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Neue Heimat für den Doktor und das liebe Vieh

Die beiden Tierärzte Christin und Nick Veit haben in Schönau einen alten Vierseithof ausgebaut. Eine Seite ist für ihre Patienten.

© Matthias Weber

Von Susanne Sodan

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Der Weg zum Tierarzt hat in Schönau derzeit etwas Sakrales: Ein schwarzer Teppich führt zu einer großen Tür mit Rundbogen und nach drinnen zu einer Kirchenbank. Nur ist der schwarze Teppich gar kein Teppich, sondern Vliesstoff, auf dem bald noch Pflasterweg gelegt wird. Und der Rundbogen war einst eine Scheunentür. Die Kirchenbank im Wartezimmer ist aber wirklich eine Kirchenbank. „Die wurde aus der Dittersbacher Kirche ausgebaut“, erzählt Christin Veit. Sie darf die Sitzbank in ihrer neuen Praxis nutzen, für die Herrchen ihrer Patienten. Ein Stoßgebet nutzt dem ersten Patienten dieses Tages allerdings nichts. Für den Kater geht es zur Kastration.

Das Tierarzt-Paar Christin und Nick Veit ist seit vier Jahren in Schönau-Berzdorf. Jetzt sind sie von ihrer alten Praxis in eine neue umgezogen – und haben einen alten Vierseithof an der Hauptstraße wiederbelebt. Hier kommen jetzt historisches Gemäuer und moderne Medizintechnik zusammen. Durch das Torhaus geht es auf den Hof. Der rechte Flügel dient der Familie Veit als Wohnhaus, linkerhand ist die Praxis. Einst war sie ein Stall, heute riecht es drinnen noch ein bisschen nach frischer Farbe. Zuerst kommt man ins Wartezimmer, dahinter liegt das Behandlungszimmer. Hier sieht es aus, nun, wie beim Arzt: Behandlungsliege, medizinische Fachbücher, Medikamente im Regal, Spritzenkanülen in Plastikbehältern, ein Tropf steht in einer Ecke. An einem Regal hängt das Stethoskop. Was braucht man noch als Tierarzt? „Einen wachen Blick und geübte Hände“, antwortet Christin Veit. „Ein Tier kann mir nicht sagen, was ihm fehlt. Vielleicht ist das auch für mich das Interessante an der Tiermedizin.“ Sie muss sehen und ertasten können, wo die Ursachen für Beschwerden liegen. Ob es um eine Not-OP, eine Impfung, Wundversorgung oder Zahnsteinentfernung geht, ein ruhiger Umgang und Geduld sind ihr wichtig. „Es muss in der Tiermedizin nicht immer robust zugehen.“

Das Behandlungszimmer ist für die Kleintiere und Christin Veit. Um die großen Tiere in der Region kümmert sich ihr Mann Nick Veit. Er ist derjenige, der nachts öfter mal aus dem Bett muss, weil eine Kuh kalbt oder eine Stute fohlt. Auch in Zukunft wird er viel bei Außenterminen unterwegs sein. In dem Vierseithof hat er jetzt aber auch einen Behandlungsraum. In der Mitte steht eine Konstruktion, die einem großen Barren aus Metall ähnelt und an den Turnunterricht erinnert: ein Behandlungsstand für Pferde. „Manchmal kommt man draußen mit seinen Möglichkeiten nicht weiter“, erklärt Nick Veit. Hier, im Großtier-Behandlungsraum hat er kontrollierte Bedingungen. Untersuchung eines kranken Auges, eine Zahnbehandlung, eine Tumor-Op – für solche Fälle ist eine sterile Umgebung natürlich viel günstiger, erklärt er. Sogar Ultraschall und Röntgen sind hier möglich. Unterstützung bekommen die beiden Veterinärmediziner von drei Angestellten.

