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Neue Erkenntnisse zum Rittergut Tiefenau

Das Schloss wurde nach dem Krieg abgerissen und soll als Golf-Resort neu erstehen. Die Anlage fasziniert nicht nur Laien, sondern auch Experten.

Am Rittergut Tiefenau geht es voran. Gleichzeitig wird zur Geschichte des Ortes geforscht.
Am Rittergut Tiefenau geht es voran. Gleichzeitig wird zur Geschichte des Ortes geforscht. © Sebastian Schultz

Wülknitz. Das Vorhaben dürfte über die Region hinaus einzigartig sein: Ein Holländer will ein nach dem Krieg abgerissenes Schloss in der Provinz neu aufbauen, um ringsherum ein Golfresort samt Ferienhäusern zu errichten. Während das Projekt in Tiefenau Schritt für Schritt weiter vorankommt, ist die Anlage jetzt auch in den Fokus der Wissenschaft geraten. 

Henrike Schwarz vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen widmet dem Schlossgarten jetzt einen mehrseitigen Beitrag im aktuellen Jahrbuch "Denkmalpflege in Sachsen". Dafür hat die Gartendenkmal-Expertin historische Pläne und zeitgenössische Beschreibungen ausgewertet, die bislang in der Tiefenau-Forschung unberücksichtigt geblieben waren.

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Die Referentin nutzt aber auch moderne Technik: So zeigt ein digitales Geländemodell, wie sich noch Jahrhunderte später zum Teil verschüttete Kanäle und Wasserbecken der Tiefenauer Gärten im Gelände widerspiegeln. Besonders markant hebt sich dabei ein Rundwall einer Burg aus dem 13. Jahrhundert östlich des Ritterguts von der Umgebung ab.

Um fasziniert von Tiefenau zu sein, genügte der Autorin aber offenbar ein Besuch vor Ort. "Da war einerseits der schockierende unübersehbare Verfall einer noch geschlossenen Hofanlage mit einer empfindlichen räumlichen Lücke, dort wo einst das Schloss gestanden hatte", schreibt die Denkmalpflegerin. "Andererseits waren da hochwertigste Skulpturen und Wasserbecken von praller barocker Lebenslust in einem Parterre voller Rosen, umschlossen von einer sehr hohen Mauer wie zum Schutz des letzten verbliebenen Paradieses in einer weiten Agrarlandschaft."

Diese Faszination erfasst auch den Laien, wenn er das direkt an der B 169 liegende Ensemble besichtigt. Vorausgesetzt, die Anlage ist nicht gerade aus Gründen der Baustellen-Sicherheit abgesperrt. Wobei der Verwalter des Objekts Wert darauf legt, dass der Rosengarten auch künftig frei zu betreten bleiben soll. Zuletzt waren dort die historischen Brunnen aufwendig erneuert werden sollen, die zu DDR-Zeiten nur provisorisch funktionsfähig gehalten wurden. 

600 Stämme Bauholz

Schwere Zeiten hatte der Ort aber schon mehrfach hinter sich. Im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden verwüstet, werden die damaligen Gebäude 1645 als "bis auf den Grund ruiniert" beschrieben. Eine der hochrangigsten Personen am königlich-kursächsischen Hof sollte sich als prägend für Tiefenau erweisen: August Ferdinand Graf von Pflugk, der von August dem Starken in den Rang des Oberhofmarschalls und Premierministers erhoben worden war. Der kaufte 1704 das Gut Tiefenau, das - so Henrike Schwarz - wohl gerade wegen seines heruntergekommenen Zustands die günstigsten Voraussetzungen bot, dort einen neuen Herrschaftssitz nach individuellen Vorstellungen anzulegen.

Womöglich hatte Pflugk für den Kauf einen guten Grund: Denn genau in dem Jahr musste sein Dienstherr August der Starke die polnische Krone abgeben. "In solch unruhigen Zeiten war der Erwerb eines Guts eine finanzielle Absicherung", schreibt die Denkmalpflegerin. Offenbar fand er in Tiefenau Platz genug, um einen prachtvollen barocken Neubau anzulegen. Die "geometrisch durchprojektierte, durch Wasserkanäle klar und wohlgeordnet gegliederte Anlage" deute laut Henrike Schwarz nicht auf einen Umbau bestehender Gebäude hin, sondern auf einen kompletten Neubau.

Belegt sei, dass Pflugk schon im Februar 1704 600 Stämme Bauholz für den Bau erhielt. Das brauchte er wohl auch: Das Schloss musste wegen des hohen Grundwasserstands der Röderaue sehr wahrscheinlich auf einem hölzernen Rost errichtet werden.

Der heutige Besitzer wird wohl mit weniger Holz auskommen - die Baumethoden haben sich in den vergangenen 300 Jahren gewandelt. Im Frühjahr 2020 hatte Bauherr Henry de Jong erklärt, das gesamte Areal solle bis Ende 2022 fertig sein. Dazu gehört nicht nur die Sanierung des Ritterguts, sondern auch der Neubau des Schlosses, das freilich nur von außen wie sein Vorgänger aussehen soll. Geplant sind auch noch Dutzende Ferienhäuser und eine neue Golfanlage.

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Das kürzlich erschienene Buch "Denkmalpflege in Sachsen. Jahrbuch 2019" ist erhältlich über den Buchhandel, 176 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Preis: 15 Euro. ISBN 978-3-95498-549-4

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Das Jahrbuch ist soeben erschienen.
Das Jahrbuch ist soeben erschienen. © Landesamt für Denkmalpflege

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