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Neue Inseln für die Lausitz

Bessere Wasserqualität, neuer Lebensraum für Pflanzen und Tiere: Auf den Tagebauseen könnten bald grüne Matten schwimmen.

Von Jana Mundus
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Sehen aus wie Inseln, sind aber keine. Noch sorgt der winterliche Eispanzer dafür, dass im Lausitzer Seenland Inselflair entsteht. Ein Wissenschaftler würde in den Tagebauseen allerdings gern schwimmendes Grün zu Wasser lassen. Das wäre gut fürs Klima. Au
Sehen aus wie Inseln, sind aber keine. Noch sorgt der winterliche Eispanzer dafür, dass im Lausitzer Seenland Inselflair entsteht. Ein Wissenschaftler würde in den Tagebauseen allerdings gern schwimmendes Grün zu Wasser lassen. Das wäre gut fürs Klima. Au © dpa/Patrick Pleul

Schwimmende Inseln mitten im See. Komplett künstlich und trotzdem natürlich. Die will ein Dresdner Wissenschaftler in Zukunft auf Tagebauseen ansiedeln. Wo sich früher riesige Abraumbagger in die Erde gruben, erholen sich heute schon Touristen. Wo auf den Bändern großer Förderbrücken Braunkohle transportiert wurde, entsteht Europas größte künstlich geschaffene Wasserlandschaft. Ehemalige Tagebaue werden dafür geflutet, zwei Dutzend Seen durch schiffbare Kanäle miteinander verbunden. Das ehemalige Braunkohlegebiet der Lausitz wird zum Urlaubsziel. Bis 2021 soll die Flutung abgeschlossen sein.

Am Riegsee in Bayern gibt es nicht nur Wasser und Berge zu sehen. Seit einigen Jahren ist er auch für seine schwimmenden Inseln bekannt. Die sind keine Inseln im eigentlichen Sinn. Sie bestehen aus einem Geflecht aus Moosen, Moorpflanzen oder anderen Pflanzenteilen, die sich vom Ufer lösen und sich danach über die Wasseroberfläche bewegen. Die größte war zweieinhalb mal so groß wie ein Handballfeld. Die Inseln im Riegsee machen vor allem eins: Stress. Denn das Betreten ist lebensgefährlich, weil Menschen einbrechen und durch eine Art Sog nach unten ins Wasser gezogen werden können. Deshalb müssen sie von den Behörden immer wieder verankert werden. Für die Natur ist das schwimmende Grün allerdings hervorragend. Es speichert und verdunstet Regenwasser.

Es grünt im See, in der Hamburger Alster oder der Berliner Spree. Lebende Inseln schwimmen auf dem Wasser. Nicht nur, weil das hübsch aussieht, sondern weil das gut fürs Stadtklima ist. So denkt sich das Henning Günther, an der Dresdner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Professor für Garten- und Landschaftsbau. Seit fast 20 Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich mit den Inseln, hat ergründet, woraus sie bestehen und warum sie schwimmen. Das Ziel: künstliche Inseln nach den realen Vorbildern bauen.

„Solche Inseln entstehen auf natürlichem Weg in den Uferbereichen von Stillgewässern“, erklärt der Landschaftsarchitekt. Aus Moosen, Schilf oder Gräsern wachsen sie wie ein schwimmender Rasen vom Ufer aus auf die Wasseroberfläche. Bei Sturm, Wasserstandsschwankungen oder durch den Wellengang lösen sie sich später und treiben auf den Teich oder See hinaus.

Schilf-Gabionen sollen die schwimmenden Inseln kopieren. 
Schilf-Gabionen sollen die schwimmenden Inseln kopieren.  © privat

Günther erkannte die Vorzüge dieser Vegetationsstrukturen für Gewässer in Städten. Nicht nur wegen der erhöhten Verdunstung. Sie stellen einen idealen Ort für Pflanzen und Tiere dar. Die frei im Wasser schwebenden Wurzeln sind ein Lebensraum für wasserreinigende Mikroorganismen. Die Inseln werden damit zu schwimmenden Pflanzenkläranlagen. Zudem wären sie pflegeleicht. Hitzeperioden im Sommer würden ihnen nichts anhaben können, bei Hochwasser schwimmen sie einfach oben. Es wäre perfekt.

Doch dafür muss Henning Günther ergründen, wie künstliche Inseln beschaffen sein müssen. Versuche dazu gab es schon. Unter anderem auf dem Schollener See in Sachsen-Anhalt. Dafür entwickelten die Wissenschaftler eine Gabione aus Schilfrohr. Trockene Schilfrohrhalme wurden dafür von einem Drahtgitter zusammengehalten und mit Röhrichtarten bepflanzt. Auf dem See wurde dann untersucht, wie sich der Wellengang auf die Inseln auswirkt. Mit der Zeit durchdrangen die Pflanzen den Gabionenkörper, Torf bildete sich. Doch ganz ideal war die Bauweise noch nicht. „Nach zwei, drei Jahren sehen sie einfach, dass das künstlich ist.“

Die künftigen Inseln müssen ohne Draht oder Kunststoffe auskommen. Dafür werden ausschließlich organische oder biologisch abbaubare Materialien eingesetzt. „Das wären organische Matten aus lebenden und abgestorbenen Pflanzen“, sagt Günther. Ein wichtiger Faktor, damit sie schwimmen, könnten Sumpfgase sein. Sie bilden sich als Abbauprodukte der Pflanzen. Die kleinen Gasbläschen steigen auf und verfangen sich in der Wurzelstruktur. Das bringt Auftrieb. Die Insel schwimmt.

Henning Günther würde das gern möglichst bald auf den Tagebauseen der Lausitz ausprobieren. Wie verhalten sich die künstlichen Gebilde auf einem gefluteten See, wie unterstützen sie das Leben im und am Wasser? Wenn das funktioniert, könnten die Inseln später sogar schon zu Beginn einer Flutung auf die Wasseroberfläche gesetzt werden. Dann wächst das Grün im See. In 50 Jahren könnten sie dann an den Rand gezogen und verankert werden. Üppiges Grün für das Ufer.