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Netrebko und Silbermond - allein zu Haus

In Corona-Zeiten stellen Musiker, Schauspieler, Theater und Opern viele Angebote ins Netz. Auch in Sachsen. Was bringt das? Was nicht? Ein Online-Check.

Popkünstler rufen entweder zum Durchhalten auf wie die Band Silbermond im Corona-Song „Machen wir das Beste draus“ - oder machen sich über die Krise lustig..
Popkünstler rufen entweder zum Durchhalten auf wie die Band Silbermond im Corona-Song „Machen wir das Beste draus“ - oder machen sich über die Krise lustig.. © Foto: dpa

Was für eine hübsche Idee: Nachdem vor drei Wochen größere Veranstaltungen in allen Bundesländern untersagt wurden, ploppten sofort digitale Angebote der Kultureinrichtungen auf. Theater zeigen nun Inszenierungen im Netz, Musiker spielen am heimischen Klavier für ein digitales Publikum, Museen bieten virtuelle Rundgänge. Obwohl Theater, Museen, Konzertsäle, Kinos und Clubs geschlossen haben, kann man sich trotzdem mit Kultur versorgen. Doch nicht immer bedeutet das auch Kulturgenuss.

Viele Bühnen in Deutschland zeigen nun Videoaufzeichnungen ihrer Inszenierungen frei im Netz. Dahinter steckt kein großer Aufwand; jedes Theater dokumentiert jede Produktion standardmäßig fürs Archiv. Das ist aber gedacht als rein interne Mitschnitte, die auch dazu dienen, Aufführungen später mal zu rekonstruieren. 

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Live-Talk zur Baustelle Großenhainer Straße
Live-Talk zur Baustelle Großenhainer Straße

Die Stadt Dresden und die DVB laden alle interessierten Bürger am 18. Mai 2021 18:00 Uhr zu einer Live-Talk-Sendung ein und beantworten Fragen.

Sie sind daher grundsätzlich ohne jegliche Kamera- und gesonderte Tontechnik aufgenommen, von einem festen Stativ im Zuschauerraum aus, in unveränderter Perspektive. Für theaterliebende Zuschauer ergeben solche Aufnahmen für Daheim keinen Sinn; selbstverständlich kann keine Theaterkamera die Ansprüche an filmische Qualität bedienen. Der Reiz besteht nun mal im Live-Ereignis. Dass die Theater sich nun so krampfhaft bemühen, auch im Digitalen mitzuhalten (zu dem sie sich in den letzten Jahren verzweifelt als Gegenpol definiert haben), ist nicht ganz verständlich – und letztlich unbefriedigend für alle.

Manche mögen's kreativ und lassen Neues entstehen

Das waren noch Live-Zeiten: Anna Netrebko und Piotr Beczala 2016 im "Lohengrin“ an der Semperoper. Heute kann man die Inszenierung immerhin bei Arte Classic streamen.
Das waren noch Live-Zeiten: Anna Netrebko und Piotr Beczala 2016 im "Lohengrin“ an der Semperoper. Heute kann man die Inszenierung immerhin bei Arte Classic streamen. © Daniel Koch / Semperoper Dresden

Größer ist der Sehgenuss freilich bei eigens fürs TV produzierten Aufnahmen. Hier wird mit mehreren Kameras gearbeitet, mit Totalen und mit Nahaufnahmen. Es gibt eine vorher genau durchdachte Bildregie, gute Tontechnik und eine dramaturgisch sinnfällige Choreografie von Einstellung zu Einstellung. Auch das ersetzt natürlich nicht den Zauber eines Theaterbesuchs. Aber es hat einen größeren und sehr eigenen Mehrwert: Man kommt den Schauspielern gefühlt viel näher, als man es aus dem Zuschauerraum täte.Noch mehr Nähe entsteht, wenn etwa auf dem Theaterportal Nachtkritik der Regisseur einer gestreamten Inszenierung live im Chat zur Verfügung steht. Wie Christopher Rüping zu seinen Münchner „Trommeln in der Nacht“. 

