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Alstom darf Bombardier kaufen

Der französische Konzern darf die Schienensparte übernehmen. EU-Wettbewerbshüter haben zugestimmt. Die IG Metall sieht das überwiegend positiv.

Bombardier-Mitarbeiter Rico Pretze prüft im Bautzener Werk die Räder eines neuen S-Bahn-Wagens für Hamburg. 2021 will der französische Alstom-Konzern den Konkurrenten Bombardier übernehmen.
Bombardier-Mitarbeiter Rico Pretze prüft im Bautzener Werk die Räder eines neuen S-Bahn-Wagens für Hamburg. 2021 will der französische Alstom-Konzern den Konkurrenten Bombardier übernehmen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen/Görlitz. Die seit Monaten verkündete Hochzeit auf dem Schienenfahrzeugmarkt kann stattfinden. Die Wettbewerbshüter der Europäischen Kommission gaben dem französischen Bahntechnik-Konzern Alstom am Freitag grünes Licht für den beabsichtigten Kauf des kanadischen Noch-Konkurrenten Bombardier Transportation. Alstom hatte den Kauf seit Februar angekündigt, gleichzeitig möchte Bombardier seine angeschlagene Schienenfahrzeugsparte loswerden.

Der Kauf soll im ersten Halbjahr 2021 über die Bühne gehen. Das bestätigt ein Alstom-Sprecher gegenüber Sächsische.de. Insidern zufolge will Alstom für Bombardier Transportation zwischen 5,8 und 6,2 Milliarden Euro zahlen. Der Freistaat Sachsen will die Transaktion finanziell flankieren, indem er für das Geschäft von Bombardier eine Landesbürgschaft übernimmt.

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Damit bekommen die rund 2.300 Waggonbauer in Bautzen und Görlitz künftig französische statt kanadische Inhaber. Alstom will die beiden Werke nicht antasten. Das versicherte Konzernchef Henri Poupart-Lafarge im französischen Radiosender France Inter. Er sprach von "zahlreichen Aufträgen", die zu erledigen seien. "Wir werden alle brauchen."

Fast alle - denn vor der Fusion will Alstom noch sein Werk im elsässischen Reichshoffen verkaufen. Bombardier trennt sich von Teilen seines Werkes in Hennigsdorf bei Berlin. Das kündigten beide Unternehmen bereits vor Wochen an, um mögliche Vorbehalte der EU-Wettbewerbskommission auszuräumen. In beiden Werken werden vor allem Regionalzüge gebaut.

Weltweiter Markt wird neu sortiert

Die von der Dänin  Margrethe Vestager geleitete Kommission möchte nicht, dass ein Unternehmen allein den Markt für bestimmte Produkte beherrscht. Das wäre bei Regionalzügen der Fall. In diesem Segment haben Alstom und Bombardier in Frankreich 100 Prozent Marktanteil, kein anderes Unternehmen baut dort Regionaltriebwagen. In Deutschland kommen beide Konzerne zusammen auf 70 Prozent Marktanteil.

Wenn Alstom nun Bombardier kauft, hätten die Franzosen bei Regionalzügen im eigenen Land gar keinen Konkurrenten mehr, in Deutschland würden sie fast drei Viertel des Marktes dominieren. "Solche dominierenden Marktstellungen versucht die EU zu verhindern", erklärt Maria Leenen. Sie führt die Geschäfte des Beratungsunternehmens SCI Verkehr in Hamburg, das als ausgewiesener Branchenkenner gilt.

Nach Einschätzung von SCI wird die Übernahme von Bombardier durch Alstom den europäischen, aber auch den weltweiten Markt für Schienenfahrzeuge neu sortieren. Mit dem fusionierten Branchenriesen entsteht eine stärkere Nummer zwei auf dem Weltmarkt nach dem unangefochtenen Branchenprimus CRRC aus China.

Zurzeit ist Bombardier das nach Umsatz zweitstärkste Unternehmen vor Alstom. Der dann größere Alstom-Konzern wird den Chinesen besser Paroli bieten können. Das wollte Alstom vor einem Jahr schon mit der Bahnsparte des Siemens-Konzerns erreichen, doch diese Fusion untersagte die EU. 

Die Industriegewerkschaft Metall fürchtet allerdings, CRRC könne die Betriebsteile kaufen, die Alstom und Bombardier vor ihrer Hochzeit abgeben. "Sollte CRRC Zugriff auf deutsche Werke erhalten, holen wir die roten Fahnen raus", sagte IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner der Zeitschrift Wirtschaftswoche. "Wir werden das nicht akzeptieren.“

Gewerkschaft sieht Alstom in der Pflicht

Ein stärkerer Alstom-Konzern kann besser mit den Chinesen mithalten - das ist auch die Ansicht von Jan Otto, Ostsachsen-Chef der IG Metall. Er bewertet den  Kauf von Bombardier durch Alstom positiv. "Ich sehe nicht, wie Bombardier allein noch mal auf Kurs kommen will", sagt Otto. Er sieht Alstom jetzt in der Pflicht für die hiesigen Werke - aber auch die Deutsche Bahn AG als bundeseigenen Großkunden.

Der Gewerkschafter weiß, dass in den nächsten Monaten noch Verhandlungen mit Bombardier bevorstehen. Im Kern geht es um ein Sparprogramm, das die Kanadier vor dem Verkauf durchziehen wollen und dabei auch finanzielle Zugeständnisse von der Belegschaft erwarten. Unter anderem soll an Urlaubs- und Weihnachtsgeld gespart werden. "Wenn die Mitarbeiter auf Leistungen aus dem Tarifvertrag verzichten, muss das nachhaltig der Beschäftigungssicherung dienen", betont Otto. "Und irgendwann müssen diese Leistungen an die Mitarbeiter zurückgezahlt werden." Deshalb sitze bei den Verhandlungen immer auch schon Alstom mit im Boot.

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) begrüßt die Einigung. "Diese Klarheit ist wichtig für den traditionsreichen Bahnstandort Sachsen", sagte er. "Nun setzen wir darauf, dass Alstom die Potenziale unserer beiden sächsischen Werke an den Standorten Bautzen und Görlitz erkennt und diese mit seinen engagierten, gut ausgebildeten und erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erhalten wird."

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