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Neue Lebenshilfe-Werkstatt ist fertig

Nach Bauverzug nun endlich Umzug: 72 Menschen mit einer seelischen Behinderung arbeiten jetzt im Neubau an der Löbtauer.

© André Wirsig

Von Linda Barthel

Zahlreiche schwarze Reife hängen an der Wand oder liegen auf dem Boden. Schraubendreher reihen sich an Zangen und anderes Werkzeug. Michael Kirst setzt den Inbusschlüssel mit der rechten Hand am Vorderrad an. Mit der linken prüft er zeitgleich, ob die Bremse noch richtig greift. Schließlich soll der Kunde nach der Durchsicht weiter gefahrenfrei durch die Stadt radeln können. Zuvor hat der 33-Jährige bereits ein Fahrrad repariert. Schaltung und Bremsen mussten neu eingestellt und die Schläuche gewechselt werden. Seit knapp sechs Jahren kümmert sich Kirst mit zwei Kollegen um die in der Fahrradwerkstatt der Lebenshilfe Dresden abgegebenen Räder. Diese ist vor wenigen Tagen in einen Neubau an der Löbtauer Straße gezogen. 72 seelisch angeschlagene Menschen arbeiten dort auf zwei Etagen.

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Neben der Radwerkstatt gibt es hier auch eine Stuhlflechterei, die Elektro- und Handmontage, eine Tischlerei und die Aktenvernichtung. „Mir gefällt es in den neuen Räumen sehr. Wir haben mehr Licht und Platz“, sagt Kirst. Eine große Verbesserung im Vergleich zum alten Standort an der Marienstraße 20. Weil sich die Lebenshilfe-Werkstätten auf der unteren Etage im Büro- und Ärztehaus befanden, war es dort sehr dunkel und eng. „Wir hatten auch kein Lager. Die Materialien wurden teilweise in den Sozialräumen gelagert, wo sie Stolperfallen waren“, sagt Hausleiter Sven Ponndorf-Gorgas. „Im Winter ist es in den Räumen außerdem immer kalt gewesen, und vor den Fenstern waren Gitter, die der Vormieter angebracht hatte“, sagt der 34-Jährige. „Die Decken sind am Ende auch beinahe eingebrochen.“

Die Werkstatt an der Marienstraße war zudem ein wenig versteckt und deshalb schwer zu finden. „Wir hatten zum Beispiel häufig Probleme, am Telefon den Anfahrtsweg zu beschreiben“, sagt Ponndorf-Gorgas.

Im neuen Domizil in der Friedrichstadt seien die Bedingungen dagegen ideal. Groß prangt das Lebenshilfe-Logo an der Stirnseite des Gebäudes und macht es damit schon von Weitem erkennbar. „Wir genießen das neue Haus“, sagt der Dresdner. In den Neubau zwischen dem Dynamo-Fanhaus und dem neuen Freizeitpark, der ursprünglich bereits Ende 2013 fertig sein sollte, wurden knapp 2,5 Millionen Euro investiert.

Zunächst war sich der Hausleiter unsicher, wie die seelisch erkrankten Mitarbeiter auf die neue Umgebung reagieren. „Wir wussten ja nicht, ob sie sich hier wohlfühlen und auch alles finden“, so Ponndorf-Gorgas. Schließlich änderte sich mit dem Umzug auch der seit mehr als zehn Jahren gleiche Arbeitsweg. „Es hat aber alles super geklappt“, sagt er.

Auch die anfänglichen Bedenken, ob die Kunden den neuen Standort finden, waren unbegründet. Der von 8 bis 16 Uhr geöffnete Fahrradladen im Erdgeschoss ist besonders bei schönem Wetter gut besucht. „Wir merken vor allem, dass unser Schaufenster große Wirkung hat. Die Laufkundschaft ist viel größer als an der Marienstraße“, sagt Werkstattleiter Michael Bohn. Schon während des Baus hätten Passanten häufig am Schaufenster haltgemacht. Besonders Studenten lassen ihr Rad von den Mitarbeitern der Lebenshilfe reparieren, bringen es zur Durchsicht oder kaufen eines der angebotenen Modelle. Diese gebrauchten Räder kommen von Wertstoffhöfen, Fundbüros oder Privatleuten und werden von Michael Kirst und seinen Kollegen erneuert. Sie kosten zwischen 40 und 300 Euro.

Im Laden sollen jedoch nicht nur Räder verkauft und repariert werden. „Bald bieten wir auch Deko- und Schmucksachen aus Filz und Ton an, die wir hier herstellen“, sagt der Werkstattleiter. Am 15. Mai könnte es schon so weit sein. Dann werden die neuen Räume an der Löbtauer Straße zwischen 13 und 16 Uhr bei einem Tag der offenen Tür präsentiert.