merken
PLUS Bautzen

Zweite Chance für stillgelegte Strecken

Die Deutsche Bahn will alte Trassen wieder in Betrieb nehmen. Doch wo wäre das überhaupt möglich. Sechs Prognosen für Ostsachsen.

Kann diese Bahnstrecke zwischen Bautzen und Wilthen wiederbelebt werden? Die Chancen dafür sind eher gering. Derzeit liegen Äste und ganze Bäume über den Gleisen.
Kann diese Bahnstrecke zwischen Bautzen und Wilthen wiederbelebt werden? Die Chancen dafür sind eher gering. Derzeit liegen Äste und ganze Bäume über den Gleisen. © Steffen Unger

Bautzen. Noch vor drei Jahrzehnten war der Bautzener Bahnhof ein kleines Drehkreuz im Eisenbahnnetz. Von hier aus fuhren Züge nicht nur nach Dresden und Görlitz, sondern auch nach Bad Schandau über Wilthen, nach Berlin über Hoyerswerda und nach Löbau über Cunewalde. Von Kamenz fuhren einst Züge sogar bis nach Lübbenau im Spreewald. Doch nach 1990 fielen dem Rotstift viele Nebenstrecken zum Opfer – nicht nur in der Oberlausitz. Laut Bundesverkehrsministerium sind mehr als 5.400 Kilometer aus dem deutschen Streckennetz verschwunden. 90 Prozent davon lagen in den ostdeutschen Bundesländern.

Doch jetzt ist Schluss mit der Streichorgie, verkündete Ende 2019 die Deutsche Bahn AG (DB). Als Besitzerin des Streckennetzes will die DB keine Gleise mehr stilllegen, sondern stattdessen Trassen wieder in Betrieb nehmen. Bis zum Frühjahr 2020 sollte ein Paket von Strecken festgelegt werden, über das die Bahn dann mit dem Bund und den Ländern sprechen möchte. DB-Vorstand Ronald Pofalla sagte dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel":  Deutschland brauche „jeden Kilometer Gleis, um den wachsenden Verkehr zu bewältigen“.

Anzeige
Verkaufstalente aufgepasst!
Verkaufstalente aufgepasst!

Die August Holder GmbH in Dresden sucht Außendienst-Profis: Unbefristete Anstellung, geregelte Arbeitszeiten, attraktive Bezahlung und Firmenwagen.

Noch liegt das von der DB im Herbst angekündigte Streckenpaket nicht vor. Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsministerium möchte sich deshalb auch noch nicht zur möglichen Wiederbelebung von Bahnstrecken im Freistaat äußern. Die SZ wagt eine Prognose für sechs Strecken im Landkreis Bautzen.

Strecke Bautzen-Hoyerswerda

Auf der 1908 eröffneten Strecke rollten bis Anfang der 1990er-Jahre Schnellzüge der Verbindung Bautzen-Hoyerswerda-Berlin. Da aber Reparaturen am Gleis ausblieben, wurden die Züge immer langsamer und die Zahl der Fahrgäste sank. Ab 1999 bestellte der Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) zwischen Bautzen und Hoyerswerda keine Personenzüge mehr. 2001 wurde die Strecke offiziell stillgelegt und danach der größte Teil des Gleises abgebaut. Zwischen Bautzen und Hoyerswerda pendeln Busse.

Ein Wiederaufbau war kein Thema, bis 2018 die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ die Zukunft der deutschen Braunkohlereviere beriet. In ihrem Abschlussbericht hielt die Kommission fest, die Bahnstrecke Bautzen-Hoyerswerda könne den Tourismus und den Strukturwandel im Lausitzer Revier beflügeln. Doch bisher ist der Bau des neuen Gleises nicht endgültig beschlossen.

Fazit: Geringe Chancen

Strecke Bautzen-Cunewalde-Löbau

Die industrielle Revolution brachte einst die Bahn ins Cunewalder Tal, doch nach 1990 fuhren immer weniger Menschen mit. 1998 wurde die Strecke stillgelegt, in den folgenden Jahren wichen die Gleise einem Radweg. Einen Stumpf der Strecke bei Löbau nutzen noch die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde. Zwischen Bautzen und Löbau über Cunewalde pendeln Busse, über einen Wiederaufbau der Bahnstrecke spricht niemand.