Besser zum Häppchenbedürfnis des Internets passt es, wenn Theatermacher eigene, kleine Formate entwickeln. So sprechen Mitglieder des Ensembles am Staatsschauspiel Dresden regelmäßig Szenen ein, zu denen die Nutzer von Facebook oder Instagram dann die Inszenierung erraten müssen. Auch die Theater Chemnitz haben sich Interessantes ausgedacht: Auf der Facebook-Seite gibt es täglich einen neuen kleinen Clip mit Szenen, animierten Geschichten oder Liedern. Hier machen die Künstler das, was sie am besten können: Sie werden in der Krise kreativ und lassen Neues entstehen.

Einblicke ins Privatleben von Semperoper-Künstlern

Enger wird es da naturgemäß im Bereich der Klassik. Auch Weltstars wie der Violinist Daniel Hope laden zum Naheliegenden ein, nämlich ins Wohnzimmer. Auf der Webseite von Arte Classik veranstaltet er täglich die halbstündige Online-Konzert- und Talk-Reihe „[email protected] zusammen mit dem Pianisten Christoph Israel. Manchmal zu zweit, manchmal auch mit einem zusätzlichen Gast wie Max Raabe, Till Brönner oder Rammstein-Keyboarder Flake streift Hope durch diverse musikalische Genres. Das wird bestens angenommen: Laut Arte verbuchten die ersten zwölf Konzerte fast eine halbe Million Videoabrufe.

Überhaupt kann der TV-Sender aus dem Vollen schöpfen, aus einem reichen Reservoir an eigenen Theater-, Konzert, und Opernaufzeichnungen. Darunter zum Beispiel ein „Lohengrin“ mit Anna Netrebko und Piotr Beczala unter dem Dirigat von Christian Thielemann, inszeniert 2016 an der Semperoper. Die Oper selbst muss da bescheidener vorgehen: Sie ist nicht im Besitz der Bildrechte aller Inszenierungen, die in ihr aufgenommen wurden. Dennoch arbeitet das Haus daran, beginnend mit kommendem Sonnabend an jedem Wochenende eine Oper als Stream zur Verfügung zu stellen, einige davon auch aus dem aktuellen Spielplan.

Ansonsten müssen sich Fans mit kurzen musikalischen Videos einiger Ensemblemitglieder begnügen, die unter „Semperoper zu Hause“ in ihren vier Wänden singen, musizieren, tanzen und Grüße senden. Das sind interessante Einblicke in private Ausstattungs-Vorlieben und sowieso sympathische Gesten. Erst recht, wenn aus dem Off ein Baby dazwischen plappert. Aber freilich weder optisch noch akustisch hochkulturelle Hochgenüsse. Ähnlich wie „[email protected]“ ist das Angebot „phil zu zweit“ der Dresdner Philharmonie: 15- bis 20-minütige Aufnahmen jeweils mit einem Philharmoniker und einem freischaffenden Gast aus dem Kulturpalast-Foyer. Am Donnerstag steht zudem die aktuelle CD „Caballeria Rusticana“ als kostenloser Stream im Netz, weitere Angebote sind in Planung.

Im Foyer des Dresdner Kulturpalastes nehmen Philharmonie-Cellist Daniel Thiele und die Tänzerin Katja Erfurth gemeinsam einen Clip für die Online-Reihe "phil zu zweit" auf.
Im Foyer des Dresdner Kulturpalastes nehmen Philharmonie-Cellist Daniel Thiele und die Tänzerin Katja Erfurth gemeinsam einen Clip für die Online-Reihe "phil zu zweit" auf. © Foto: Dresdner Philharmonie

Entweder Durchhalteparolen oder Corona-Witze

Wer online nach poppigen Alternativangeboten von Musikern für die geplatzten Konzerte, TV-Shows und Festivalauftritte sucht, wird schnell feststellen: so viel Holzgitarre war nie. Mangels üppigen Heim-Instrumentariums beschränken sich selbst Großkünstler darauf, vor laufender Handykamera zu singen und sich dabei mit ein paar hingekloppten Akkorden zu begleiten. Hat einmal, auch zweimal einen gewissen Reiz, sich jedoch schnell abgenutzt.