Ein Missverständnis hat die beiden Tierärzte vor vier Jahren nach Schönau-Berzdorf gebracht. „Selbstständig machen wollten wir uns“, erzählt Christin Veit. „Aber nicht in einer solchen Nacht- und Nebelaktion.“ Das Paar wollte eigentlich eine bestehende Praxis in der Region übernehmen. Aber kurz vor knapp zerschlugen sich die Pläne. Da waren Veits aber schon in die Oberlausitz gezogen. Zurückgehen nach Magdeburg war für sie keine Option. Was tun? Die beiden eröffneten ihre eigene Praxis und mieteten sich dafür im ehemaligen Melkhaus ein, das liegt ebenfalls an der Hauptstraße in Schönau. Innerhalb von drei Wochen richteten sie die Praxis dort ein, mit viel Hilfe der Nachbarn und der Familie. „Sie hatten einen großen Anteil daran, dass das möglich war“, sagt Christin Veit. „Ich hätte damals auch nicht gedacht, dass wir als Neulinge hier so gut Fuß fassen könnten“, sagt sie. „Es war die beste Entscheidung.“ Die neue Tierarztpraxis sprach sich schnell rum bei den Tierhaltern, es kamen immer mehr Patienten. So viele, dass sich Veits entschieden, hier ein Haus zu kaufen. Möglichst eines, in dem auch die Praxis größer ausfallen könnte.

Der Hof an der Hauptstraße 5, der war Christin und Nick Veit unabhängig voneinander aufgefallen. Und beiden gefiel er. Aber er stand gar nicht leer. Eine ältere Dame lebte hier, im Wohnhaus-Flügel. Veits sprachen die Familie an und fragten, ob ein Kauf möglich wäre. Er war möglich, unter einer Bedingung: Die ältere Dame wollte in dem Flügel wohnen bleiben. Kein Problem für Veits, ist ja Platz genug. Und so konnte es losgehen. Allerdings hat die Geschichte auch einen traurigen Part. Das Ergebnis der Sanierung kann die Frau nicht mehr sehen, sie ist inzwischen verstorben.

Im Herbst 2016 begannen Veits mit der Sanierung. Um Unterstützung zu bekommen, hatten sie sich beim Förderprogramm Leader beworben. Ursprünglich war geplant, nur einen Flügel zu erneuern und dort sowohl die Wohnung als auch die Praxis unterzubringen. Der Architekt aber habe gesagt: „Wenn ihr das macht, dann macht es richtig.“ Ein Flügel zum Wohnen, ein Flügel als Praxis. Ein Vorschlag mit Herausforderung. Denn der Stall-Flügel links sbestand im Grunde nur noch aus seinen vier Wänden. „Aber die Handwerker haben es geschafft, aus einem fast baufälligen Haus in kurzer Zeit ein Praxisgebäude zu machen“, sagt Christin Veit.

Einst war der Vierseithof ein großer Landwirtschaftsbetrieb, erzählt sie. Und das soll man weiterhin ruhig sehen. Die großen Scheunentore haben jetzt zwar Glas- statt massive Holztüren, aber an den Konturen der Gebäude hat sich nichts geändert. „Wir wollen das Gesicht des Hofes erhalten und nichts totsanieren“, sagt Frau Veit. Als sie mit den Arbeiten begannen, entdeckten sie in den Flügeln, die leerstanden, manche Übrigbleibsel aus vergangenen Tagen, darunter alte Milchglasfenster. Wenn möglich, wollen sie diese Dinge integrieren. Die Milchgasfenster werden derzeit zu großen Leuchtschirmen für die Lampen im Wartezimmer der Praxis hergerichtet. Einiges bleibt auch noch zu tun, beispielsweise eben die Pflasterung für den Weg zum Praxiseingang. Im Wohnhaus-Flügel steht auch noch Arbeit an, und der dritte Flügel, der die beiden anderen verbindet, muss noch ein bisschen durchhalten, bis er an der Reihe ist. „Die Praxis ging erstmal vor.“ Der Teppich für die Patienten ist schon ausgerollt.