige Kurse, Seminare und Vorträge in ihrer Neschwitzer Praxis für Trauerbegleitung und Kreativpädagogik an.

Mit zwei Hütehunden ins Pflegeheim

Und sie geht dahin, wo Menschen ihren letzten Lebensabschnitt verbringen - in Alten- und Pflegeheime. Amrei und Frodo begleiten sie und lassen sich nur zu gern streicheln. Die beiden Hütehunde lieben Menschen und sind an Gutmütigkeit kaum zu überbieten. Manchmal liest Katharina Elle den alten Leuten auch Gedichte über Hunde vor. Den Senioren gefällt, was die Neschwitzerin fachgerecht "tiergestützte Therapie" nennt.

Seit rund sechs Jahren bietet sie diese Therapie und Trauerbegleitung an. Zuvor hatte sie in der Kulturfabrik Hoyerswerda die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen koordiniert. "Ein Taumjob", schaut sie zurück. Doch eine Krankheit durchkreuzte damals berufliche wie private Pläne. Katharina Elle wurde operiert, konnte nicht mehr arbeiten, musste Rente beantragen. Umgeworfen hat sie das nicht.

"Ich war zwar krank, aber das konnte es doch noch nicht gewesen sein im Leben. Ich wollte mich neu erfinden", sagt sie, "um der Gesellschaft etwas Gutes zu tun - und mir selber auch." Gerade in dieser Zeit, als sie selbst um ihre Gesundheit kämpfte, sah sie vertraute Menschen sterben. Sie begann, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, und machte eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin. "Ein Fenster hatte sich geschlossen, aber ein neues ging auf", fasst sie diese Zeit in ihrem Leben zusammen.

Mit Kreativität Erinnerungen konservieren

Doch in diesem Frühjahr schlossen sich von einem Tag auf den anderen alle Türen und Fenster. Das Elle-Rudel, wie sie sich und die Hunde scherzhaft nennt, durfte nicht mehr in Heime gehen und auch keine Kurse geben. "Eine schlimme Zeit. Ich weiß, die Patienten haben gelitten. Auch meine Hunde haben ganz sehr gelitten, und ich ebenfalls."

Auch finanziell. Denn natürlich gingen ihr auch Einnahmen verloren, zum Glück bekam sie neben ihrer kleinen Rente noch Hilfe von der Sächsischen Aufbaubank. Aber auch aus dieser Situation versuchte sie wieder, das Beste zu machen. Der kreativen Neschwitzerin blieb auf einmal viel mehr Zeit für ein Hobby, das sie vor anderthalb Jahren entdeckt hatte: das Herstellen von Schmuck. 

Sie experimentierte, bastelte mit getrockneten Blüten und Gräsern, probierte Broschen und Schlüsselanhänger. Sie selbst goss sich ein Amulett, gefüllt mit einem Fellbüschel eines Hundes, der einst zu ihrem Rudel gehörte und nicht mehr lebt. "Diese Art von ganz persönlichem Schmuck eignet sich gut, um eigene Erinnerungen zu konservieren." Katharina Elle weiß von anderen Bastlern, die beispielsweise einen Milchzahn ihres Kindes zu einem Schmuckstück verarbeitet haben. "Es gibt da unendlich viele Möglichkeiten, und gerade die Natur bietet so vieles, an dem wir mitunter achtlos vorbei gehen."

Im Freundes- und Bekanntenkreis konnte die Neschwitzerin schon mit so manchem Schmuckstück für Freude sorgen. Jetzt geht sie den nächsten Schritt und bietet ihren Schmuck im Internet an, auf etsy, der größten Plattform für Handgemachtes, wie sie sagt. Verkauft hat sie während der ersten Tage noch nichts - aber so etwas braucht auch Zeit, sagt Katharina Elle. Und Geduld und Optimismus, aber den hat sie ja noch nie verloren. 

So wird aus Blüten Schmuck:

Gepresste Blüten und andere Naturmaterialen nutzt Katharina Elle als Ausgangspunkt für ihre Schmuckstücke.
Gepresste Blüten und andere Naturmaterialen nutzt Katharina Elle als Ausgangspunkt für ihre Schmuckstücke. © SZ/Uwe Soeder
Blüten von Rosen, Mohnblumen, Veilchen und vielen anderen Pflanzen werden mit Kunstharz übergossen.
Blüten von Rosen, Mohnblumen, Veilchen und vielen anderen Pflanzen werden mit Kunstharz übergossen. © SZ/Uwe Soeder
Das gegossene Rohmaterial wartet auf die Weiterverarbeitung.
Das gegossene Rohmaterial wartet auf die Weiterverarbeitung. © SZ/Uwe Soeder
Durch das Schleifen fertigt Katharina Elle aus den gegossenen Stücken Kettenanhänger und andere Schmuckelemente.
Durch das Schleifen fertigt Katharina Elle aus den gegossenen Stücken Kettenanhänger und andere Schmuckelemente. © SZ/Uwe Soeder

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