Betrachtet man das Geschrammel differenzierter, wird es schon amüsanter. Die Ärzte haben so, selbstverständlich streng voneinander getrennt, jeder eine der drei Strophen von „Ein Lied für Jetzt“ aufgenommen. Losgelöst von der gegenwärtigen Situation büßt diese Nummer allerdings jedes Hitpotenzial ein. Immerhin versprechen die drei Musiker bei dieser Gelegenheit noch, ihre Zeit ansonsten sinnvoller zu nutzen, nämlich für ein neues Album.

Nach einem vergleichbaren Arbeitsteilungsprinzip gingen Silbermond für ihren Song „Machen wir das Beste draus“ vor. Zu Gesang und Gitarren kamen aus separierten Wohnungsstudios Bass und E-Drums dazu, rausgeflogen ist hingegen die Ironie. Hier geht es völlig spaßfrei ums Mutmachen. Exakt in diese zwei unterschiedlichen Anspruchswelten teilt sich derzeit nahezu alles im Netz. Entweder Durchhalteparolen oder Wir-machen-uns-über-Corona-total-lustig-Singsang.

Davon weichen nur jene ab, die fix alte Hits aufpolieren und dann als Konzert verkaufen. Ob Scooter oder Biffy Clyro, ob Major Lazer oder Passenger; viele Künstler von Techno bis Folkpop haben bereits live im Netz gespielt, waren dabei aber vom Verbreiten tatsächlicher Konzertatmosphäre so weit entfernt wie Energie Cottbus von der Bundesliga. Positive Effekte fürs Publikum: Man sieht die Akteure gut, ihnen manchmal direkt in die Augen. Niemand rempelt einen, begießt einen mit Bier. Es stinkt weder nach frischem Schweiß noch nach wochenlang ungelüfteter Hose; weder an der Bar noch vorm Klo bilden sich Schlangen. Und das Ganze kostet: nichts.

Nichts kann den Hunger auf "Live" wirklich befriedigen

Doch fast in allen Pluspunkten steckt mindestens ein kleines Ach. Beispiele für das Gute im scheinbar Miesen: Der Rempler entschuldigt sich prompt, man kommt ins Gespräch und findet einen Freund fürs Leben. Oder: Die Schlange an der Bar sorgt dafür, dass man sich mit einem Bier zufrieden gibt und keinen halben Kasten leert.

Vor allem aber fehlt bei diesen „Konzerten“ noch mehr als bei Bühnen-Angeboten alles, was heutzutage ein Konzert ausmacht: effektvolle Inszenierung, gewaltiger Sound, das sichere Gefühl, etwas Einzigartigem beizuwohnen, der Rausch, den das tausendfach hochgekochte Wir-Gefühl beim Mitsingen erzeugt. Schreit H. P. Baxxter von Scooter „Hyper! Hyper!“ aus dem Handy und fuchtelt auf dem Display herum, hat das die Zündkraft eines nassen Lappens. Fast scheint es, als hätten die Rolling Stones aus einer prophetischen Anwandlung heraus vor über 50 Jahren bereits den April 2020 kommentiert: "I can’t get no satisfaction?" Leider ja.

Manchen Medienmachern ist das Manko der Live-Streams klar, weshalb sie lieber Krachern aus dem Archiv vertrauen. Der Radiosender Rock-Antenne etwa bietet über seine Streamingkanäle unentwegt Mitschnitte von alten AC/DC-Shows an. Mehr Rumsbums geht auf der Bühne kaum. Selbst als Bild-und-Ton-Konserve macht ein Auftritt von Angus Young samt Kollegen noch etwas her und schmerzlich klar, was wir alle derzeit verpassen.

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So gilt für alle ins Netz gestellte Alternativ-Angebote letztlich das Gleiche: Nichts befriedigt wirklich den Appetit auf Live. Doch mit jedem Häppchen wird der Hunger größer. Und die ersten echten Konzerte und Inszenierungen nach Corona dürften in vielerlei Hinsicht Geschichte schreiben.

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