Fazit: Keine Chancen

Strecke Bautzen-Wilthen-Neukirch-Neustadt

Die Strecke verband einst Elbtal, Sächsische Schweiz und Oberlausitz. Doch 2004 beschlossen die Verkehrsverbünde Zvon und Oberelbe (VVO) das Aus für den Abschnitt zwischen Bautzen und Neustadt. Zwischen Neustadt und Bad Schandau fahren weiter Züge. Bei Neustadt wich ein Teil des Bahngleises einer neuen Straße. Um diese vor allem bei Touristen beliebte Strecke wieder in Betrieb zu nehmen, müsste bei Neustadt ein neues Gleis verlegt werden.

Fazit: Geringe Chancen

Strecke Kamenz-Hosena-Hoyerswerda

Für keine Bahnstrecke in der Region stehen die Chancen besser. Bis 1998 fuhren zwischen Kamenz und dem südbrandenburgischen Hosena noch regelmäßig Personenzüge. Seitdem rollen hier Güterzüge sowie im Sommer hin und wieder die Lausitzer Seenlandbahn. An den Gleisen, Bahnhöfen und Signalen wären millionenschwere Instandsetzungen erforderlich, aber die würden sich lohnen: Zurzeit brauchen Züge zwischen Dresden und Hoyerswerda mehr als 90 Minuten, da sie eine West-Kurve über Großenhain nehmen. Über Kamenz und Hosena ließe sich gut eine Viertelstunde einsparen.

Fazit: Gute Chancen

Strecke Arnsdorf-Pirna

In den 1870er-Jahren entstand die Bahnstrecke zwischen Pirna und Kamenz. Durchgehende Personenzüge fuhren auf der Strecke aber nie, der Fahrplan kannte stets nur Pirna-Arnsdorf oder Kamenz-Arnsdorf. Seit 1998 rollen zwischen Pirna und Arnsdorf laut VVO-Beschluss keine Personenzüge mehr. Trotzdem kam die Strecke noch zweimal zu Ehren: Während Bauarbeiten in Dresden nahm der Eurocity Prag-Berlin den Umweg über Arnsdorf. Und als zur Flut 2002 keine Züge durchs Elbtal rollen konnten, blieb Pirna auf dem Schienenweg über Arnsdorf erreichbar.

Die Pläne, das Bahngleis nördlich von Kamenz für Züge zwischen Dresden und Hoyerswerda zu nutzen, könnten auch die Strecke zwischen Pirna und Arnsdorf neu beleben. Möglich wäre dann eine Zugverbindung zwischen Sächsischer Schweiz und Lausitzer Seenland mit Umstieg in Arnsdorf. Intern soll darüber schon gesprochen worden sein.

Fazit: Gute Chancen

Strecke Königsbrück-Straßgräbchen-Bernsdorf

Etwa 40 Kilometer lang war einst die Bahnstrecke zwischen Dresden und Straßgräbchen-Bernsdorf. Ab 1998 bestellte der VVO keine Züge mehr zwischen Königsbrück und Straßgräbchen-Bernsdorf. Seitdem pendeln Bahnen nur noch zwischen Dresden und Königsbrück. Zwischen Königsbrück und Bernsdorf fahren Busse, das Bahngleis wurde abmontiert.

Die Bahnstrecke bis nach Straßgräbchen-Bernsdorf zu reaktivieren hieße, zunächst wieder etwa 20 Kilometer Gleis zu verlegen. Dann bräuchte die Strecke wieder Signale, Bahnübergänge und weitere Infrastruktur.

Fazit: Keine Chancen

Wenn die DB Strecken wiederbeleben will, dann natürlich nicht zum Selbstzweck. Es müssen dann dort auch Züge rollen, und die muss jemand bestellen. Im Moment wären das die Verkehrsverbünde. Zvon und VVO ließen bis Mittwochnachmittag die SZ-Anfrage unbeantwortet, ob sie für eine oder mehrere der genannten Bahnstrecken wieder Personenzüge bestellen würden, sofern das Geld dafür reicht.

So schätzt SZ die Chancen für eine Wiederbelebung von stillgelegten Bahnstrecken ein.
So schätzt SZ die Chancen für eine Wiederbelebung von stillgelegten Bahnstrecken ein. © SZ Grafik

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier. 

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Bautzen