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Neue Behandlung gegen Speiseröhrenkrebs

Mit der Methode werden entzündete Zellen entfernt, bevor der Krebs ausbricht – ohne Operation.

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Speiseröhrenkrebs gehört zu den Krebsarten mit der höchsten Steigerungsrate der letzten zehn Jahre. Der Grund: Die Menschen sind zu dick, leiden häufig unter Sodbrennen. Die neue Behandlungsmethode der Radiofrequenzablation (RFA) behandelt den Krebs, noch bevor er ausbricht und erspart Patienten damit eine lebenslange Tabletteneinnahme und qualvolle Operationen. Die Methode wird nur an wenigen deutschen Krankenhäusern angewendet, das Elblandklinikum arbeiten zum Beispiel nicht damit. Die SZ ließ sich von Professor Dr. Roland Reinehr vom Elbe-Elster-Klinikum Herzberg erklären, wie die Radiofrequenzablation funktioniert.

Herr Reinehr, Sie haben im Februar zwei Patienten mit der RFA behandelt. Wie funktioniert die Methode?

Das ist eine einfache Magenspiegelung in Sedierung, also ohne Narkose und ohne Operation. Der Eingriff dauert ungefähr eine halbe Stunde. Man schaut sich per Farb-Endoskopie den Bereich zwischen Speiseröhre und Magen an, der sich durch dauerhaftes Sodbrennen entzündet hat. Diese Schleimhautschicht wird verödet. Das passiert mit einem kleinen Ballon im Drahtgeflecht, durch das Strom geleitet wird. Dabei entsteht Hitze von etwa 60 Grad, die die Eiweiße der oberflächlichen Zellen verkocht. Sie werden hart, haben keine Flüssigkeit mehr und können den Strom nicht mehr weiterleiten. Das heißt, dass mit der Methode tiefere Schichten der Speiseröhre nicht verletzt werden können. Das ist physikalisch gar nicht möglich. In einem zweiten Schritt schabt man diese Schicht mit dem Endoskop ab, führt zur Sicherheit noch eine zweite Behandlung mit der Wärme durch, sodass man die erste und zweite Zellschicht verödet. Dann ist die Untersuchung schon zu Ende. Das ist nahezu schmerzfrei.

Worin liegt der Vorteil der Methode?

Die Idee ist, dass man schon behandelt, bevor der Krebs entsteht. Früher war es so, dass bei Entzündungen alle sechs bis neun Monate, bei der Krebsvorstufe aller drei Monate Kontrollen durchgeführt wurden. Das waren sehr unangenehme Magenspiegelungen. Wenn dann der Moment gekommen war, dass man Krebs gefunden hatte, wurde operiert. Man hat immer nur kontrolliert mit dem Ziel, den Krebs so früh wie möglich zu entdecken.

Ist eine Anschlussbehandlung nötig?

In acht bis zwölf Wochen führt man eine Kontrolle durch, in Einzelfällen wird die RFA wiederholt. Wenn dann alles in Ordnung ist, ist der Patient die Erkrankung los. Früher musste er lebenslang Tabletten einnehmen und mindestens einmal jährlich zur Kontrolle. Da der Krebs nicht ausgebrochen ist, wird eine Chemotherapie nicht nötig. Das ist das neue Paradigma in der Endoskopie, dass wir frühe Stufen von Tumoren ausschneiden und Zellen veröden, ehe der richtige Krebs entsteht.

Wie häufig und gefährlich ist der Speiseröhrenkrebs?

Es gibt zwei Stufen. Einmal den sehr gefährlichen in der mittleren Speiseröhre, den starke Raucher und Trinker entwickeln. Der ist in Deutschland immer mehr auf dem Rückzug. Die zweite Stufe entsteht durch den Säurereflux am Übergang zwischen Magen und Speiseröhre. Der hat innerhalb der letzten zehn Jahre dramatisch zugenommen, weil die Menschen immer dicker werden. Die Sterberate bei der Krebsart ist sehr hoch. Wenn Speiseröhrenkrebs einmal streut, ist das so wie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs: Er ist schwer zu behandeln, wenige Chemotherapeutika wirken gut, der Übergang zwischen Brustkorb und Bauchhöhle ist ein schwieriges Operationsgebiet. Außerdem sind Speiseröhrenoperationen Hölleneingriffe.

Wie kann man vorbeugen?

Durch gesunde Lebensweise. Nikotin, schwarzer Kaffee und Tee, Stress, scharfer Alkohol und vor allem späte Mahlzeiten befördern Sodbrennen, das Entzündungen verursachen kann. Reflux ist eine Volkskrankheit, jeder dritte Deutsche leidet darunter. Zehn Prozent davon bekommen die Entzündung, zehn Prozent davon bekommen die Vorstufe, jeder Zehnte davon erkrankt am Krebs. Hochgerechnet auf Deutschland ist das eine riesige Anzahl von Patienten, die betroffen sind.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.